Vatikanstadt

Pietro Agagianian: Ein Papabile im Visier geheimer Dienste

Für Kardinal Gregorio Pietro Agagianian soll ein Seligsprechungsverfahren eingeleitet werden. Manche sahen den katholischen Patriarchen Armeniens und ehemaligen Präfekten der Propaganda Fide schon als Papst, andere setzten Agenten auf ihn an.
Kardinal Gregorio Pietro Agagianian
Foto: Archiv Nersinger | Er hätte Papst werden können, wenn er nicht einer Intrige zum Opfer gefallen wäre: Kardinal Gregorio Pietro XV. Agagianian (1895–1971).

Am 3. Juni 1963 stirbt Johannes XXIII. Zu den Papabili, den Männern, die ihm als Papst nachfolgen könnten, gehört der Patriarch der katholischen Armenier, Kardinal Gregorio Pietro XV. Agagianian (1895–1971). Bereits bei der Papstwahl 1958 hatte er zahlreiche Stimmen auf sich vereinigen können. Wenige Monate nach der Wahl kam es zu einem Besuch Johannes' XXIII. im Armenischen Kolleg. Zu den dort Studierenden bemerkte der Papst: „Wisst ihr, dass euer Kardinal und ich beim letzten Konklave gut zusammenpassten? Unsere Namen wechselten sich ab, stiegen mal auf, mal ab, wie die Linsen im kochenden Wasser.“

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Studium in Rom 

Obschon der Kardinal in Akhaltzikhe im Kaukasus geboren wurde, fühlt er sich in der Stadt am Tiber heimisch. Seine Studienzeit hat er als Seminarist der mit Rom unierten Kirche Armeniens größtenteils in der Ewigen Stadt verbracht. Schon kurz nach seiner Priesterweihe im Jahr 1917 beginnt er selbst zu unterrichten. Später wird er  Rektor des Päpstlichen Armenischen Kollegs. 1937 wählt ihn die Synode seines Heimatlandes zu ihrem Oberhaupt, zum Katholikos. 1946 erhebt ihn Pius XII. in den Kardinalsrang.

Wer sich mit Agagianian auf Italienisch unterhält, stellt verblüfft fest, dass er Romanesco spricht, den Dialekt der Römer. In der italienischen Presse wird er als Cardinale italo-armeno tituliert. Doch gegen den von den Römern geschätzten Würdenträger existieren innerhalb kirchlicher Kreise massive Vorbehalte und eine nicht zu unterschätzende Opposition. Agagianians Heimat Armenien gehört in jener Zeit zur Sowjetunion. Ein Nicht-Italiener auf dem Stuhl Petri wäre schon schlimm. Aber gar ein Bürger der kommunistischen und atheistischen Supermacht? Undenkbar!

Die Gegner Agagianians wollen kein Risiko eingehen und lassen im Vorfeld des Konklave keine Zeit verstreichen. Um ihn zu diskreditieren, greifen sie auf Kontakte zum italienischen Geheimdienst der Streitkräfte SIFAR zurück. Noch befindet sich die Welt im Kalten Krieg. Erst Monate zuvor hatte die Sowjetunion durch die Stationierung von Raketen auf Kuba eine Krise ausgelöst. Auch wenn sich die Lage inzwischen entspannt hat, wird der Ostblock doch stets misstrauisch beäugt. Der SIFAR tritt daher umgehend in Aktion.

In die beschauliche Via S. Nicoló da Tolentino kommt nach dem Tod des Papstes Bewegung. In dieser Straße gegenüber dem Pontificium Collegium Germanicum, dem deutschen Priesterseminar in Rom, befindet sich das Kolleg der Armenier. Dort wohnen Agagianian und seine 71-jährige Schwester Elisabetta Papikova. In diesen Tagen hat die Schwester des Purpurträgers gerade eine Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis beantragt.

