Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Das "Tagestor" - Die EM-Kolumne

Spanien und England im Endspiel: Sind wir eigentlich noch zu retten?

Die Welt scheint aus den Fugen, viele propagieren ein globales Endspiel. Das bevorstehende Endspiel im Stadion wirkt da wie ein Trost und Hoffnung spendendes Kontrastprogramm.
Am Sonntag treffen Spanien und England im EM-Finale aufeinander
Foto: IMAGO/Adam Davy (www.imago-images.de) | Wenn am Sonntag England und Spanien im EM-Finale aufeinandertreffen, dann dürfen wir sowohl die Dystopie der Beckett‘schen Verlorenheit draußen in der Welt als auch die möglicherweise utopisch anmutende Verheißung ...

Olympiastadion Berlin, Fußball-Europameisterschaft. „Endspiel“. Das Wort entfaltet seine ganze, geheimnisvolle Wirkkraft erst dann, wenn man es aus jeglichem Bedeutungszusammenhang herauslöst und in Gehalt und Klang freistellt. Das „Endspiel“ ist dann nicht das letzte Spiel eines Fußballturniers oder der Schluss einer Schachpartie.

„Endspiel“: das klingt nach existenzieller Bedrohung, nach letzter Chance, nach letzter Generation. Samuel Beckett muss diese dystopische Aufladung des „Endspiels“ gespürt haben, als er sein berühmtes Stück von 1957 „Fin de la partie“ und englisch „End Game“ nannte, das Hauptwerk des Absurden Theaters. Aber würde man heute auch noch von „absurd“ sprechen? Becketts szenische Welt ist die namenlose Apokalypse, der Untergang. Die Beziehungen seiner Figuren: dunkle Machtverhältnisse. Über der Bühne schwebt der Tod. Sterben dominiert Leben. Es geht zu Ende. Irgendwie klingt das alles sehr heutig.

Eine endlos-zeitvergessene Angelegenheit

Und der Fußball? Der leiht sich in seinen Endspielen, die im Beckett‘schen Sinn gar keine sind, für einen Moment das dem Wort innewohnende Drama, die ultimative Begriffswucht. Spielen ist eigentlich eine endlos-zeitvergessene Angelegenheit.

In einer Radiopredigt zur Fußballweltmeisterschaft 1978 erkannte der damalige Münchner Kardinal Erzbischof Joseph Ratzinger im Spiel „…ein Tun, das ganz frei ist, ohne Zweck und ohne Nötigung…“ Im Spiel erreicht der Mensch womöglich seine höchste Form von Freiheit, einer Freiheit, die ihn der Sorgen des Alltags enthebt und in eine temporäre Überwirklichkeit versetzt. Ratzinger weiter: „In diesem Sinn wäre das Spiel also eine Art von versuchter Heimkehr ins Paradies.“ In ein Paradies, wo zwar auch Regeln gelten, die aber, hält man sie ein, die Freiheit absichern. Sonst droht Vertreibung.

Wir wollen im Spiel bleiben

Existenzialistisch-aussichtslos einerseits, verheißungsvoll paradiesisch andererseits: Wenn am Sonntag England und Spanien im EM-Finale aufeinandertreffen, dann dürfen wir sowohl die Dystopie der Beckett‘schen Verlorenheit draußen in der Welt als auch die möglicherweise utopisch anmutende Verheißung paradiesischer Selbstvergessenheit im Spiel auf dem grünen Rasen erfahren.

Die Welt um uns scheint aus den Fugen. Kriege und Klimakrise verbreiten Endzeit-Stimmung, viele propagieren ein globales Endspiel. Das bevorstehende Endspiel im Stadion wirkt da wie ein inspirierendes, Trost und Hoffnung spendendes Kontrastprogramm. Ein Endspiel mit der Botschaft, dass wir vor allem eins wollen: im Spiel bleiben.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Henry C. Brinker Samuel Beckett

Weitere Artikel

„Gott ist bei uns!", versicherte Papst Benedikt den Christen in Berlin. Schon früher hatte er Verbindungen nach Ostdeutschland, die er wegen der Stasi diskret hielt.
03.01.2026, 18 Uhr
Meldung
Im Jahr seines 150. Geburtstages sind die Spuren des seligen Bernhard Lichtenberg in Berlin weithin sichtbar.
30.11.2025, 09 Uhr
Konstantin Johannes Sakkas
Mit der Enzyklika „Quadragesimo Anno“ hob Papst Pius XI. das Subsidiaritätsprinzip aus der Taufe. Der Text wurde zu einer Zeit verfasst, die der unsrigen auf verblüffende Weise ähnelt.
20.12.2025, 13 Uhr
Riccardo Wagner

Kirche

Sie besucht einen Monat lang die Bistümer Augsburg, Freiburg und Limburg: Die Reliquienreise der heiligen Bernadette steht fest. Auf der Liste stehen 18 Klöster und Kirchen.
01.10.2026, 18 Uhr
Meldung
Der langjährige Kurienmitarbeiter Friedrich Bechina wird Koordinator der Geistlichen Assistenten von „Kirche in Not“. Dafür bringt er internationale Erfahrung mit.
02.10.2026, 05 Uhr
Guido Horst
Ehemalige Mitglieder von „Totus Tuus“ berichten von geistlicher Überforderung und Abhängigkeit. Eine neue Studie zeigt, wie solche Strukturen entstehen.
02.10.2026, 07 Uhr
Benjamin Leven
Paris bereitet dem Papst einen begeisterten Empfang. Das zeigt: Die Kirche in Frankreich ist lebendiger als gedacht.
30.09.2026, 21 Uhr
Guido Horst