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Josy Meidinger: Die Dame mit den Scherenschnitten

Im Josy-Meidinger-Haus in Neuburg an der Donau kann das Werk einer außergewöhnlichen Künstlerin neu entdeckt werden.
Scherenschnittkünstlerin Josy Meidinger
Foto: Deutscher Scherenschnittverein e.V. | Ihr Leben prägte tiefer christlicher Glaube und Verehrung für ihre großen Gönner, Rupprecht von Bayern und seine Gattin Herzogin Marie.

Vergessen war sie nie in der ehemaligen Residenzstadt Neuburg an der Donau: Die Malerin, Scherenschnittkünstlerin und Restauratorin Josefine beziehungsweise Josy Meidinger (1899-1971).

Der lange gehegte Wunsch kunstbegeisterter Bürger, ein eigenes Josy–Meidinger–Haus als Museum zu errichten, erfüllte sich erst in jüngster Zeit. Ein sogenannter „Staatserbrechtsfall“ ermöglichte der Stadt, Meidingers Erbe, welches von ihrem Neffen Dr. Elmar Gernert bis zu dessen Tod verwaltet wurde, in die Heimat zurückzuführen. Am 1. Dezember vergangenen Jahres wurde zudem in der oberen Altstadt, Amalienstr. 33, im ehemaligen Biohistoricum, feierlich das Josy-Meidinger-Haus eröffnet.

Mit dem Haus Wittelsbach eng verbunden

Geboren wurde Josefine Meidinger am 19. 12. 1899 in Kloster Schäftlarn als Tochter des Gymnasialassistenten Johann Meidinger und seiner Ehefrau Magdalena. Der Vater unterrichtete in dem von den Wittelsbachern gegründeten Benediktinerkloster Latein, Griechisch, Deutsch und Geschichte. Die Verbindung zum Königshaus sollte die neue Erdenbürgerin ein Leben lang begleiten.

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Nach einem kurzen dienstlich bedingten Aufenthalt des Vaters in Donauwörth kommt Meidinger mit ihrer Familie nach Neuburg, besucht dort die Volksschule und das Mädchenlyzeum. Man erkennt ihre hohe Zeichenbegabung. So darf sie auf Empfehlung ihrer Lehrer 1916 an die weit über Bayern hinaus bekannte „Königliche Kunstgewerbeschule“ nach München. Dort lehrte der Grafiker, Zeichner und Radierer Julius Dietz und der Silhouettenkünstler Ernst Moritz Engert schnitt seine Schwabinger Köpfe. Bei den Professoren Niemeyer und Wirnhier belegte die junge Frau Zeichnung und Malerei, bei Maximilian Dasio Plastik. Meidingers Studienblätter aus dem Jahr 1918 zu den Themen Perspektiv- und Schattenlehre bieten interessante Einblicke in die akribisch geübte Darstellung von Durchdringung und Überschneidung. Sie lassen die spätere filigrane Art der Scherenschnitte bereits erahnen.

Die Blätter „Tierstudien in Hellabrunn“ (1918) beweisen nicht nur ihr tiefes Mitgefühl für alle Kreatur, sondern auch die Kunst, durch Reduktion, Sicherheit hinsichtlich der Formen und Proportionen zu gewinnen. Sehr rasch wird der Studierenden klar, dass sie für den Lehrberuf nicht geeignet ist. So lässt sie sich 1920 in Neuburg als freischaffende Künstlerin nieder. Sie arbeitet mit kleineren Verlagen zusammen und nimmt ab 1925 an Ausstellungen in Chicago, München, Nürnberg, Pfaffenhofen, Neuburg und Augsburg teil. Für die Marionettenbühne im Bayerischen Volksbildungsverband fertigt sie unentgeltlich Bühnenbilder.

Vom christlichen Glauben tief geprägt

Ihr Leben prägte tiefer christlicher Glaube und Verehrung für ihre großen Gönner, Rupprecht von Bayern und seine Gattin Herzogin Marie. Über den Ursprung dieser Beziehung bewahrte die Künstlerin stets diskretes Stillschweigen. Eine handschriftliche Karte des Kronprinzen an Josy Meidinger wird im Museum gezeigt.

