Kirche

Wer war Lucrezia Borgia?

Vor 500 Jahren starb Lucrezia Borgia. Mordlüstern und inzestuös, oder bescheiden und sittenstreng: Wer war die Tochter Papst Alexanders VI.? Von Georg Blüml
Lucrezia Borgia
Foto: IN

Freitag, 24. Juni 1519; über der Poebene ist es Nacht geworden. Träge mäandriert das weidenumsäumte Silberband des großen Flusses durch die endlose Weite in Richtung Adria; uraltes, fruchtbares Bauernland, das mit lichten Pappelwäldern und Eichenhainen wechselt. An heißen Tagen schmeckt die Luft nach Erde; mit dem Duft von blühenden Pomeranzen und Lavendel mischt sie sich in Delizia di Belriguardo, dem von prachtvollen Gartenanlagen umgebenen Sommerpalast der Herzöge von Ferrara. Als Nicolo III. d'Este, der Großvater des regierenden Herzogs, sie vor weniger als hundert Jahren nach der Art der altrömischen Landgüter erbauen ließ, war sie etwas völlig Neues. Ohne Wehrmauern und schützende Gräben inmitten der offenen Landschaft gelegen, gruppieren sich die Gebäudetrakte um von klassizistischen Säulen umstandene Höfe. Das „Estensische Versailles“ wird man die villenartige Landresidenz dereinst nennen; im Marstall lassen sich 200 Pferde einstellen, die Dächer zieren elegante Kamine und vom Aussichtsturm hat man einen wunderbaren Blick auf die Seeschlachten der Antike, die während ausschweifender Feste auf dem großen Fischteich nachgespielt werden.

Doch es ist nicht die Sommerfrische, derentwegen Herzog Alfons I. nach Belriguardo gekommen ist, auch kein festlicher Anlass; nach einer Fehlgeburt vor zehn Tagen ringt seine 39-jährige Frau mit dem Tod – Lucrezia, die Tochter des berüchtigten Borgia-Papstes Alexanders VI.; in wenigen Stunden wird sie tot sein.

Lucrezia Borgia wurde in ein Raubfischbecken hineingeboren

Seit 25 Jahren herrscht Krieg im Italien der Renaissance. Das labile Kräftegleichgewicht auf der Apenninen-Halbinsel ist empfindlich gestört seit dem Einmarsch Frankreichs, das sich den von Aragon kontrollierten Süden unter den Nagel reißen will; gegen die Interessen sowohl des Heiligen Römischen Reiches als auch des Kirchenstaats. Dazu kommt die Konkurrenz der kleineren Player, etwa Florenz oder Mailand. Im Norden sucht außerdem Venedig, das seit der Entdeckung des Seewegs nach Indien sein Quasimonopol auf den Gewürzhandel verloren hat, sich auf dem Festland zu mästen. In wechselnden Bündnissen belauern sich die Kampfhähne; es ist eine Zeit, in welcher der Rücksichtslosere und Verschlagenere viel gewinnen kann, sei es durch Bestechung, Mord oder Militärschlag. Eine besondere Trumpfkarte ist dabei der Stuhl Petri. Als oberste, auch politische Entscheidungsinstanz ist der Stellvertreter Christi ein attraktiver Bündnispartner; dazu kommt die nahezu unbeschränkte Möglichkeit, geistliche Würden sowie damit verbundene Einkünfte an die eigene Familie oder den Meistbietenden zu vergeben; eine Lizenz sozusagen zum Gelddrucken.

Wer war ihr Vater?

In dieses Raubfischbecken wurde Lucrezia Borgia am 18. April 1480 hineingeboren. Ihre Mutter war Vanozza de' Cattanei, eine energische Persönlichkeit mit einem Näschen für lukrative Geschäfte, ihr Vater der ambitionierte Rodrigo Borgia, Kardinalbischof von Albano und von Porto, der Vizekanzler der Heiligen Römischen Kirche. Der Spanier war im Gefolge seines Onkels Papst Calixtus III. nach Rom gekommen und hatte seine Dauerbeziehung nach einer Legationsreise kennengelernt. Vier Kinder hat ihm „La Vanozza“ geboren; vier Schachfiguren auf dem politischen Spielbrett des familiären Aufstiegs.

Rodrigo Borgia war, was seine privaten Lebensverhältnisse betrifft, bei weitem kein Einzelfall; es herrschte das goldene Zeitalter des römischen Kurtisanenwesens. Da das Eintreten in den geistlichen Stand weniger aufgrund persönlicher Neigung denn aus versorgungspraktischer Hinsicht geschah – zumeist waren es zweitgeborene Adelssprösslinge ohne Erbansprüche – wimmelte es in Rom von alleinstehenden jungen Herren auf der Suche nach Geselligkeit. Über 5 000 Prostituierte lebten zeitweilig in der circa 30 000 Einwohner zählenden, ewigen Stadt. Dabei wurde streng unterschieden zwischen gewöhnlichen Huren und ehrbaren Kurtisanen. Letztere waren musisch und literarisch gebildet und führten große Häuser, die den repräsentativen Ansprüchen ihrer auf der Leiter der Kirchenhierarchie aufwärtsstrebenden Gönnern genügen mussten.

