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Instrumentalisierung der Betroffenen

Die Performance „Verantwort:ich“ war künstlerisch souverän und authentisch. Das ideologische Streben nach einer Vergemeinschaftung von Schuld entwertete sie aber. Ein Kommentar.
Performance „Verantwort:ich“ im Dom
Foto: Maximilian von Lachner (Synodaler Weg / Maximilian von L) | Performance „Verantwort:ich“ im Dom. Die künstlerisch-existenzielle Performance will ein Zeichen der Verantwortungsübernahme für eine Veränderung in Haltung und Handeln in der katholischen Kirche setzen.

„Verantwort:ich“ lautete der Titel einer Performance im Kaiserdom zu Frankfurt anlässlich der Fünften Synodalversammlung, die Verstrickung in sexuellen Missbrauch thematisierte. Als glaubens- und lehramtstreuer Katholik war man versucht, die gesamte Veranstaltung zu verdammen: Eine sakrilegische Zweckentfremdung des sakralen Raumes, die sowohl objektiv, als auch im Sinne dessen, was der Synodale Weg postuliert, unangemessen ist: Wer über „respektvolles Miteinander“ spricht, aber auf den Gefühlen von Glaubensgeschwistern herumtrampelt, ist schlicht unglaubwürdig. Ebenso, wer auf Kosten der Missbrauchsopfer und ihres Engagements provoziert – es war vorherzusehen, dass der gewählte Ort viele Katholiken gegen die Performance aufbringen würde. Dafür nahm man sogar Qualitätsverluste in Kauf: Die ungünstige Akustik des Kirchraumes minderte die Verständlichkeit und damit die Wucht der Darstellung empfindlich.

Das ewige Kreisen um sich selbst

Schade: Denn die Performance war künstlerisch souverän und authentisch. Ein Versuch, dem Schmerz der Opfer Ausdruck zu verleihen und dazu einzuladen, diesen Schmerz mitzutragen. Bänder durchzogen den Raum wie Spinnennetze der Verstrickung und Vertuschung. Tanz, Gesang, Rezitation, Licht und Klang bildeten ein verwobenes Ganzes. In undurchdringlichen Netzen gefangene Tänzer gaben der Verzweiflung eine Gestalt; andere wurden bedrängt, bezwungen, gebunden, zum Schweigen gebracht. Der Abstraktionsgrad schützte vor Voyeurismus, blieb aber nicht beliebig unkonkret. Das gelingt diesem Genre durchaus nicht immer.

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Umso trauriger, dass das Ideologien synodale Streben nach einer institutionalisierten Vergemeinschaftung von Schuld, das glatte Gegenteil des Titels, die Performance entwertet: Eingefügte Wechselgebete drängen die Zuschauer zu einem kollektiven Bekenntnis und machen deutlich, worum es eigentlich geht: das ewige Kreisen um sich selbst; die Genugtuung, sich selbst als gerecht zu erleben, sei es, weil man andere verurteilt oder schuldbewusst das eigene „mea culpa“ feiert. Dies erinnert bedenklich an Tendenzen der deutschen Gedenkkultur, eine gut geölte Betroffenheitsmaschinerie zu bedienen. Echte Ergriffenheit war dementsprechend kaum zu spüren.

Es ist grotesk, dass Betroffene von Missbrauch, einige von ihnen selbst an der Performance beteiligt, hier wiederum instrumentalisiert wurden: Das offenbarte der Spiegel am Eingang des Kirchraums, beschriftet mit Fragen aus der Gewissenserforschung: Gutes unterlassen? Böses getan? „Verantwort:ich“ könnte einen echten Beitrag zur Missbrauchsthematik leisten– und ist dann doch nur ein weiteres Mittel zur Selbstbespiegelung einer völlig in sich selbst aufgehenden Kaste von Kirchenfunktionären. 

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe der Tagespost umfassende Berichte, Hintergründe und Meinungen zur fünften Vollversammlung des Synodalen Weges in Frankfurt.

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Anna Diouf Ideologie Künstlerinnen und Künstler

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