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Milei und die Zwei-Dämonen-Theorie

Angriff auf die Erinnerung: Vor 50 Jahren fand in Argentinien ein rechter Militärputsch statt. Will der rechtslibertäre Präsident Javier Milei die bisher bestehende Gedenkkultur an die Opfer der Diktatur schleifen?
Argentinien Soldaten
Foto: Imago/Crash Media Group | Die Militärdiktatur prägte das öffentliche Bild: Zwei Soldaten laufen Ende der 1970er-Jahre Streife in Argentinien.

Wer heute in Buenos Aires im „Park der Erinnerung“ am Ufer des Río de la Plata das Denkmal für die Opfer der Militärdiktatur besucht, bekommt eine erschütternde Vorstellung von der Dimension der Gräueltaten. Die Namen zigtausender Opfer sind in mehrere Hundert Meter lange Steinwände eingraviert.

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Vor genau 50 Jahren, am 24. März 1976, putschten rechtskonservative Militärs gegen die linke Regierung von Isabel Perón und errichteten bis 1983 eine der brutalsten Diktaturen Lateinamerikas.

Der Park liegt am Flughafen, von dem aus die Militärs ihre „Todesflüge“ starteten, um Regimegegner lebendig aus Fliegern ins Meer zu werfen. Beim Lesen der Opfernamen am Mahnmal fragt man sich, wie gefährlich die 17-jährige Adriana Gatti für die Diktatur gewesen sein muss, um die schwangere Frau 1977 zu ermorden.

Auch Miriam Lewins Name hätte auf dieser Steinwand stehen können. Sie war 19 Jahre alt, als sie am 17. Mai 1977 in Buenos Aires am helllichten Tag auf der Straße festgenommen wurde. Sie gehörte einer linken Studentenbewegung an. Lewin wurde in Buenos Aires ins Haftzentrum Virrey Cevallos gebracht. Über 800 solcher geheimen Folteranstalten gab es im Land, die meisten in Militär- oder Polizeigebäuden.

Wochenlang gefesselt und gefoltert

Wochenlang wurde sie dort nackt, gefesselt und mit einem Sack über dem Kopf gefoltert. Täglich gab es Prügel. Wärter steckten ihr Plastiktüten über den Kopf, bis sie zu ersticken drohte. „Submarino seco“ nannten sie diese Methode – trockenes U-Boot. Gerne benutzten sie auch die „Picana“. Mit dem Elektrostab verabreichten sie ihr Stromschläge an Armen, Augenlidern, in der Vagina, an den Brüsten.

Nach zehn Monaten wurde sie in die Marine-Mechanikerschule ESMA verlegt, das größte Folterzentrum der Diktatur. Mehr als 5 000 Menschen sollen hier gefangen gehalten worden sein. Weniger als 300 überlebten. Lewin ließ man am Leben, um ausländische Presseberichte über das Regime während der in Argentinien 1978 ausgerichteten Fußball-WM zu übersetzen.

Erst nach einem weiteren Jahr wurde sie schließlich freigelassen. Die Journalistin hat die Verbrechen der Diktatur in Reportagen, Büchern und Dokumentarfilmen aufgearbeitet. Sie sagte auch 1985 im historischen Gerichtsprozess gegen die Militär-Junta aus.

Sie ist stolz auf ihr Land, das bisher für viele lateinamerikanische Staaten mit Militärdiktaturen wie Brasilien, Chile oder Uruguay als Vorbild bei der juristischen Aufarbeitung von Staatsverbrechen galt. Einstige Folterzentren wurden in Gedenkstätten verwandelt, Opfer entschädigt. Fast 1 200 Militärs wurden verurteilt.

Erinnerungspolitik gerät unter „Kettensägen“-Politik

Ex-Diktator Videla starb 2013 im Gefängnis. Seit der staatlichen Kommission zur Wahrheitsfindung von 1983 und ihrem Bericht „Nunca más“ („Nie wieder“) kann niemand mehr die Verbrechen der Diktatur leugnen. Doch seit der rechtslibertäre Javier Milei im Dezember 2023 Präsident wurde, gerät die Erinnerungspolitik an die Diktaturvergangenheit in Argentinien unter dessen „Kettensägen“-Politik. „Milei versucht, eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte weißzuwaschen“, sagt Lewin

Tatsächlich verharmlost Milei die Verbrechen der Militärdiktatur immer wieder als „Exzesse“ der Sicherheitskräfte während eines „bewaffneten Konflikts“ gegen linke Guerillagruppen. Es seien vor allem die Montoneros und die Revolutionäre Volksarmee ERP gewesen, die damals „mordeten und Bomben legten“. Gegen diese „Terroristen“ habe sich der Staat halt wehren müssen, so Milei.

