Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Carlo Acutis, ein zeitgemäßer Heiliger

Ein Heiliger, der an Wunder glaubte, ohne sich von Privatoffenbarungen beeindrucken zu lassen, passt im Zeitalter der Eventisierung des Glaubens wie der Schlüssel ins Loch.
Heiligsprechung von Carlo Acutis
Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire | Mit der Heiligsprechung des Cyber-Apostels Carlo Acutis erinnert die Kirche am Sonntag daran, dass Heiligkeit nicht in dramatischen Lebensläufen, sondern in der Treue zum Guten besteht.

Im Schatten schier endloser Strukturdebatten und innerkirchlicher Grabenkämpfe greift eine zunehmende Erblindung für das eigentliche Ziel der Jünger Jesu um sich: Es geht für die Getauften um Heiligkeit, nicht um Anerkennung. Mit der Heiligsprechung des Cyber-Apostels Carlo Acutis erinnert die Kirche am Sonntag daran, dass Heiligkeit nicht in dramatischen Lebensläufen, sondern in der Treue zum Guten besteht.

Lesen Sie auch:

Historisch gesehen ist die Zeit reif für einen Heiligen, dessen Charakteristikum seine Unauffälligkeit ist. Carlo Acutis ist nicht der erste Heilige, mit dem die Kirche ein pädagogisches Ziel anstrebt: Auch die Kanonisierung der heiligen Thérèse von Lisieux sollte genau dies bezwecken: die einfachen Gläubigen in ihrer Alltagsfrömmigkeit bestärken. Da jede Zeit ihre Vorbilder braucht, bietet Carlo Acutis den Jugendlichen ohne religiöses Umfeld mehr Identifikationsmöglichkeiten als die Tochter einer außergewöhnlich frommen Familie, deren Eltern ebenfalls heiliggesprochen wurden.

Das katholische Lebensgefühl der Generation Z ist ein anderes

Die Frage, was in puncto Heiligkeit eigentlich normal ist, wird von jungen Christen heute anders beantwortet als in der Boomphase des monastischen Frühlings. Das katholische Lebensgefühl ist in der Generation Z nicht mehr von den Dramen des 20. Jahrhunderts und auch nicht von der Askese der Kriegsgeneration bestimmt: Der Hunger nach Reisefreiheit, den die Babyboomer nach dem Mauerfall erlebten, verblasst allmählich, ebenso die Erfahrung totalitärer Regime.

Zweifellos wollte Papst Franziskus mit dem zügigen Heiligsprechungsverfahren des Carlo Acutis den geistlichen Erlebnishunger der Gegenwart von wahrer Heiligkeit abgrenzen. Ein Heiliger, der an Wunder glaubte, ohne sich von Privatoffenbarungen beeindrucken zu lassen, passt im Zeitalter der Eventisierung des Glaubens wie der Schlüssel ins Loch. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Regina Einig Christen Frömmigkeit Heiligsprechung Heiligsprechungen Jesus Christus Papst Franziskus

Weitere Artikel

Im postsäkularen Zeitalter noch nicht angekommen? Der fromme neue DBK-Vorsitzende spricht auf dem St.-Michael-Empfang lieber nicht über seinen Glauben. Schade.
10.09.2026, 20 Uhr
Jakob Ranke
Der Sonntag in Rom hat den Glauben als etwas erleben lassen, das einen persönlich ergreift. Wie man Jugendliche gewinnt – und wie man sie vergrault.
11.09.2025, 15 Uhr
Guido Horst
Wie mir das Jesus-Gebet zu einem hilfreichen und geistigen Anker geworden ist. Ein Erfahrungsbericht.
07.04.2026, 09 Uhr
Nick Proboll

Kirche

Zehn Jahre „Amoris laetitia“: Der DBK-Vorsitzende lobt die „hohe Kunst des Zuhörens“ beim Treffen in Rom und nimmt die Erkenntnis mit, dass sich die Kirche weiterentwickelt.
16.10.2026, 11 Uhr
Meldung
Kurienkardinal Luis Antonio Tagle ist neuer Dekan des Kardinalkollegiums. Einst galt er als charismatischer Hoffnungsträger. Doch konnte er die Erwartungen in Rom erfüllen?
15.10.2026, 11 Uhr
Guido Horst
Die Piusbruderschaft hat in Rom Beschwerde gegen die Exkommunikation eingelegt. Der Kölner Offizial Peter Fabritz erläutert die rechtlichen Folgen.
16.10.2026, 11 Uhr
Regina Einig
Nach ihm ist St. Gallen benannt: Der heilige Gallus errichtete dort eine Einsiedelei. Auch in Füssen, Kempten und am Bodensee ist er noch heute ein Begriff.
16.10.2026, 05 Uhr
Claudia Kock