Die Vermessung der Zukunft

Kontrolle ist möglich: Auf einem soziometrischen Ausweis kann bereits die gesamte Gefühlswelt erfasst werden. Von Burkhardt Gorissen
George Orwell
Foto: dpa | George Orwell wusste, dass totale Kontrolle über den Menschen kommt. Das Londoner Wachsfigurenkabinett zeigt Orwell mit einem Polizisten aus dem Roman „1984“.

Die digitale Vermessung des Menschen weckt Begehrlichkeiten. Big Data macht es möglich. Ein soziometrischer Ausweis sammelt pausenlos persönliche Informationen und analysiert sie. Das Resultat nennt sich totale Überwachung. Das techno-kommunistische Regime in China zeigt sich äußerst interessiert.

Alex Pentland, einer der bekanntesten Vertreter der Computer-Wissenschaft und Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) schwärmt, wenn er vom total datifizierten Menschen spricht, von einer „Wiedererfindung der Gesellschaft“. Im Sog von Big Data hat Professor Pentland einen soziometrischen Ausweis erfunden, den in Zukunft jeder Mensch mit sich führen muss. Dieser hyperintelligente Identitätsausweis erfasst ständig alle persönlichen Daten, von den ersten Kniebeugen nach dem Aufstehen, bis zu der erhöhten Herzfrequenz beim Horrorfilm nach Mitternacht. Sämtliche Wege werden im Netz registriert. Das ist längst nicht alles. In dem soziometrischen Ausweis befinden sich ein Ortssensor, ein Akzelerometer und ein Mikrofon. Das bedeutet, alles wird kontrolliert und registriert, egal, wohin man geht und mit wem man spricht. Pentland entwirft ein Szenario, in dem Sensoren auch das „persönliches Energieniveau“ eines Menschen, sogar Stimmungen wie Empathie oder Antipathie gemessen und mittels Credits bewertet werden können. Kern seines Sozialkreditsystems ist ein Algorithmus, der analysiert und evaluiert. Der Slogan des amerikanischen Professors lautet: „Was nicht gemessen werden kann, kann auch nicht gemanagt werden.“ Im kommunistischen Ostblock hieß das seit Stalin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Die Zeiten mögen sich ändern, die Kontrollwut der Machthaber nicht. Jeder Bürger, so der Plan der Soziometrie, wird nach einer fortlaufend berechneten sozialen Bonität bewertet. Wenn sich diese Software wie geplant entwickelt, entsteht ein riesiges Sozialkreditsystem, das Macht über jeden Einzelnen ausübt. Anders gesagt, das Verhalten des Individuums kann nach dem Masterplan von Big Data dressiert werden, denn dieses Sozialkreditsystem zeigt an, welche „Optimierungen“ oder „Harmonisierung“ im Verhalten des vollkommen durchdatifizierten Menschen vorgenommen werden müssen. Wer einen hohen Punktestand hat, ist voll auf Linie. In einem autoritären System, in dem Konformismus das oberste Gebot ist, erfreuen sich solcherlei Instrumente der Informationstechnologie wachsender Beliebtheit.

Die chinesische Führung will denn auch so schnell wie möglich Gebrauch von dem soziometrischen Ausweis machen. Die Akzeptanz der Bürger durfte keinerlei Schwierigkeit bereiten, denn im Reich der Mitte sind Orwells Dystopien längst ins digitale Zeitalter übersetzt. Total begeistert über den rasanten Fortschritt der Soziometrie äußerte sich Wang Yongqing, Generalsekretär des Parteikomitees für Politik und Recht. Die Partei, wünscht er sich, soll eine „vollständige Sammlung anlegen von grundlegenden Informationen über alle Orte, alle Sachen, alle Angelegenheiten und alle Menschen: von den Trends und Informationen darüber, was sie essen, wie sie wohnen, wohin sie reisen und was sie konsumieren“. Schon Huxley wusste, um Kontrolle auszuüben, muss man das Verhalten der Individuen normieren. Wenn sich alle der Norm gemäß verhalten, ist die Gesellschaft automatisch stabil und harmonisch. Das Frühwarnsystem der soziometrischen Endkontrolle funktioniert sozusagen als wissenschaftlicher Prozess, Abwehr und Kontrolle gestalten sich effektiver, und die Funktionstüchtigkeit des Einzelnen kann präzisiert werden. Die logische Folge einer Welt, in der jeder Handgriff und jeder Atemzug kapitalistisch bewertet wird. Wann in dieser Gesellschaft die sozial abgerichteten Monaden von selbstprogrammierbaren Robotern per Hirnscanning zu tanzenden Äffchen mutieren, bleibt vorerst noch Hollywood überlassen.

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