Preisverleihung

Katholischer Medienpreis für eine Dokumentation übers Coming-Out in der katholischen Kirche

In ihrer Laudatio rügt Moderatorin Anne Will die katholische Kirche: Sie müsse den Raum schaffen, damit „queere Menschen“ sein dürfen, „wie Gott sie schuf“.
Verleihung des Katholischen Medienpreises 2022 in Bonn
Foto: © DBK/Julia Steinbrecht | Verleihung des Katholischen Medienpreises 2022 in Bonn. Im Bild: Reinhard Marx, Tobias Scharnagl (Preisträger Kategorie Printmedien), Britta Rotsch (Preisträgerin Kategorie Radio), Hajo Seppelt und Katharina Kühn ...

Am Donnerstagabend wurde der „Katholische Medienpreis“ zum 20. Mal verliehen. Den Preis vergibt die Deutsche Bischofskonferenz gemeinsam mit dem KM. katholischermedienverband e.V. und der Gesellschaft Katholischer Publizisten jährlich seit 2003 in der Nachfolge des seit 1974 verliehenen „Katholischen Journalistenpreises“. Die Verleihung fand mit mehr als 250 Gästen während des Katholischen Medienkongresses (2.–4. November 2022) im LVR Landesmuseum in Bonn statt. 173 Beiträge wurden eingereicht und von einer Fachjury gesichtet.

Laut der Deutschen Bischofskonferenz sollen Beiträge ausgezeichnet werden, die „die Orientierung an christlichen Werten sowie das Verständnis für Menschen und gesellschaftliche Zusammenhänge fördern, das humanitäre und soziale Verantwortungsbewusstsein stärken und zum Zusammenleben unterschiedlicher Gemeinschaften, Religionen, Kulturen und Einzelpersonen beitragen“.

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Preis für Coming out

Es wurde insgesamt vier Preise verliehen: der Hautpreis in der Kategorie Fernsehen, die Preise in den Kategorien Printmedien und Radio sowie ein „Sonderpreis der Jury“ für den bei ARTE am 8. Mai 2021 ausgestrahlten Beitrag „Menschenaffen – Eine Geschichte von Gefühl und Geist“ von Anja Krug-Metzinger.

Der mit 5 000 EUR dotierte Hauptpreis ging an die vom Autorenteam Hajo Seppelt, Katharina Kühn, Marc Rosenthal und Peter Wozny erstellte ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“, die vom Coming-Out zahlreicher Menschen in der katholischen Kirche handelt. In der erstmals am 24. Januar in der ARD ausgestrahlten Doku outeten sich mehr als 120 Mitarbeiter der katholischen Kirche als LGBT (schwul, lesbisch, bisexuell oder trans). Es war das wohl größte Massen-Coming-out in der Geschichte der katholischen Kirche. Die Doku stellte außerdem den Startschuss für die „#OutInChurch“-Kampagne dar, die über den Synodalen Weg darauf setzt, „Diskriminierung von sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten in der Kirche abzubauen“.

Aufgeschüttelt

In der Jury-Begründung heißt es, das Autorenteam des rbb in Zusammenarbeit mit dem SWR habe sich „über viele Jahre mit einem großen Rechercheaufwand dem Thema genähert“. Die Jury lobte: „Es hat in ganz Deutschland mit Betroffenen gesprochen, behutsam und mit großem Feingefühl. Die überleitende Moderation erliegt nicht der Versuchung, zu bewerten oder zu verurteilen; die Schicksale der Protagonisten sprechen für sich.“ Die Jury unter Vorsitz von Weihbischof Matthäus Karrer (54) von Rottenburg-Stuttgart bezeichnete die Doku als „tief berührenden, erschütternden Film, der beschämt und aufrüttelt“. Der Beitrag habe dabei geholfen, dass „innerhalb der Kirche viel bislang Undenkbares diskutiert worden“ sei. Arbeitsrechtlichen Konsequenzen nach dem Massen-Coming-out gab es bislang keine. Im Gegenteil: Gleich mehrere Bischöfe haben sich stärkend hinter die geouteten LGBT-Mitarbeiter gestellt. Die Kirche sei bemüht, in einer Arbeitsrechts-Reform Diskriminierungen abzubauen.

Moderatorin und Laudatorin Anne Will kritisierte, dass mehr gemacht werden müsse gegen die Diskriminierung queerer Menschen. Sie griff ein Zitat aus der Dokumentation heraus: „Ich finde, das ist ein Stück menschenverachtend und ich möchte, dass das aufhört“. Anne Will: „Hier stehen das Kirchenrecht und das kirchliche Arbeitsrecht im maximalen Konflikt zum Menschenrecht“. Und weiter: „Hier verstößt die Kirche ganz klar gegen das Diskriminierungsverbot und setzt Menschen wegen ihrer sexuellen Identität systematisch herab.“ Dabei wurde sie persönlich: „Auch ich, die ich lesbisch bin, die ich zwar nicht praktizierendes, aber haderndes und auch zahlendes Mitglied der katholischen Kirche bin, möchte, dass das aufhört“, sagte sie unter langem Applaus. Die Auszeichnung reiche nicht. „Allein damit, dass der Hauptpreis verliehen wird, ist ja noch nichts gewonnen“, sagt sie und sorgt damit erneut für Beifall. „Die Kirche muss den queeren Menschen, die in ihren Diensten stehen, den Raum und die Sicherheit geben, sich outen zu dürfen, sein zu dürfen, wie sie sind oder – wenn Sie wollen – wie Gott sie schuf.“

Weitere Preise 

In der mit 2.500 EUR dotierten Kategorie Printmedien wurde Tobias Scharnagl für sein Dossier über ein jüdisches Altenheim in Frankfurt am Main „Mein Zuhause ist Deutschland, trotz allem“ (erschienen in DIE ZEIT am 10. Juni 2021) ausgezeichnet. Den Katholischen Medienpreis in der ebenfalls mit 2.500 EUR dotierten Kategorie Radio erhielt Britta Rotsch für „Der rosa Elefant im Klassenraum – Machtmissbrauch in der Schule“, ausgestrahlt am 8. April 2022 in Deutschlandfunk Kultur. DT/jga

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