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Erzabtei Beuron: Liebe zur Liturgie

Die Benediktinermönche der Erzabtei Beuron begehen ihr 150-jähriges Gründungsjubiläum. Von Stefan Blanz
Erzabtei Beuron: Liturgisches Zentrum und Ort der Stille
Foto: Blanz | Liturgisches Zentrum und Ort der Stille für Wallfahrer und Gäste: die Erzabtei Beuron.

Seit Pfingsten 1863 singen Benediktiner das Chorgebet in Beuron im Oberen Donautal zwischen Tuttlingen und Sigmaringen. Die Wiederbesiedlung des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstiftes führte die Erzabtei St. Martin zu Beuron durch eine bedeutende und wechselvolle Geschichte. Heute orientieren sich die Mönche unter den gegenwärtig nicht immer leichten Bedingungen zwischen geistlichem Gemeinschaftsleben, strukturellem Wandel und gesellschaftlicher Vernetzung.

Erzabt Tutilo Burger: Leiter und geistliche Vater der Abtei

Seit 2011 ist Erzabt Tutilo Burger der Leiter und geistliche Vater der Abtei. Der ehemalige Prior benennt die Fakten: „Auf dem Papier hat unsere Gemeinschaft 52 Mitglieder, davon 20 Priester und 32 Brüder. Das Durchschnittsalter ist 64.“ Angst vor dem Aussterben kennen die Beuroner Mönche jedoch nicht: „Nach menschlichem Ermessen gibt es uns in 30 Jahren weiterhin.“ Erzabt Tutilo setzt dabei auf Kollegialität und bindet seine Mitbrüder aktiver in die Verantwortung für das Kloster ein, als dies früher üblich war. Gemeinsam mit dem neuen Prior Sebastian Haas-Sigel, Subprior Br. Petrus Dischler und dem Seniorat stellt man sich den Herausforderungen der Gegenwart, die einerseits in der geistlichen Orientierung in unserer Zeit und andererseits aus den materiellen und organisatorischen Bedingungen entstehen.

Erzabt Tutilo Burger gibt in der Festschrift zum Jubiläum, die im hauseigenen Verlag erschienen ist, eine Standortbestimmung der benediktinisch-beuronischen Spiritualität, die sich häufiger mit esoterischen Folgen des Bibelverlustes in unserer Zeit konfrontiert sieht als mit einem christlich basierten Konzept von Kirche und Gesellschaft. Der Gründerabt Maurus Wolter unterstrich bereits die paulinische Aufforderung im 43. Kapitel der Benediktsregel: „dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden“. Auf diese Weise identifiziert sich das typisch Benediktinische der Mönche im Rückzug von der Welt, im Stundengebet mit den Psalmen und der heiligen Messe, den Lesungen und der Arbeit für die Gemeinschaft.

Erzabtei Beuron: Bekannt für die Liturgie

Beuron ist bekannt für seine feierliche Liturgie. Sie ist quasi die Richtschnur der Mönche im Gang durch die Zeiten. Insbesondere das Zweite Vatikanische Konzil hat hier viel Wandel gebracht. Aber auch das sieht man gelassen. Die Liturgie wurde schließlich immer auch in der Krisen- und Heilsgeschichte der Kirche angepasst. In der Spiritualität selbst geht es jedoch nicht so sehr um das gelehrte Verständnis, sondern um den Vollzug geistlich-liturgischen Lebens. Und das gar nicht so weltabgewandt, wie man sich das monastische Leben häufig vorstellt, sondern immer in der Möglichkeit, zu teilen.

Beuron ist traditionell ein Wallfahrtsort. „Videte si est dolor sicut dolor meus – Seht, ob ein Schmerz dem meinen gleicht“, begrüßt die Schmerzensmutter von Beuron die Gläubigen mit ihren Nöten. Wer nach Altötting, Fatima oder Lourdes fährt, macht ohne Zweifel ein Marien-Wallfahrt. Die Erzabtei St. Martin ist zwar die Heimat des Gnadenbildes der „Schmerzhaften Mutter von Beuron“, doch die Wallfahrten ins Donautal stellen sich vielgestaltiger dar. „Einfach zu sagen, man hat hier ein Gnadenbild und dann strömen die Heerscharen wie in Lourdes, so geht es in Beuron nicht“, stellt Erzabt Tutilo klar.

Annatag und Lourdesgrotte ziehen viele Wallfahrer an

Strukturelle Veränderungen und religiöse Vielfalt prägen heute die Motive der Wallfahrer. Die Klostergemeinschaft um Wallfahrtspater Pirmin Meyer versucht hier mit neuen Akzenten das Wallfahren lebendig zu halten. Nach wie vor ziehen insbesondere die Frauenwallfahrt am Annatag (26. Juli) mit dem Pilgerzug aus dem Donautal und die Vigil zu Mariä Himmelfahrt am 14. August in der nahe gelegenen Lourdesgrotte viele hundert Menschen an.

