Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung "Das Tagestor" - Die EM-Kolumne

Ein Eigentor, ganz ohne Not

Sowohl im Fußball als auch in der Politik gilt: Nicht jeder Treffer ins eigene Netz schmerzt gleichermaßen.
Eigentor von Robin Le Normand
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | Durch einen guten Angriff erzwungen: Spaniens Verteidiger Robin Le Normand bei seinem Eigentor im Spiel gegen Georgien.

Ganze zehn Eigentore sind bei dieser Europameisterschaft schon gefallen. Damit nähert sich dieses Turnier dem bisherigen Höchstwert von elf Treffer ins eigene Netz, der bei der letzten EM im Jahr 2021 aufgestellt wurde. Davor lag die Schlechtestmarke bei gerade mal drei Eigentoren im Laufe einer Europameisterschaft.

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Wie ist dieser rasante Anstieg zu erklären? Werden etwa die Abwehrspieler immer schlechter? Diese Annahme scheint angesichts stetig fortschreitender Professionalisierung des Fußballsports abwegig zu sein. Weitaus plausibler ist dagegen die Annahme, dass die Eigentorserie an der Qualität der Offensive liegt. Die mit großem Tempo vorgetragenen Angriffe über die Flügel und die scharfen Hereingaben bringen die Abwehrspieler in ein echtes Dilemma: Halten sie den Fuß hin, besteht das Risiko, dass sie den Ball selbst in den eigenen Kasten befördern. Bleiben sie weg, kann der hinter ihnen lauernde Stürmer die Kugel über die Linie drücken.

Es gehört also zum Methodenarsenal einer erfolgreichen Attacke, den Gegner so unter Druck zu setzen, dass er sich letztlich selbst erledigt. Diese Weisheit gilt nicht nur vom Fußball und Konsorten, sondern auch vom Leben außerhalb der Welt des Sports.

Kroos und das Eigentor von 2015

Ob bei einer wissenschaftlichen Debatte oder der politischen Auseinandersetzung: Man muss nicht jeden Stich selbst machen. Manchmal ist es effektiver den Gegner so lange zu bearbeiten, bis er sich in einem Widerspruch oder einer Lüge verfängt und damit selbst ein Bein stellt.

Während man ein erzwungenes Eigentor leichter ertragen kann, weil man es der Kompetenz des Rivalen zuschreiben kann, sind Eigentore, die man ganz ohne Not und Druck des Gegners erzielt, besonders schmerzhaft. In diesem Fall kann man niemand anderem die Schuld geben als sich selbst. 

Toni Kroos hat jüngst in einem Fernsehinterview indirekt auf ein solches selbstverschuldetes Eigentor gesellschaftlichen Ausmaßes aufmerksam gemacht: Er wolle um der Sicherheit seiner Kinder willen nach seinem Karriereende bei Real Madrid lieber in Spanien bleiben. Deutschland sei nicht mehr das Land, das es einmal war. Der Hauptgrund dieser negativen Entwicklung ist kein Geheimnis: Angela Merkels „Wir schaffen das!“ aus dem Jahr 2015 hat sich nicht als Volltreffer, sondern als bitteres Eigentor erwiesen.

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