Herr Professor ist gereizt. Da hilft es auch nichts, dass wir uns diesmal die „Osteria dei Pontefici“ ausgesucht haben, wo man – obwohl noch in Vatikannähe – schon etwas abseits der Touristenströme gute römische Kost genießen kann. In einem stilvollen Lokal, wie sollte es bei einer „Osteria der Päpste“ auch schon anders sein, wo es noch zugeht wie in den Restaurants der 80er- und 90er-Jahre.
Die Bedienung ist adrett gekleidet, das Mobiliar gediegen, die Speisekarte liegt sofort auf dem Tisch, und zum Aperitif bestellen wir wie immer in diesem Lokal die klassischen Supplì des Hauses, Reiskroketten mit einer Olive drin.
Beim zweiten Glas Rotwein rückt Herr Professor dann mit der Sprache heraus: Jetzt hätten wir schon zehn Monate einen neuen Papst, aber irgendwie gehe im Vatikan alles so weiter wie früher. Die Parallelkurie in Santa Marta sei zwar verschwunden, aber dieselben Leute würden schalten und walten, als hätte es Papstwahl und Heiliges Jahr nie gegeben. Wie habe man den Oberen der Piusbrüder nur den Glaubenspräfekten Fernández vor die Nase setzen können, schimpft professore, es gebe doch noch Fachleute, die von dem Problem wirklich etwas verstehen.
Da akzeptiere man es in Rom, dass die Bonzen in Peking dem Papst einen Bischof nach dem anderen präsentieren, die der dann auch fleißig abnicke, um nur ja das alte Schisma nicht wieder aufbrechen zu lassen, und bei den Piusbrüdern schalte man dann auf stur. Blitzschnell hat Herr Professor seine „Bucatini all’amatriciana“ verdrückt und schreitet mit einer gebratenen Goldbrasse gleich zum zweiten Gang.
Ein Teil der Kurie ist ihm ein Dorn im Auge
Vor allem aber ist dem Professor der Teil der Kurie ein Dorn im Auge, der haufenweise Papier produziert und damit nur Verwirrung stiftet. Gemeint ist das Generalsekretariat der Bischofssynode, das gerade den dritten Schlussbericht einer der zehn Studiengruppen rausgebracht hat, die Papst Franziskus im Zuge des synodalen Weltprozesses mit Sonderthemen betrauen wollte. Über 80 Seiten, stöhnt professore, diesmal aus dem Hause des Glaubensdikasteriums, zur Rolle der Frau im Leben und bei der Leitung der Kirche.
Das, so fügt er an, sei die „fotokopierende Kirche“, von der Hans Urs von Balthasar nach dem Konzil gesprochen habe, die nicht mehr das Geheimnis Gottes widerspiegele, sondern zu einer Kirche permanenter Gespräche, Organisationen, Kongresse, Synoden, Kommissionen, Akademien, Statistiken und Interessengruppen geworden sei. „Klarstellungen“ hieß das Buch, mit dem sich von Balthasar 1975 zu Wort meldete, wobei heute, wie Herr Professor anfügt, nicht mehr kopiert werde, sondern man PDFs und Word-Dokumente in alle Welt versende und damit für alle Zeit Clouds und Dropboxen vollstopfe.
Eigentlich seien diese Papiere für den Papst bestimmt, meint Herr Professor weiter. Denn die Weltsynode und ihre Gremien hätten ja nur beratende Funktion. Aber das Perfide sei doch, sagt er mit dem Löffelchen winkend, mit dem er gerade seine Crème caramel schlürft, dass hier eine kulturelle Bewegung, die der Gleichberechtigung der Frau, auf dem Weg über ein reines Studienpapier gegen das von Theologen und Kanonisten gestützte Lehramt in Stellung gebracht werde. Und das Lehramt binde nun einmal die „potestas sacra“ an das Weiheamt, das dem Mann vorbehalten sei.
Da seien Ideologen am Werk, zischt professore zu einem kräftigen Schluck Amaro, die die Kirche der vorherrschenden Kultur anpassen wollen. Leo, tu was, sagen wir uns und gießen noch einen kräftigen Espresso hinterher. Auf der 10-Punkte-Skala geben wir der „Osteria dei Pontefici“ acht Punkte – sie ist zwar picobello gutbürgerlich, aber der letzte Kick hat irgendwo gefehlt.
Vom Petersplatz aus gesehen liegt die „Osteria dei Pontefici“ hinter der Stazione San Pietro in der Via Gregorio VII, Hausnummer 53.
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