Credo

Für wen haltet ihr den Menschensohn?

Trotz seiner Logik und seiner Gewissheiten bleibt beim Glauben ein blinder Fleck, der sich dem Nachweisbaren entzieht.
Rudolf Gehrig und Bischof Stefan Oster stellen ihr gemeinsames Buch vor
Foto: Picasa | Rudolf Gehrig und Bischof Stefan Oster stellen ihr gemeinsames Buch vor,

Im August 2021 habe ich gemeinsam mit dem Passauer Bischof Stefan Oster ein Buch veröffentlicht. Es geht darin vor allem um das Thema Berufung, doch wie das Buch heißt und wo es erschienen ist, werde ich jetzt nicht verraten, damit die Redaktion der Tagespost nicht merkt, dass ich hier heimlich Schleichwerbung mache.
Jedenfalls durfte ich letzte Woche zu einer Autorenlesung, um gemeinsam mit dem Bischof unser Werk vorzustellen. Der Bischof und ich sprachen über unseren jeweiligen Berufungsweg und beantworteten artig die Fragen der Moderatorin. Anschließend kam es zum Austausch mit den Gästen. Einige schilderten ihren Frust mit der Kirche, andere sprachen darüber, wie der Glaube ihnen in schweren Zeiten geholfen hatte.

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Betroffenheit 

Betroffen machte mich die Aussage eines alten Mannes, der den Bischof direkt angriff, nachdem Oster gesagt hatte, er glaube an Jesus Christus, der von sich gesagt hatte, er sei „der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Dieses Zitat sei Jesus vom Evangelisten Johannes doch nur in den Mund gelegt worden, schäumte der Mann, die Kirche habe viele solcher „angeblicher“ Jesus-Zitate benutzt, um die eigene Macht zu sichern Als ich noch zur Schule ging, bin ich einigen Religionslehrern begegnet, die ähnlich gesprochen haben. Das mit Jesus und den Wundern sei lediglich ein PR-Gag von den Jüngern gewesen, sagten sie. Die Evangelien selbst seien mehr oder weniger willkürlich von der Kirche festgelegt worden, nachdem gerissene Kleriker in den Texten so lange darin herumgepfuscht haben, bis alles in ihrem Sinne passte.

Wirklich anwesend?

Es wird viel Blödsinn über die Kirche erzählt und viele Behauptungen beleidigen den Intellekt. Doch an einem gewissen Punkt gehen auch dem klügsten Theologen die logischen Argumente für den Glauben aus. Ich kann den Frust nachvollziehen, dass beim Glauben – trotz seiner Gewissheiten, trotz seiner Logik, die sich mithilfe des Verstandes erfassen lässt – ganz am Ende immer noch ein letzter blinder Fleck bleibt, der sich dem Verstehen entzieht.

Das ist nicht nur bei bestimmten Bibelzitaten so. Dramatischer zeigt sich das in der Messfeier: Kann ich wirklich glauben, dass Gott nun in diesem Stücken Brot leibhaftig anwesend ist? Und wenn doch, warum sollte ich Gott dann verspeisen? Doch was würde passieren, wenn die Wissenschaft eindeutig und unwiderlegbar beweisen könnte, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, der uns erlöst hat? Welchen Wert hätte die menschliche Freiheit dann noch? Kein Mensch könnte dann noch die Existenz Gottes abstreiten. Welchen Wert hätte die Liebe, wenn sie sich nicht aus dieser Freiheit und Absichtslosigkeit nährt?

Für wen halten wir den Menschensohn

Und trotzdem hat der alte Mann bei unserer Buchvorstellung eine Frage aufgeworfen, die Jesus schon damals seinen Jüngern stellte: „Für wen haltet ihr den Menschensohn?“ War Jesus nur ein Sozialrevoluzzer mit krassen Gleichnissen, ein Wunderheiler ohne Arztzulassung und Praxisgebühr, ein wunderlicher Brot- und Weinvermehrer mit dem Potenzial, die ganze Nahrungsmittelindustrie in Galiläa zu ruinieren? Oder ist er wirklich „der Weg, die Wahrheit und das Leben“?

Ich persönlich bin überzeugt davon, dass jeder, der aufrichtig nach der Wahrheit sucht, irgendwann auf Gott stößt. Doch auch dann steht es dem Menschen immer noch frei, sich auf diese Wahrheit einzulassen oder sich abzuwenden. Das Wesen der Liebe Gottes ist es zu akzeptieren, dass man sich ihr auch verweigern kann.

Um sich aber auf die Suche nach diesem Gott der Liebe zu machen, ist gar nicht so viel nötig. Denn, und damit kommen wir nun doch zum Titel des gemeinsamen Buches von Bischof Stefan Oster und mir: „Den ersten Schritt macht Gott.“

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