Zwei deutsche Spieler und fünf Spieler aus Curaçao stehen im Kreis, die Köpfe sind gesenkt und die Arme jeweils um die anderen Mitspieler gelegt. Sie beten. Diese Szene ereignete sich nach dem Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Curaçao und ist ein Bild, welches von dieser WM positiv in Erinnerung bleibt. Bei den zwei deutschen Spielern handelte es sich um Felix Nmecha und Jonathan Tah. Tah sagte dazu: „Es geht um Liebe, es geht um Nächstenliebe, es geht um Frieden, Dankbarkeit. Das sind die Werte, die wir nach außen vermitteln wollen.“ Welch ein kraftvolles Zeugnis: Nach dem Spiel mit seinen „Gegnern“ zusammenstehen und beten. Die Kritik dazu ließ nicht lange auf sich warten. Die taz titelte: „Platzverweis für Jesus!“, Nmecha verkörpere ein „finsteres Menschenbild“.
Auch aus christlicher Sicht könnte man dieses zur Schau gestellte Gebet auf den ersten Blick ambivalent betrachten. Schließlich sagt Jesus in der Bergpredigt: „Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler! Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.“ (Mt 6,5?f.)
Gleichzeitig ruft Jesus dazu auf, sich vor den Menschen zu ihm zu bekennen (Mt 10,32; Lk 12,8) und sogar seine Feinde zu lieben (Mt 5,44). Das Verhalten Nmechas und Tahs ist daher nicht als pharisäerhaft, sondern vielmehr als Erfüllung des christlichen Auftrags und geradezu missionarisch anzusehen. Dies erschließt sich bereits daraus, dass ein öffentliches Gebet in der heutigen Zeit im Vergleich zur Zeit Jesu typischerweise nicht auf Anerkennung, sondern vielmehr auf Ablehnung stößt. Dennoch scheuen sich Tah und Nmecha nicht davor, sich öffentlich zu ihrem Glauben zu bekennen.
Das öffentliche Gebet nach einer sportlichen Auseinandersetzung verweist letztlich darauf, dass das Einende größer und stärker ist als das Trennende. Es geht nicht um Sieger und Besiegte, sondern darum, dass wir Brüder und Schwestern in Christus sind. Christus ist der wahre Sieger über Leben und Tod. In einer zerrissenen Welt ist dieses gemeinsame Gebet ein kraftvolles Zeichen der Versöhnung.
Auch wir können und sollten im Alltag - wenn auch durch nur kleine Zeichen - Zeugnis für unseren Glauben geben. Dazu kann das Tischgebet vor dem Essen gehören. Oder man antwortet bei der Frage nach dem Wochenende damit, dass man in die Kirche gehe, wodurch sich ein Dialog eröffnen kann. Lassen wir uns von den beiden Nationalspielern inspirieren: Seien auch wir mutig, uns zu unserem Glauben zu bekennen und mit oder zumindest für unsere Gegner zu beten.
Der Autor, 28 Jahre alt, ist Rechtsreferendar in München.
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