Der Beuroner Wallfahrtspater Pirmin Meyer macht auch neuere Angebote. Mit Erfolg. Seit einigen Jahren kommen einige hundert Kinder zur Erstkommunikanten-Wallfahrt ins Donautal. Doch generell ist Masse nicht zwingend Trumpf. Beuron als geistliches Zentrum zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee und zwischen Schwarzwald und Oberschwaben wird zunehmend als spiritueller Rückzugsort gesucht. Einige Gottesdienstangebote sind deshalb stärker auf Kleingruppen oder Einzelbesucher ausgerichtet. Exemplarisch hierfür stehen die Segensgottesdienste für werdende Eltern oder der traditionelle Maurussegen. Diese benediktinische Krankensegnung geht auf den heiligen Maurus, den Lieblingsschüler des heiligen Benedikt, zurück und wird in Beuron mit einer Kreuzreliquie gespendet. Pater Sebastian Haas-Sigel, Prior der Erzabtei sagt dazu: „Uns ist der Gedanke wichtig der persönlichen Zuwendung, die im Segen zum Ausdruck kommt. Krankheit – körperlich wie seelisch – findet Raum im Blick auf das Gnadenbild. Leid zur Sprache bringen, das in der Öffentlichkeit oft lieber verschwiegen wird; hier Stärkung und Ermutigung vom Glauben her zuzusprechen, scheint uns wichtig“.

Während einer Podiumsdiskussion am Jubiläumspilgertag zum Thema „Kloster heute in Kirche und Gesellschaft“ war die Nachwuchsfrage ein zentrales Thema. In den Medien werden Wiederaustritte häufig in skandalträchtigem Ton platziert oder lakonische Bücher über das Klosterleben verfasst, um die säkulare Wirtschaftstauglichkeit der enttäuscht Ausgetretenen wieder herzustellen. Die Quote läge bei 80 Prozent und die lebenslange Treue zu einer konkreten Gemeinschaft sei nicht zeitgemäß, heißt es da beispielsweise. In Beuron sieht man das gelassen: „Es war schon immer so, dass von zehn Novizen nur einer oder zwei geblieben sind. Nur ist das früher nicht so aufgefallen, als wir noch viel mehr Mönche waren“, erzählt Bruder Petrus. Man engagiert sich auch nicht gezielt in dieser Frage. Erst recht entwirft man im Donautal keine Konzepte oder Programme, wie man womöglich Nachwuchs „akquirieren“ könne. Abtpräses Albert betont, dass es bei Interessenten mehr um die Hilfestellung beim Finden des Berufungsweges gehe, als sie womöglich manipulieren zu wollen, damit sie im Beuron bleiben. Einen Unterschied gibt es allerdings zu früher: das Eintrittsalter ist heute höher. Meist sind die Novizen zwischen 30 und 40 Jahre alt. Sie bringen stärkere Prägungen mit als ein junger Mensch mit Anfang 20. Da ist mehr Einlassung seitens des Novizenmeisters Pater Landelin und seiner Mitbrüder gefragt und die Neulinge müssen sich dennoch auf die Forderungen einlassen, dass in der Gemeinschaft das Klosteralter mehr zählt als die Ansprüche, die man vielleicht aus der mitgebrachten Lebenserfahrung erheben könnte.

Die Infirmerie des Klosters

Bruder Siegfrieds Arbeitsplatz ist die Infirmerie, wie die Krankenstation im Kloster heißt. Obwohl er selbst bereits 72 Jahre alt ist, versieht er seit fünf Jahren den Pflegedienst an seinen kranken Mitbrüdern. 24 Stunden täglich an sieben Tagen in der Woche ist er in Bereitschaft für gegenwärtig neun Mönche, die er auf der Station pflegt und vier ambulant in ihren Zimmern. Hinzu kommen die sonstigen Krankheiten von Mitbrüdern und auch Notfälle bei Gästen nicht nur im Gastflügel, sondern auch im Dorf, denn Bruder Siegfried ist auch Beurons Mann des Roten Kreuzes. Neben der körperlichen Anstrengung bleiben psychische Belastungen nicht aus. „Man ist oft Blitzableiter für Stimmungen, das fordert einen schon heraus“, erzählt er. Daneben ist der Klosteronkel, wie er in seiner Großfamilie genannt wird, auch noch der Klosterimker. Die Frage, woher er denn auch noch die Zeit dafür nimmt, beantwortet er mit einem Schmunzeln: „Man muss es sich halt herausquetschen.“

In der Infirmerie werden auch aktuelle Fragen der lebenserhaltenden Maßnahmen deutlich. Die moderne Medizintechnik und das dafür notwendige Know-how sorgen häufig dafür, dass die Mönche immer öfter bei großen Schwächen und Erkrankungen am Lebensende in Krankenhäuser oder Pflegeheime verlegt werden. Trotz aller Befürwortung moderner Medizin ist das auch problematisch, denn geistlich besteht das Ideal der Gelassenheit darin, inmitten der Gemeinschaft sein irdisches Leben zu beenden, in der man seine Zeit verbracht hat.

