Missbrauchsaufarbeitung

"Selbstmord der Kirche aus Angst vor dem Tod"

Der Theologe Manfred Lütz kritisiert die Missbrauchsaufarbeitung der katholischen Kirche in Deutschland - und plädiert stattdessen für eine unabhängige zentrale Expertengruppe.
Manfred Lütz, katholische Theologe und Psychologe
Foto: Karlheinz Schindler (dpa-Zentralbild) | Der katholische Theologe und Psychologe Manfred Lütz begrüßt das Vorhaben der Regierung, eine unabhängige Kommission zur Untersuchung von Missbrauchsfällen einzurichten.

Der Kölner Arzt und Psychotherapeut Manfred Lütz übt Kritik an der kirchlichen Missbrauchsaufarbeitung in Deutschland seit 2010: In einem am Sonntag erschienen Gastbeitrag für das Portal "Spiegel online" stellt Lütz fest, dass die bisherige Art der juristischen Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche gescheitert sei. Diese finde alleine offensichtlich nicht aus ihren "sinnlosen Aufarbeitungsriten" heraus und betreibe damit "Selbstmord aus Angst vor dem Tod".

Missbrauch ist kein speziell katholisches Phänomen

Der 68-Jährige sieht es auch als Problem an, dass Missbrauch inzwischen als speziell katholisches Phänomen betrachtet werde. "Das ist er aber mitnichten", so Lütz. Opferverbände hätten erklärt, "dass sie in der evangelischen Kirche von ähnlichen Ausmaßen ausgehen. Experten sind sich einig, dass im Bereich des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), mit womöglich noch höheren Zahlen zu rechnen ist." Wörtlich erklärt Lütz: „Die theatralische Überbelichtung des Missbrauchsthemas in der katholischen Kirche hat zu einer gefährlichen Unterbelichtung in anderen Bereichen geführt.“

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Lütz, der auf Bitten des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger und der Bischofskonferenz bis 2011 mit Missbrauch in der katholischen Kirche befasst war, stellt in dem "Spiegel"-Gastbeitrag gleichzeitig Vorschläge vor, wie eine gelungene Aufarbeitung aussehen könnte. So begrüße er es, dass die neue Bundesregierung eine "wirklich unabhängige" staatliche Untersuchung in die Wege leiten wolle, wofür sich jüngst auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz offen gezeigt habe. Entgegen bürokratischer Vorschläge, müsste dabei "kompetenzzentriert" vorgegangen werden.

Lütz schlägt "hochrangige zentrale Expertengruppe" vor

Lütz schlägt daher vor, eine hochrangige zentrale Expertengruppe "aus unabhängigen Persönlichkeiten ohne innerkirchliche oder innerverbandliche Agenda" ins Leben zu rufen. Diese müsse "eine wissenschaftliche Untersuchung der katholischen und evangelischen Kirche sowie des DOSB" organisieren. Dabei sollten nach Meinung des Psychotherapeuten vertreten sein: "Sexualwissenschaft, forensische Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Aussagepsychologie, Traumatherapie, historische, staatsanwaltliche und richterliche Kompetenz."

Um wissenschaftliche Vergleichbarkeit zu erreichen und vermutete systemische Ursachen mit Daten zu belegen, müssten die Rahmenbedingungen "überall gleich" sein, schreibt Lütz weiter. Die Aufarbeitungskommissionen der 27 Bistümer, deren Ergebnisse nicht vergleichbar und damit wissenschaftlich wertlos seien, müssten aufgelöst "und alle Daten der zentralen staatlichen Untersuchungskommission übergeben werden". Diese Gruppe, schlägt Lütz vor, sollte das Recht haben, "alle Archive der Kirchen und im Bereich des DOSB einzusehen". Außerdem müsste "eine ausreichend finanzierte wirklich unabhängige Betroffenenvertretung" eingerichtet werden, um das Projekt "aktiv kritisch" zu begleitet.  DT/dsc

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