Die notorischen Ermahnungen der Kurie angesichts dieses lustigen Treibens verhallten meist ungehört, zumal die römischen Kurtisanen, das Wort bedeutet „Hofdame“, einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor darstellten; besonders für das Dienstleistungs- und Luxusgewerbe. Der Olymp war erreicht, wenn ein Kirchenfürst über so viele Pfründe verfügte, um sich eine der Damen exklusiv leisten zu können. Der Borgia-Kardinal war hier eindeutig im Vorteil. Er gebot alleine über 30 Titularbistümer, so dass er Vanozza zu seiner „femina“ machen und sie – um den gesellschaftlichen Regeln zu genügen – mit einem päpstlichen Verwaltungsbeamten verehelichen konnte, der laut Zeugnis der Zeitgenossen recht häufig dienstlich verreist gewesen sein soll. Seine Tochter und deren Brüder brachte der Kardinal indes bei Verwandten unter, schließlich rangierten sie offiziell als Nichte und Neffen; sie erhielten eine standesgemäße Erziehung.

Die Ehemänner von Lucrezia Borgia

Im Konklave von 1492 wurde Lucrezias Vater zum Papst gewählt, nannte sich fortan Alexander VI. und provozierte einen Skandal, als er sich offen zu seiner Nachkommenschaft bekannte. Während ihre Brüder Herzöge und Fürsten wurden – Cesare Borgia auch Kardinal – galt es, für die inzwischen Zwölfjährige einen lukrativen Bräutigam zu finden; zwei frühere Kandidaten waren als Papstschwiegersöhne nicht mehr angemessen, ihre Verlobungen wurden aufgelöst. Mit den politischen Bündnispartnern ihres Vaters wechselten auch Lucrezias Ehemänner; unter den fadenscheinigsten Argumenten. Die Ehe mit dem ersten wurde wegen angeblicher Impotenz nach vier Jahren aufgehoben; der Papst benötigte keine Mailänder Unterstützung mehr, sondern spanische.

Als diese Allianz nach nur zwei Jahren politisch tot war, wurde auf Lucrezias zweiten Ehemann ein Attentat verübt. Da aber dieser „sich weigerte, seinen Wunden zu erliegen, wurde er um vier Uhr nachmittags erdrosselt“ notierte der päpstliche Zeremoniar. Danach erhielt 1501 das Haus d'Este den Zuschlag, deren oberitalienisches Herzogtum als Puffer des geplanten Borgia-Staates dienen sollte. Lucrezias schillernder Bruder Cesare hatte, in den Laienstand zurückversetzt, systematisch damit begonnen, sich ein riesiges Territorium zusammenzuräubern. Doch 1503 fanden diese hochfliegenden Pläne ein jähes Ende, als Papst Alexander VI. unerwartet starb.

Liebenswürdig, klug und wortgewandt

Und Lucrezia? Anscheinend hat sie alles über sich ergehen lassen, sich in alles gefügt, was ihr päpstlicher Vater über sie bestimmte. Allerdings darf dabei nicht vergessen werden, dass die Überlieferungslage dünn ist. Um ihren erdrosselten Gatten hat sie anscheinend sehr getrauert, später pflegte sie vertraulichen Umgang mit dem Literaten-Kardinal Pietro Bembo. Zeitgenossen schildern das tizianblonde Mädchen als liebenswürdig, klug und wortgewandt, aber auch bescheiden und sittsam. Als Herzogin erwarb sie sich in Ferrara den Ruf einer tadellosen Regentin und Wohltäterin. Ihr Vater vertraute ihr die Regierung der zum Kirchenstaat zählenden Städte Spoleto und Foligno an; im Jahr 1501 führte sie für einen Monat sogar die Geschäfte des Pontifex?, während dieser außerhalb Roms weilte und durfte die gesamte Post öffnen. Abgesehen davon erlebte sie eine eher durchschnittliche Karriere.

Allerdings haben die Feinde der Borgia noch zu Lebzeiten Lucrezias damit begonnen, an der „Schwarzen Legende“ zu stricken; dabei waren die Borgia nicht verworfener als andere, sondern in vielem einfach nur geschickter. Der tiefe Fall, der den kometenhaften Aufstieg der Familie beendete, ermöglichte eine hemmungslose Schmutzkübel-Kampagne. Aus der Papsttochter wurde eine frühneuzeitliche Messalina, die mit Vater und Brüdern in inzestuöser Beziehung gestanden habe; blutrünstig und mordlüstern, unersättlich und wollüstig; allezeit bereit, sich ihrer Gatten und Rivalen durch Giftmischerei zu entledigen.

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