Die WM - ein patriotisches Fest

Der Fußball eignet sich hervorragend als nationale Präsentationsfläche: Der oft leidenschaftlich geführte Wettkampf zwingt den Zuschauer zur Parteinahme und schließt das Publikum zu einer Gefühlsgemeinschaft zusammen. Von Peter Dewald
Patriotismus
Foto: dpa | Jubelnde Fußballfans in Berlin.

Wer erinnert sich nicht daran, an das Meer schwarz-rot-goldener Fahnen und Nationaltrikots, das beim Public Viewing zu sehen war, immer wenn Deutschland bei der Weltmeisterschaft 2006 spielte. Die Deutschen freuten sich darüber und die übrige Welt mit ihnen, dass sie sich endlich trauten in aller Öffentlichkeit einen unbekümmerten Patriotismus zu pflegen und dies, ohne sich selbstbezichtigend als „Nationalisten“ fühlen zu müssen. Damit reihten sich die Deutschen ein in ein Ritual, das viele anderen Nationen beim Fußball weit länger und unverkrampfter pflegen.

Warum solche nationalen Rituale bedeutsam sind, hat der Soziologe Ferdinand Tönnies vor über hundert Jahren herausgearbeitet, als der nationale Gedanke entstand. Tönnies stellte fest, dass ein Nationalstaat erst dann als lebendige Gemeinschaft erfahren wird, wenn die Menschen sich um die Idee ihrer Nation scharen und emotional miteinander verbinden. Aus diesem Grund entwickelt jede Nation Symbole und Rituale der Identifikation: eine eigene Hymne und Flagge, Nationalfeiertage, aber auch einen Kanon nationaler Literatur.

Der Fußball eignet sich hervorragend als nationale Präsentationsfläche: der oft leidenschaftlich geführte Wettkampf zwingt den Zuschauer geradezu zur Parteinahme und schließt das Publikum unmittelbar zu einer Gefühlsgemeinschaft zusammen. In vielen jungen Nationen stärkte der Fußball auf diese Weise die nationale Identität und wurde von den breiten Massen und später auch den Eliten zum Nationalsport erhoben.

Eine wichtige Wegmarke des deutschen Fußballs bildete bekanntlich der Gewinn der Weltmeisterschaft 1954. Die Zugfahrt der siegreichen Mannschaft durch Deutschland erlebten die Menschen, die die Spieler an den Bahnhöfen empfingen, wie eine erste Befreiung aus dem Trauma der Kriegsschuld. Ab da trauten sich die Deutschen ihr nationales Ritual um Fußball zumindest im abgeschlossenen Raum der Stadien zu pflegen.

Aber nicht nur als patriotisches Fest, sondern auch als Identitätsfrage war der Fußball 1954 wichtig. Für die Presse gelang Maxl Morlock, Helmut Rahn und Co. der als „Wunder von Bern“ bezeichnete Endspielerfolg, weil sie mit soviel Fleiß, Disziplin und Teamgeist gespielt hätten. Damit tauchten erstmals die deutschen Tugenden im Fußball auf. Vom in Tugendattributen gelobten Spielstil der deutschen Mannschaft leitete die Presse aber nicht nur den Fußballerfolg ab, sondern zugleich, was am Deutschen überhaupt Gutes zu finden sei, deren nationale Besonderheit also.

Dieses Ringen um nationale Besonderheit findet im Fußball bis heute statt; und zwar in allen Ländern, in denen Fußball Nationalsport geworden ist. Deshalb steht bei Fußball-Länderspielen immer auch die nationale Ehre auf dem Spiel, denn längst sind die Spieler zu Symbolen erhoben worden, die bei einem Sieg die guten Seiten der eigenen Nation verkörpern und bei einem schlechten Spiel für all das stehen, was wir im Grunde an uns selbst ablehnen.

Dieses mehr ernste Ringen um nationale Identität wird beim Fußball von einer spielerischen Suche nach nationaler Besonderheit begleitet, nämlich der karnevalesken Feier der Zuschauer auf der Tribüne, die sich phantasievoll in den Farben ihres Landes schmücken und friedlich mit den Fans der anderen Nationen feiern.

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