Der Kardinal wurde vom Geheimdienst überwacht

Sie ahnt nicht, dass sie nun Tag und Nacht von den Agenten des SIFAR überwacht wird. Minutiös dokumentiert man jeden ihrer Schritte. Autos mit gefälschten Kennzeichen stehen in der Straße ihrer Wohnung. Sie sind so geparkt, dass deren Insasssen den Eingang zum Kolleg ständig im Auge haben. Dem Pförtner des Collegium Germanicum fällt auf, dass immer wieder dieselben Leute ihren Weg durch die Via di S. Nicoló da Tolentino nehmen und dort Automobile parken, deren Insassen über Stunden ihre Wagen nicht verlassen. Das Ergebnis der Observation ist jedoch mager. In einem Dossier notieren die Geheimdienstler: „Elisabetta Papikova führt ein zurückgezogenes Leben.“

Am 9. Juni kommt Bewegung in die Überwachung. Ein Arzt, der seit fast dreißig Jahren in Rom lebt, besucht die Schwester des Kardinals. Er unterhält freundschaftliche Beziehungen zu ihr und lädt sie ein, ihn und seine Familie zu einem Ausflug zu begleiten. Als der Arzt und Elisabetta Papikova in ein Auto, einen Lancia Appia, steigen, merken die Agenten auf. Sie fordern über Funk Unterstützung an. Das Auto wird von den Fahrzeugen des Geheimdienstes durch ganz Rom verfolgt.

Nichts kompromittierendes 

Am Zielort des Ausfluges, in Salto di Fonte (Latium), müssen sich die Beobachter aber eingestehen, dass sie nichts Verwertbares besitzen, nichts, was die Schwester des Kardinals und somit auch ihren Bruder hätte kompromittieren können. Doch schon am folgenden Nachmittag, vier Tage nach dem Tod des Papstes, können die Agenten ihren Vorgesetzten vermelden: „Am 10. des Monats gegen 16.00 Uhr empfängt sie in dem Kolleg, in dem sie wohnt, den Besuch des ersten Sekretärs der sowjetischen Botschaft, Againe Gorguen. Er ist Armenier, der dem Dienst bekannt ist und der verdächtigt wird, ein in Italien agierender Agent zu sein.“

Für Agenten ein „Glückstreffer“! Zwar hatte Elisabetta Papikova nur den Besuch eines Botschaftsangestellten empfangen, der wie sie Armenier war, doch jetzt hat man „Material“, das erwartet wird. Dass der Diplomat der alten Dame nur ein Dokument überbracht hatte, das sie für die Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung benötigte und ihr den beschwerlichen Weg der Abholung ersparen wollte, verschweigt man.

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Schon bald zirkulieren Auszüge und Fotografien aus dem italienischen Geheimdienstdossier unter den Kardinälen. Gerüchte von KGB-Kontakten des Purpurträgers und seiner Schwester machen die Runde. Auch Agagianian werden die Unterlagen zugespielt. Er ist entsetzt, die Verleumdungen treffen ihn zutiefst. Seine Wahlchancen sind nun erheblich gesunken, denn auf alles, was nur entfernt mit Kommunismus zu tun hat, reagieren die Kirchenfürsten empfindlich. Kardinal Agagianian interessieren seine Wahlchancen nicht. Seine Ambitionen sind nicht auf den Erhalt der Tiara ausgerichtet.

Hintermänner unbekannt

1964 wird bekannt, dass der SIFAR jahrelang unrechtmäßig und willkürlich Akten über zigtausende Personen angelegt hat und an einem versuchten Staatsstreich beteiligt war. Der ehemalige Leiter des Geheimdienstes muss sich vor Gericht verantworten. Die Arbeit einer Untersuchungskommission offenbart derart schwere Vergehen, dass der Geheimdienst aufgelöst wird. Zu den Operationen von SIFAR heißt es, dass der Dienst die Tendenz besaß, „Informationen zu verfälschen, um ihnen eine negative Bedeutung beizulegen.“ Die kirchlichen Hintermänner, die SIFAR den Auftrag gaben, Material gegen den untadeligen Kurienkardinal zu beschaffen, blieben im Dunkeln.

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