Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Metoo

Von Bezichtigungen und scheußlichen Versen

Der Kulturjournalist Björn Hayer betrachtet die Diskussion um den Rammstein-Sänger Till Lindemann, der Frauen für sexuelle Übergriffe gecastet haben soll.
Till Lindemann
Foto: IMAGO/Carlos Santiago/ Eyepix Group (www.imago-images.de) | Till Lindemann steht im Verdacht, Frauen für sexuelle Begegnungen gecastet zu haben. Auch Drogen sollen im Spiel gewesen sein.

So schreibt Hayer in seiner Kolumne „Hayers Horizonte“: „Seit #Metoo kommen beinah täglich Beschuldigungen gegen prominente Männer wegen sexueller Übergriffe auf, deren Lebenswerk dadurch, unabhängig von einer intensiven Beweisprüfung, oft zerstört wird. Kevin Spacey, Plácido Domingo, Gerard Depardieu etc. Keine Frage: Wer sexuelle Gewalt erfuhr, dem oder der muss Gerechtigkeit widerfahren. Doch in dem neu entfachten Krieg der Geschlechter scheint sich der Eindruck aufzudrängen, die Bezichtigung werde auch als Waffe mit maximaler Schlagkraft eingesetzt.“

Lesen Sie auch:

Grenzen überschritten

Und weiter: „Im aktuellen Fall des Rammstein-Sängers Till Lindemann scheinen die Dinge hingegen anders zu liegen, zumal sich die Anschuldigungen gegen ihn durch mehrere Zeugenaussagen verdichten. Die Causa: Er soll ein ganzes System errichtet haben, in dem Frauen für die Pre- und Aftershow von Konzerten ‚gecastet‘ worden sind ¬¬¬– für sexuelle Begegnungen. Man fragt sich zwar, warum die teils gar nicht aus dem Fan-Kreis Angeworbenen überhaupt der Einladung folgen. Zumal es ja auf der Hand liegt, dass man sich in der Stimmung vor und nach dem wilden Auftritt nicht bloß zum Kaffeeklatsch verabredet. Aber spätestens wenn, wie behauptet wird, auch noch Drogen im Spiel seien, die die Opfer gefügig machen sollten, ist die Grenze von der moralischen Bedenklichkeit zum Verbrechen überschritten.“

Björn Hayer kommt zu dem Fazit: „Erneut offenbart sich, dass Machtgefälle den Nährboden für Missbrauch bieten.“ Manche (scheußliche) Verse des Sängers würden dazu wie ein Geständnis klingen. DT/mee

Der Kulturjournalist Björn Hayer betrachtet die Diskussion um den Rammstein-Sänger Till Lindemann. Lesen Sie den ganzen Text in der Ausgabe der „Tagespost“ vom 9. Juni.

Themen & Autoren
Vorabmeldung Björn Hayer

Weitere Artikel

„Rammstein“-Sänger Till Lindemann soll Frauen für sexuelle Übergriffe gecastet haben – ein Vorwurf, der sich von anderen Fällen durchaus unterscheidet.
10.06.2023, 05 Uhr
Björn Hayer
Die Kultur der Übersensibilisierung kann nicht nur Karrieren (fast) zerstören, sie bedroht auch den Rechtsstaat.
03.08.2023, 19 Uhr
Björn Hayer

Kirche

Bei „Mariä Himmelfahrt" geht es weniger darum, ob Maria gestorben ist, als um die Hoffnung auf die Auferstehung und die Vollendung des Menschen bei Gott.
15.08.2026, 04 Uhr
Dorothea Schmidt
Katechismuslesen reicht nicht: Warum der Abtprimas der Benediktiner, Jeremias Schröder, der Mutter Jesu große Bedeutung für seinen Glauben beimisst.
14.08.2026, 15 Uhr
Esther von Krosigk
In Obertshausen erinnert neuerdings eine Statue an den Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz und an den spanischen Wallfahrtsort Caravaca de la Cruz.
14.08.2026, 09 Uhr
Oliver Gierens
Der eskalierende Streit zwischen Kirche und Regierung beschädigt die Autorität beider Seiten und spaltet ein Land, das von unfreundlichen Nachbarn umgeben ist.
14.08.2026, 17 Uhr
Stephan Baier
Tod in der Arena oder lebendig begraben im Bergbau? Im dritten Jahrhundert wurden auch Päpste zu Märtyrern. Der 13. August ist der Gedenktag des heiligen Papstes Pontianus.
12.08.2026, 21 Uhr
Claudia Kock