Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um „5 vor 12“

George Pells Auferstehung

Papst Franziskus betete heute für die, die eine ungerechte Strafe aus Verbissenheit erleiden. Er bezog sich auf Jesus, aber meinte den Kardinal.
Kardinal Pell vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs freigesproche
Foto: Andy Brownbill (AP) | George Kardinal Pell ist vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs freigesprochen.

Mitten in der Karwoche und auf dem Höhepunkt der Corona-Krise ist es für Kardinal George Pell wie ein vorgezogenes Osterfest, eine Auferstehung nach 404 Tagen Isolationshaft. Einstimmig sind die sieben Berufungsrichter des australischen Höchstgerichts zu dem Ergebnis gekommen, dass der Kirchenmann angesichts der „signifikanten Möglichkeit“ niemals hätte verurteilt werden dürfen, „dass eine unschuldige Person verurteilt wurde, weil die Beweise die Schuld nicht in dem erforderlichen Maße bewiesen haben.“ 

Lesen Sie auch:

Viel Wut und Verbissenheit

Bei der Frühmesse in Santa Marta sagte Franziskus heute, er bete „für alle Menschen, die eine ungerechte Strafe aus Verbissenheit erleiden“. Der Papst bezog sich auf  die Verfolgung Jesu durch die Schriftgelehrten, aber er meinte Pell. Die Nachricht von dessen Freispruch war gerade im Vatikan eingetroffen. Für das Wort „Verbissenheit“ wählte Franzikus den italienischen Ausdruck „accanimento“, was auch Erbitterung, Wut und Ingrimm bedeuten kann. Viel Hass war im Spiel beim Prozess gegen Pell. Der Kardinal war zur Projektionsfläche aller antikatholischen und antikirchlichen Ressentiments in den Jahren des Missbrauchskrise geworden – nicht nur in Australien. Das machte den Fall so tragisch. Und führte zum vielleicht größten Justizirrtum der australischen Rechtsgeschichte.

Die Anklage war nicht nachvollziehbar

Doch der Fall, wegen dem Pell vor Gericht stand, die unwahrscheinlich klingende Anklage einer Vergewaltigung unmittelbar nach einem Pontifikalgottesdienst, ist jetzt abgeschlossen. Und endlich klingt die Begründung des im letzten Augenblick noch gefällten Freispruchs nachvollziehbar. Die Annahme eines sexuellen Missbrauchs noch im Messgewand in einer Kathedrale und Sakristei voller Menschen war das nicht. Und wenn schon Justizirrtum: Wer steht da eigentlich hinter der Rechtsbeugung, die die sieben Höchstrichter nun verhindert haben?

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Guido Horst George Pell Jesus Christus Kardinäle Papst Franziskus Päpste

Weitere Artikel

Nur eine geeinte Kirche kann ein „Licht“ für die Völker sein. Auf der Suche nach der verlorenen Einheit hat der Papst mit den Kardinälen angefangen. Und vor den Diplomaten spricht er Tacheles.
09.01.2026, 11 Uhr
Guido Horst
Die Kardinalsversammlung in Rom ist ohne Ergebnisse oder neue Ideen zu Ende gegangen. Dem Papst ging es darum, das Band der Einheit zu stärken. Aber viele fehlten.
09.01.2026, 10 Uhr
Guido Horst
Nur wenn eine geeinte Kirche das Licht Christi widerspiegele, fänden auch Menschen zu ihr: Kraftvoller Appell von Papst Leo zum Auftakt der Versammlung der Kardinäle in Rom.
08.01.2026, 10 Uhr
Guido Horst

Kirche

Prominente Redner, beeindruckende Musikacts und inspirierende Zeugnisse: Die MEHR-Konferenz 2026 überzeugt mit ihrer Vielseitigkeit. Ein Besuch bei den „hippen Missionaren“ in Augsburg.
13.01.2026, 16 Uhr
Marika Bals
Das neue Jahr beginnt mit dem päpstlichen Segen: Ein Blick hinter die Kulissen der Privataudienz der „Tagespost“ und des „Neuen Anfangs“ bei Papst Leo XIV.
13.01.2026, 15 Uhr
Franziska Harter
Abrechnung mit Franziskus: Der Hongkonger Kardinal Joseph Zen ließ bei dem Kardinalstreffen in Rom offenbar kein gutes Haar am Synodalen Prozess des verstorbenen Papstes.
13.01.2026, 10 Uhr
Meldung
Die Krippendarstellung in einer Stuttgarter Christmette habe „Irritation, Unverständnis und Ärger ausgelöst“ und werfe Fragen nach liturgischer Verantwortung auf.
13.01.2026, 09 Uhr
Meldung