Wo Edith Stein den „Vorhof des Himmels“ fand

Gäste spielen in Beuron generell eine wichtige Rolle. Dies gilt sowohl geistlich als auch organisatorisch. Jährlich strömen viele tausende Wallfahrer, Pilger, Gottesdienstbesucher oder Touristen durch das Obere Donautal. Schon die junge Konvertitin Edith Stein erlebte Beuron als „Vorhof des Himmels“. Die Beuroner Benediktiner haben in den letzten Jahren den Gästeflügel weiter geöffnet, ausgebaut und erweiterbar konzipiert. Die gestiegenen Bedürfnisse nach Auszeiten, nach Rückzugsmöglichkeiten, nach Exerzitien, Statios für Jakobspilger oder die intime Teilnahme an Gottesdiensten und anonyme Möglichkeit zur Beichte hat den Gastflügel zu einem wesentlichen Arbeitsbereich in Beuron gemacht. So ist es kein Zufall, dass man nicht mehr wie in den letzten 25 bis 30 Jahren nur einen, sondern drei Gastpatres eingesetzt hat. Es geht dabei nicht primär um die zu erhöhende Auslastung von Bettenbelegungen, sondern um die Art der Angebote. „Wir sind ein klösterliches Gästehaus“, betont Pater Prior Sebastian und Pater Daniel hat das Profil in einem Aufsatz in der Festschrift mit den Worten zusammengefasst: Beherbergen – Bewirten – Befördern. Das meint beispielsweise Kurs-, Seminar- und Tagungsangebote, die in Verbindung mit dem Besuch der Gottesdienste und dem Empfang der Sakramente die geistliche Übung zur Mitte haben ebenso wie die Aufnahme von klassischen Firmlingsgruppen, Kirchenchören, Gemeinderäten oder Priestern und Ordensleuten zu Exerzitien. Also vorwiegend spirituelle Angebote, „damit das Geistliche hier besser Raum greifen kann“, wie es Pater Sebastian formuliert. „Ein Gästeflügel ist kein Betrieb, ein Gästeflügel ist ein Dienst“, fasst es der frühere Gastmeister Pater Martin gerne zusammen.

Um eine ganze Welt zu wechseln, muss man in Beuron nur über die Straße gehen. Dort steht das Hotel Pelikan, das seit fast dreißig Jahren von der Familie Schönwälder bewirtschaftet wird. Der Pelikan als Christussymbol, der sein eigenes Blut gibt, damit seine Kinder leben können, drückt zwar auch die Dienstbereitschaft für die Gäste aus, aber das Hotel ist ein Wirtschaftsbetrieb, der sich selbst tragen muss. Bettina Schönwälder und ihr Mann Arnold leiten das Hotel seit vielen Jahren. Zuvor war es in der Hand seiner Eltern. Sohn Patrick ist nach seiner Ausbildung in renommierten Hotels in Deutschland, der Schweiz und Italien wieder in die Küche ins Donautal zurückgekehrt.

Gottesdienste in der Erzabtei Beuron

Die meisten Gottesdienste stehen allen Besuchern nicht nur offen, sondern es besteht auch die Einladung zum Mitbeten. „Verschrocken“, wie Erzabt Tutilo sagt, müssen die Gottesdienstteilnehmer in der Abteikirche nicht sein. Die Grenze zwischen Chormönchen und Gottesvolk im Kirchenschiff soll nicht groß sein. Als Beispiel nennt der Erzabt die erste Vesper vom Sonntag am Vorabend, an die sich immer die Lauretanische Litanei anschließt, während derer die Mönche durch die Abteikirche zur Schmerzensmutter von Beuron in die Gnadenkapelle ziehen. Bei der Prozession am Vorabend des diesjährigen Dreifaltigkeits-Sonntags haben sich die Gäste angeschlossen und sind mit zum Gnadenbild gezogen. „Des können die Leut au sonsch am Samstag machen, so viel Platz isch gnug.“

Weitere Informationen erhalten Sie unter https://www.erzabtei-beuron.de.

 

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