Ich will die Kirche nicht verraten, die wir besuchten - auch nicht das Großwerk der Sakralmusik, auf das wir uns seit Tagen freuten. Es könnten sich Personen wiedererkennen. Meine Frau und ich hatten sehr zeitig unsere Plätze eingenommen, - einesteils, um gut zu hören, andererseits, um uns innerlich und geistlich zu öffnen für das, was über das Sagbare hinausgeht und nur der Musik zu beschwören möglich ist. Niemand hat schöner über die Grenzen der Worte geschrieben, als ein mit mit dem Wort Gottes „gewaltig Bewaffneter“: Karl Barth. Im dritten Band seiner Kirchlichen Dogmatik - dort, wo er über die Schöpfung spricht, (genauer: dort, wo er auf Ihre Entstellung in Chaos, Leid und Elend zu sprechen kommt) - singt er das Hohelied des Mannes Mozart, den er unter die Theologen rechnet „obwohl er kein Kirchenvater und dem Anschein nach nicht einmal ein besonders beflissener Christ - und überdies auch noch katholisch! - gewesen ist ..“ Warum? Weil er die „in ihrer Totalität gute Schöpfung“ hörte, das „was wir am Ende der Tage einmal sehen werden: die Schickung im Zusammenhang … den Einklang der Schöpfung, zu der auch das Dunkel gehört, in welchem aber auch das Dunkel keine Finsternis ist, auch der Mangel, der doch kein Fehler ist, auch die Traurigkeit, die doch nicht zur Verzweiflung werden kann … das Licht, das darum so strahlt, weil es aus dem Schatten hervorbricht, die Süßigkeit, die auch herbe ist und darum keinen Überdruss nach sich zieht …“
Wo Frühlingsfee auf Zottelbär trifft
Nicht über Mozart, Monteverdi oder Bach will ich weiter nachdenken, sondern über einen vormusikalischen Moment, der den Raum der Resonanz bestimmen sollte und uns die Augen des Herzens öffnete. Drei Bänke vor uns hatte ein bezauberndes junges Paar Platz genommen, das bald unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm: Sie, im schwingenden Frühlingskleid, ein feenhaftes Wesen mit blitzenden Augen und Stupsnase, er, ein ruppiger Zottelbär, an dem das Liebenswerte erst auf den dritten Blick zu erkennen war. Die beiden strahlten, waren auf eine kindlich wortlose Weise einander zugetan, so, als seien sie allein auf der Welt. Allenfalls der Liebe Gott im Paradies mochte ihnen zuschauen. Alle Augenblicke wandten sie sich einander zu, lachten sich an, innig verbunden im Blick auf den anderen. Sie berührte ihn an der Schulter, legte seine Zottellocken zurecht. Er lächelte selig. Das ging so über eine Viertelstunde, setzte sich auch fort, als Musik dazukam. Mir war klar, was Leute denken mochten: „Die sind bestimmt behindert!“, - „Die sind nicht ganz normal!“ …
Das Konzert war wunderbar, so wunderbar, dass wir auf dem Nachhauseweg lange schwiegen, um die Berührung durch große Musik nicht durch Worte zu banalisieren. Zuerst war ich es, der die Sprache wiederfand: „Weißt Du, was mich am meisten bewegte? Was mich bereit machte, alle Kritik zu vergessen, … einfach nur zu hören?!“ Meine Frau lächelte: „Ich weiß es. Dieses kindliche Pärchen da, drei Bänke vor uns! Es hatte - sagen wir mal - Reinheit …“ So ist es wohl. Um große Musik zu hören, muss man „rein“ sein. Oder nicht ganz normal. Wir hatten zu danken für eine Vorschule des wahren Hörens.
Der Autor ist Publizist und Gründer der Initiative „Neuer Anfang“
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