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Die Anglikanisierung der katholischen Kirche in Deutschland

Mit der Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“ macht sich ein Teil der deutschen Bischöfe auf den Weg in eine katholische Low-Church.
Regenbogen über Kirchturm
Foto: IMAGO/ALIMDI.NET / Arterra / Philippe (www.imago-images.de) | War mal ein Symbol für den Bund Gottes mit den Menschen: der Regenbogen. Heute steht er auch in der Kirche zunehmend für weltliche Anliegen - denen freilich je nach Bistum ganz unterschiedlich begegnet wird.

Der pastorale Flickenteppich in Deutschland vertieft sich. Seit April gibt es in Deutschland neue Praxisregeln für die Segnungen „aller Paare, die sich lieben“. Die Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“ steckt den pastoralen und liturgischen Rahmen ab, innerhalb dessen Seelsorger nun auch Paare segnen können sollen, die entweder keine katholische Ehe eingehen können (zum Beispiel, weil es sich um ein gleichgeschlechtliches Paar handelt) oder es nicht wollen. Das Papier widerspricht in wesentlichen Punkten dem vatikanischen Dokument „Fiducia supplicans“, das den spontanen, pastoralen Segen von Menschen in sogenannten irregulären Beziehungen gestattet.

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Zwar gehört die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) zu den Herausgebern – gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) –, jedoch gilt das Papier nicht in ganz Deutschland. Denn kirchenrechtlich bindend ist ein solches Dokument einer Bischofskonferenz für den einzelnen Ortsbischof nicht. Die Bischöfe von Köln, Augsburg, Eichstätt, Passau und Regensburg werden die Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“ in ihrem Bistum nicht anwenden und verweisen auf das „Fiducia supplicans“. Andere Bischöfe überlassen es den Seelsorgern, die Handreichung anzuwenden oder nicht, wieder andere preschen proaktiv voraus.

Es gibt eine bischöfliche Verantwortung für die Einheit der Kirche

Kirchenrechtlich, vor Gott, dem Papst und den Gläubigen ist jeder Bischof für sein eigenes Bistum und die Seelen, die zu ihm gehören, verantwortlich. Eine Verantwortung, die er weder an seine Priester delegieren, noch in einem Gremium auflösen, noch hinter einem DBK-Papier in sichere Deckung bringen kann. Diese Verantwortung schließt auch eine Verantwortung für die Einheit der Kirche als Ganze ein. Katholisch sein bedeutet, dass sich Gläubige darauf verlassen können sollten, dass ihnen rund um den Globus der gleiche Glaube gepredigt und die – abgesehen von legitimen kulturellen Aspekten – gleiche Glaubenspraxis geboten wird. (Dass dies kein naiver Wunschtraum ist, hat zuletzt der Weltjugendtag in Rom wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt.)

In Deutschland ist das jedoch nicht mehr der Fall – jetzt auch ganz offiziell. Noch verstärken wird sich die Situation in dem Moment, in dem sich die Schulkommission der DBK ein – bisher noch nicht veröffentlichtes – Dokument zu sexueller Bildung in katholischen Schulen noch einen Schritt weiter von der Weltkirche entfernen wird. Dass innerhalb Deutschlands – und mancherorts auch innerhalb einer Diözese – von Ort zu Ort eine unterschiedliche Glaubenslehre und -praxis verkündet wird, führt nicht nur zu Verständnislosigkeit und Verletzungen, sondern auch dazu, dass katholische Gemeinde nicht mehr gleich katholische Gemeinde ist. „Kirchenhopping“ und lange Anfahrten zur Wunschgemeinde sind jetzt bereits für viele Gläubige Alltag.

Die Situation der katholischen Kirche in Deutschland erinnert damit zunehmend an die der anglikanischen Kirche in England, wo die Gläubigen wissen, dass sie je nach Gemeinde ein unterschiedliches pastorales, liturgisches und in Teilen auch lehramtliches Menü serviert bekommen. Zeichen des Katholischen ist demgegenüber, dass es nicht in der Verfügungsgewalt des jeweiligen Amtsträgers (und der mehr oder weniger offiziellen Wortführer aus den Reihen der Laien) liegt, was Gläubige in der einzelnen Gemeinde an Glaubensinhalten und -praxis vorfinden. Das beugt Machtmissbrauch und Besitzansprüchen vor. Jedenfalls war das mal so.

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