Caesarea

Den geraden und wahren Weg des Lebens wählen

Ein Interview mit Basilius dem Großen (330-379), Bischof von Caesarea in Kappadokien, über christliche Literaturkritik und den Nutzen des Studiums nichtchristlicher Autoren.
Sonnenuntergang
Foto: Julian Stratenschulte (dpa) | Gespräch mit Basilius dem Großen (330-379), Bischof von Caesarea in Kappadokien.

Exzellenz, Ihre Rede an die Jugend über das Studium der griechischen Literatur gilt als Basistext eines christlichen Humanismus. Was ist ihr wichtigster Ratschlag für junge Studenten?

Wir sollen im Umgang mit den profanen Schriften ganz dem Vorbild der Bienen folgen. Jene nähern sich nämlich auch nicht allen Blüten in ähnlicher Weise, und auch von denen, in die sie hineinfliegen, tragen sie nicht alles fort, sondern sie nehmen nur so viel, wie ihnen für ihre Arbeit nützlich ist, das Übrige lassen sie gerne zurück. Und wir, wenn wir klug sind, werden uns aus den profanen Schriften nur das nehmen, was für uns angemessen und was mit der Wahrheit verwandt ist, das Übrige werden wir übergehen. Und so, wie wir beim Abpflücken der Blüten des Rosenstocks die Dornen meiden, so werden wir auch aus diesen Schriften nur das davontragen, was für uns nützlich ist, vor dem Schädlichen aber werden wir uns hüten.  

Was sind für Sie die Grundsätze einer genuin christlichen Literaturkritik?

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Wir werden die Dichter sicher nicht loben, wenn sie schmähen, spotten, sinnlich Liebende oder Trunkenbolde darstellen, auch nicht wenn sie die Glückseligkeit nach einer gefüllten Tafel und ausgelassenen Gesängen bemessen. 

"Weder vor Gericht noch bei anderen Geschäften
ziemt sich für uns die Lüge, da wir den geraden
und wahren Weg des Lebens gewählt haben"

Was können und sollen wir Ihrer Ansicht nach aus der profanen Literatur lernen? 

Die Lügenkunst der Rhetoren werden wir nicht nachahmen. Denn weder vor Gericht noch bei anderen Geschäften ziemt sich für uns die Lüge, da wir den geraden und wahren Weg des Lebens gewählt haben. Wir werden vielmehr jene ihrer Schriften uns aneignen, in denen sie die Tugend lobten oder die Schlechtigkeit tadelten. 

Warum glauben Sie, dass gerade auch das Studium nichtchristlicher Autoren von Nutzen sein kann?

Wir müssen zuerst in die profane Literatur eingeweiht werden und dann werden wir uns die heiligen und geheimen Lehren der Heiligen Schrift anhören; und so wie die, die sich zunächst angewöhnten, die Sonne in ihrem Widerschein im Wasser zu betrachten, so werden wir danach unsere Augen auf das Licht selbst richten. Wenn nun die Lehren der profanen Literatur und der Heiligen Schrift miteinander verwandt sind, dürfte ihre Kenntnis für uns nützlich sein.

Anderenfalls aber lässt uns der Vergleich der beiden ihren Unterschied gründlich verstehen und trägt so nicht wenig zur Befestigung des Besseren in uns bei. Man sagt, dass Moses, dessen Name in Bezug auf die Weisheit bei allen Menschen am höchsten angesehen ist, sein Denken in den Wissenschaften der Ägypter trainierte und so zur Schau dessen kam, „der ist“ [= Gott]. Ihm ähnlich, wenn er auch chronologisch später lebte, war dem Vernehmen nach der weise Daniel, der in Babylon die Weisheit der Chaldäer gründlich erlernte und sich danach mit den göttlichen Lehren befasste. 

"Jeder wird mit sich selbst uneins werden,
der nicht Übereinstimmung zwischen seinen
Worten und seinem Leben schafft"

Sie sind für Ihre Position bekannt, dass auch Nichtchristen uns durch positive Taten gute Vorbilder sein können. Können Sie uns dafür Beispiele geben?

Jemand schlug den Sokrates, den Sohn des Sophroniskos, rücksichtslos mitten ins Gesicht; der aber leistete keine Gegenwehr, sondern ließ den Zornberauschten sich austoben, so dass sein Gesicht von den Schlägen bereits angeschwollen war und schwärende Wunden hatte. Als der Schläger aufhörte, unternahm Sokrates dem Vernehmen nach nichts, außer dass er auf seine Stirn schrieb (wie ein Künstler auf ein Standbild): „Der XY hat das gemacht“; und so soll er sich gerächt haben. Da solche Handlungen fast mit unseren Grundsätzen übereinstimmen, sage ich, dass solche Männer sehr nachahmungswürdig sind. Denn das Handeln des Sokrates ist verbrüdert mit jenem Gebot, dass man dem, der einen auf eine Wange schlägt, auch die andere hinhalten soll. Auch das Beispiel Alexanders des Großen möchte ich nicht übergehen, der die Töchter des Königs Dareios, die er als Kriegsgefangene genommen hatte, nicht ansehen wollte, obwohl man ihnen eine wunderbare Schönheit attestierte. Sein Handeln entspricht doch dem Grundsatz, dass jemand, der eine Frau lüstern anschaut, nicht frei von Schuld ist, auch wenn er nicht tatsächlich Unzucht mit ihr treibt, sondern der Begierde Einlass in seine Seele gewährt. Aber wir wollen darauf zurückkommen, was ich anfangs sagte, dass wir nicht alles von den Nichtchristen uns aneignen sollen, sondern nur das für uns Nützliche.

Können Sie unseren jungen Lesern abschließend noch zwei allgemeine Ratschläge für Ihr Leben mit auf den Weg geben?

Erstens: Jeder wird mit sich selbst uneins werden, der nicht Übereinstimmung zwischen seinen Worten und seinem Leben schafft, sondern mit Euripides sagt: „Die Zunge hat geschworen, der Geist aber weiß von keinem Schwur.“

Zweitens: Habt von den drei Krankheitsarten nicht die unheilbare! Denn die, die an geringfügigen Leiden erkrankt sind, gehen von selbst zu den Ärzten; die, die von schwereren Krankheiten erfasst worden sind, rufen die Therapeuten zu sich; die aber, die an der ganz unheilbaren Melancholie leiden, lassen nicht einmal die Ärzte an sich heran, die zu ihnen kommen. Erleidet so etwas nicht, indem Ihr Euch von denen abwendet, die das Richtige denken! 

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