Bei Miriam Lewin lösen solche Behauptungen „Wut und Fassungslosigkeit“ aus: „Die Rechtfertigung der Diktaturverbrechen gab es schon immer in gewissen Kreisen. Doch nun werden sie erstmals von einem Präsidenten legitimiert und breiten sich verstärkt in der Gesellschaft aus.“

Menschenrechtsbewegungen schätzen die Zahl der „Verschwundenen“ während der Diktatur auf 30 000. Milei hält das für eine „Lüge der Linken“, spricht von maximal 8 753, als wäre das eine annehmbarere und akzeptablere Zahl an Opfern. „Laut der Nationalen Kommission Verschwundener Personen CONADEP gelten immer noch 8 960 Personen als verschleppt, 1 600 als gesichert ermordet und 17 000 Menschen wurden in den geheimen Folterzentren Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre festgehalten, bevor sie freikamen“, sagt Emilio Crenzel, Soziologe vom staatlichen CONICET-Institut. Er gehört zu den renommiertesten Experten zum Thema Diktaturbewältigung in Argentinien.

Aufrechnung von rechten und linken Verbrechen?

„Damals gab es tatsächlich eine Spirale der Gewalt, die von linken Guerillagruppen ausging. Aber der Staatsterrorismus der Militärs löste eine Periode massiver Menschenrechtsverletzungen aus, die nicht zu rechtfertigen ist“, so Crenzel. Zwischen 1976 und 1983 ließ die Militär-Junta unter General Jorge Rafael Videla neben Mitgliedern der bewaffneten Guerilla auch Kommunisten, Gewerkschafter, kritische Intellektuelle, unbequeme Journalisten oder linke Studenten wie Miriam Lewin foltern und ermorden.

„Die gut dokumentierten Verbrechen der Militärs können heute nicht mehr geleugnet werden. Doch die neue Rechtsregierung versucht sie zumindest zu relativieren“, meint Lewin. Vor allem Mileis Vizepräsidentin Victoria Villarruel verbreitet die „Theorie der zwei Dämonen“, laut der auch die linke Guerilla Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hätte, als würde das den Staatsterrorismus rechtfertigen. Villarruel stammt aus einer Militärfamilie, fordert staatliche Würdigungen und Reparationszahlungen für Angehörige von Opfern jener Guerilla.

Dem Ex-Diktator Videla machte sie noch kurz vor seinem Tod im Gefängnis ihre Aufwartung. Villarruel setzt sich auch dafür ein, verurteilte Militärs zu begnadigen. Unterdessen schaffte Milei das Staatssekretariat für Menschenrechte ab, kürzte staatliche Zuschüsse für Opferverbände. Besonders betroffen sind die Gedenkstätten. „Da sie Orte wie die ESMA nicht schließen können, versuchen sie, diese durch Personalabbau und Zurückhaltung notwendiger Gelder zumindest umzufunktionieren und funktionsunfähig zu machen“, versichert Mayki Gorosito.

Im Juni 2025 entließ die Regierung Gorosito als Direktorin der ESMA-Gedenkstätte. Sie hatte sich geweigert, in Ausstellungen auch die Gewalt linker Guerillas zu betonen und die Verurteilungen von Militärs auszulassen. „Die Regierung bedroht den Fortbestand unserer Erinnerungskultur“, sagt Gorosito. Von 43 Angestellten sind nur noch 19 übrig.

Weggenommen und kinderlosen Militärfamilien übergeben

Guillermo Amarilla Molfino ist einer der wenigen verbliebenen Guides in der Gedenkstätte. Er führt Besucher durch die Zimmer, in denen schwangeren Gefangenen die Neugeborenen weggenommen wurden, um sie kinderlosen Militärfamilien zu übergeben. Danach wurden die Frauen ermordet. Auch Guillermo ist eines dieser „geraubten Babys“. Bis 2009 wusste er das aber nicht, hieß Martín García de la Paz.

Die Menschenrechtsbewegung Abuelas de Plaza de Mayo, die seit der Diktatur nach den „geraubten Babys“ sucht, fand heraus, dass Guillermos wirkliche Mutter ihn 1980 im Haftzentrum Campo de Mayo zur Welt brachte und danach ermordet wurde. Sein Vater verschwand, Beide gehörten der linken Montoneros-Gruppe an.

Für Vizepräsidentin Villarruel sind solche Ermordungen eine legitime Antwort auf linken Terror gewesen, und das müsse ihrer Meinung nach in der Gedenkstätte gezeigt werden. Für Guillermo eine Missachtung der Opfer.

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Er weigert sich, Schülern zu erzählen, sein Vater habe dieses Schicksal verdient. Am 24. März, dem „Tag des Gedenkens“, werden sich wieder Zehntausende auf dem Plaza de Mayo versammeln. Diesmal auch ein Zeichen an die Regierung.


Der Autor lebt in Buenos Aires und ist Experte für Lateinamerika. 

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