Hallo! Ich bin der Esel Knöpfchen. Und ich bin nicht störrisch, sondern mächtig stolz. Denn ich wurde ausgewählt, Jesus durch die Straßen Jerusalems zu tragen: den König Israels! Dabei bin ich kein edles Tier, würdig, einen König zu tragen. Ich trage Lasten, ich werde geschlagen, ich schreie, wenn es mir reicht – und alle halten sich die Ohren zu. Mein Herr auf dem Hof ist grimmig und schlägt mich, wenn ich ihm zu langsam bin — oder zu störrisch, wie er immer sagt. Esel haben keinen guten Ruf.
Schon im Buch der Sprichwörter und bei den Propheten wird der Esel gelegentlich als Bild für Menschen verwendet, die nicht lernen wollen. Jeremia hat meine Cousinen sogar mit dem abtrünnigen Israel verglichen: wild, triebgesteuert, nicht zu bändigen (Jer 2,24). Und doch gilt: Selbst ein Esel weiß, wo er hingehört – an die Krippe. Das sagt der Prophet Jesaja: „Der Ochse kennt seinen Besitzer, der Esel die Krippe seines Herrn – aber Israel kennt mich nicht“ (Jes 1,3).
Nebenbei: Im Neuen Testament steht nichts davon, dass Ochs und Esel an der Krippe standen – das steht in den Apokryphen. Aber den Menschen war es zu schön, als dass sie es hätten weglassen können. Manche Bilder sind stärker als Textkritik. Doch zurück zu Jeremia. Er vergleicht den Esel mit Menschen, die Gott nicht kennen. Das ist unser Ruf.
Sieh, dein König kommt zu dir
Aber dann kommt Sacharja – und kündigt mich an. Stellt euch vor: mich! „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.“ (Sach 9,9). Der Esel wird zum Thron des Messias. Ich werde zum Thron Gottes! Das ist ein Höhepunkt meines bisherigen Lebens als Esel.
Ich war einfach zur rechten Zeit am rechten Ort, als zwei Jünger Jesu mich holten. Oder war das Vorsehung? Ich war noch nie geritten worden. Die beiden Männer legten ihre Mäntel auf meinen Rücken, und Jesus setzte sich auf mich, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Zum Glück hatte ich meine Muskeln trainiert.... Achtung, es geht los: Wir ziehen in Jerusalem ein. Die Menschen breiten ihre Kleider auf dem Weg aus. Sie schwenken Zweige und rufen: Hosanna! Ich bin überglücklich und stolz. Das sieht man sicher, denn ich setze elegant einen Huf vor den anderen.
Ich weiß nun, warum Jesus weder Schlachtross noch Sänfte brauchte: Seine Armut hat Größe. Er muss seine göttliche Macht nicht demonstrieren – er hat sie, und diese Macht ist unendliche Liebe. Das spüre ich, aber so was von. Jesus hat mich gewählt; einen kleinen Esel. Das zeigt, wie wichtig Jesus das Kleine und Unbedeutende ist. Ich bin wertvoll – alle, die sich auch scheinbar unscheinbar und nutzlos fühlen, sind wertvoll in Gottes Augen. Jesus dreht heute die Welt auf den Kopf: Er stößt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Das hat Maria gesungen, als sie bei Elisabeth war.
Esel im Alten Testament
Nun, ich bin immer noch ein Esel. Aber heute bin ich der, der ihn tragen darf. Und das nimmt mir keiner mehr. Heute bin ich einfach nur glücklich – und reihe mich ein in die Reihe der Esel, die schon im Alten Testament eine besondere Rolle gespielt haben: Abraham nimmt einen Esel mit auf dem schwersten Weg seines Lebens, zur Opferung Isaaks (Gen 22). Mose setzt seine Familie auf einen Esel, als er nach Ägypten aufbricht (Ex 4). Und dann ist da Bileam, dessen Eselin den Engel Gottes sieht, bevor ihr Herr es tut (Num 22). Der Esel trägt im Alten Testament fast immer jemanden, der mehr ist, als er scheint. Bei Bileam sieht er sogar mehr als der Mensch.
Auch heute sehe ich mehr als die Menschen. Sie jubeln Jesus als ihren Retter zu, wedeln mit den Palmzweigen. In der griechisch-römischen Kultur standen Palmzweige übrigens für Herrschaft und Gottheit. Die Juden verbinden sie mit der Unabhängigkeit eines mächtigen Königs. Aber Jesus weiß, wofür er auf der Erde ist: Er wird sterben. Er kommt nicht als Kriegsfürst, sondern als Friedensfürst. Und dieselben Menschen, die ihm jetzt Hosanna zurufen, werden ihn bald schon schlagen. Mein Eselsherz spürt dies. Sie haben noch nicht begriffen, wie Jesus retten will. Darum mischt sich auch Traurigkeit in meine Freude.
„Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien"
Oh, hört ihr? Die Pharisäer wollen, dass Jesus seine Jünger zurechtweist. Aber Jesus erwidert: „Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.“ So ist es: Die ganze Schöpfung ehrt Gott, das begreifen sie nicht. Die Pharisäer sind viel störrischer als wir Esel. Jetzt sind sie wütend, dass sie gegen Jesus nichts ausrichten können. Die ganze Welt laufe ihm nach, schimpfen sie. Ach, die werden sich noch wundern. Jesus muss sterben, heißt es in der Schrift. Aber dadurch werden tausend und abertausend Samen aufgehen und Jesu Königreich wird sich in der Welt ausbreiten. Denn Jesus wird sterben – aber nach drei Tagen auferstehen. Begreift ihr, was das heißt? Gott ist Herr über Leben und Tod, mächtiger als alle Pharisäer dieser Welt zusammen. Jesus wird die Herzen der Menschen erobern, die sich ihm öffnen. Seine Liebe wird die Welt überfluten.
Und ich? Ich werde zurückgehen auf den Hof. Mein Herr wird mich wieder schlagen, wenn ich zu langsam bin. Die Last wird wieder schwer sein. Aber ich werde mich erinnern: an seine Hände auf meinem Rücken, den Jubel und an den Frieden, den ich spüren darf: so wunderschön, unerklärlich schön und echt. Ich habe ihn getragen. Wenn er sterben und nach drei Tagen auferstehen wird, dann ist das heute der Anfang von etwas ganz Großem. Und ich, Knöpfchen, war dabei.
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