Tatsache ist, dass ihr das Oberhaupt des Hauses Wittelsbach ab 1931 ein lebenslanges unentgeltliches Wohnrecht im Südturm des Hauptbaues von Schloss Neuburg einräumte. Allerdings verwüsteten 1945 plündernde russische Zwangsarbeiter das Schloss. Viele Gemälde und Zeichnungen gingen verloren oder wurden brutal zerstört. Die Bedrängte flüchtete mit ihren kleinen Hunden und den geretteten Scherenschnitten. Das Haus Wittelsbach überließ ihr von nun an Räume im Jagdschloss Grünau, wo die genügsame Künstlerin am 7. Juni 1971 verstarb.

Inhaltlich und technisch zeigen die stets auf einer Zeichnung beruhenden Arbeiten Josy Meidingers erstaunliche Vielseitigkeit. Sie schuf Holz- und Linolschnitte, Gemälde und Grafiken. Von fragiler Schönheit und filigraner Zartheit sind die 1 800 teils farbig hinterlegten und oft kulissenartig aufgebauten Scherenschnitte. Sie bestechen durch Präzision und meditative Stille. Bis zur Unterdrückung christlicher Verlage 1938 wurden Hunderte der Arbeiten als Illustrationen in Zeitschriften, Kalendern, Postkarten des In- und Auslandes veröffentlicht. Meidinger galt neben Johanna Beckmann und Lotte Reiniger als profilierteste Scherenschnittkünstlerin Deutschlands.

Im Museum sind die einfachen Werkzeuge zu besichtigen, mit welchen wahre Bildwunder entstanden. Im Wesentlichen umfasst Meidingers Schaffen neben Pastellbildern, Rötelzeichnungen und Ölgemälden 34 teils farbig hinterlegte Schnitte der „Drei Königs Legende“, 14 schwarze Schnitte „Totentanz“ sowie die 39 sogenannten „Habsburg-Schnitte“. Letztere beruhen auf einer Freundschaft mit der Nichte der legendären Kaiserin „Sissi“, Marie Luise von Wallersee (spätere geschiedene Gräfin Larisch-Moennich). Diese hatte als Vertraute lange Zeit Zugang zu der österreichischen Herrscherin und schrieb nach deren Diktat Erzählungen, Märchen und Gedichte nieder, in welchen Kaiserin Elisabeth die Zustände bei Hof persiflierte.

Ein würdiger Rahmen zur Präsentation

Meidinger illustrierte die Texte (schwarze Schnitte auf weißem Untergrund). Eine Drucklegung war bereits in die Wege geleitet, als durch den Selbstmord des Kronprinzen Rudolf zusammen mit Mary Vetsera, die Gräfin Wallersee in Ungnade fiel. Sie wurde beschuldigt, die Treffen des Paares gedeckt zu haben. Vor ihrer Ausreise nach Amerika vermachte die Gräfin Teile ihres Besitzes der befreundeten Künstlerin. Die Stilmöbel bilden heute den Grundstock des frisch restaurierten Josy-Meidinger-Zimmers im Museum.

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Mittlerweile befinden sich Arbeiten von Josy Meidinger neben des ihr gewidmeten Hauses ín Neuburg an der Donau unter anderem im Eigentum des Hauses Wittelsbach, des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, des Historischen Vereins Neuburg an der Donau e.V., sowie unzähliger Sammler und Privatpersonen. Im Jahr 2000 benannte man außerdem die Neuzüchtung einer Fuchsien Art nach der Josefine Meidinger. 2010 schließlich erklärte der Stadtrat von Neuburg an der Donau zudem ihr Grab zum städtischen Ehrengrab.

Klar ist: Mit der Eröffnung des Museums wurde nun ein würdiger Rahmen zur Präsentation des umfangreichen und erstaunlichen Lebenswerkes der berühmten Tochter Neuburgs geschaffen – und lädt dazu ein, dem Leben und Werk einer Dame nachzuspüren, die sowohl künstlerisch als auch in Glaubensfragen sich auch durch widrigste Umstände nie entmutigen ließ.

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