Mit einem bemerkenswerten Vorschlag möchte Dom Geoffroy Kemlin, Abt von Saint-Pierre de Solesmes und Vorsitzender der Benediktinerkongregation von Solesmes, „den liturgischen Streit überwinden, der Gläubige nicht nur in Frankreich, sondern auch in den Vereinigten Staaten, in England, in Deutschland und andernorts belastet“.
In einem Brief an Papst Leo XIV. regt der Abt an, den überlieferten Vetus Ordo nicht länger als Gegenmodell zum nachkonziliaren Messbuch zu behandeln, sondern ihn in das heutige Missale Romanum zu integrieren. Ziel sei es, den seit den 1970er Jahren schwelenden liturgischen Konflikt zu entschärfen: Es sei an der Zeit, „auf eine echte Rückkehr zur Einheit“ hinzuarbeiten.
Doppelte Erfahrung zweier liturgischer Welten
Dom Kemlin beruft sich in seinem Brief auf Dom Prosper Guéranger, der im 19. Jahrhundert die Gemeinde Solesmes in der Region Pays de la Loire zu einem Zentrum der liturgischen Erneuerung machte: Er habe „die liturgische Bewegung ins Leben gerufen, die zur Konstitution Sacrosanctum Concilium des Zweiten Vatikanischen Konzils und zur darauffolgenden Liturgiereform führte.“ Während Solesmes selbst die Liturgiereform in bewusster Kontinuität mit der Tradition annahm, hielten Tochterklöster wie Fontgombault am älteren Ritus fest. Aus dieser doppelten Erfahrung zweier liturgischer Welten schöpft Kemlin seine Argumentation.
In einem Interview mit dem französischsprachigen christlichen Radionetzwerk RCF Sarthe schildert der Abt, wie ihn die Frage persönlich betrifft. Er selbst lebte in beiden Formen des römischen Ritus: zunächst in Fontgombault, später in Solesmes. „Wenn ich also Spaltungen in dieser Frage sehe, leide ich!“, führt er aus. „Die Liturgie ist dazu da, die Einheit in der Kirche zu stärken, nicht um uns zu spalten!“
Gegen die Meinung, Anhänger des alten Ritus würden „die Messe instrumentalisieren und sie zu einem identitätsstiftenden Banner machen“, wendet er in seinem Brief an den Papst ein: Solche Haltungen seien „bei weitem nicht in der Mehrheit“. Die meisten Menschen, die dem alten Ritus verbunden sind, würden damit „eine starke und authentische spirituelle Erfahrung machen, die sie mit dem neuen Messbuch nicht erleben können“.
Kritiker stellen Tragfähigkeit des Modells infrage
Dom Kemlin hält die „von einigen befürwortete Lösung“, den Ordo Missae des Messbuchs von Paul VI. zu überarbeiten, „um ihn dem alten Ordo Missae ähnlicher zu machen“, für keine gute Lösung: Dies würde „alle Seiten unzufrieden machen, neue Spaltungen hervorrufen und letztlich die Gefahr mit sich bringen, dass am Ende nicht zwei, sondern drei Messbücher nebeneinander bestehen“.
Kern seines Vorschlags ist ein integrativer Ansatz: Der alte Ordo Missae solle – mit einigen Anpassungen – in das heutige römische Messbuch aufgenommen werden, während der neue Ordo unverändert bestehen bleibt. Die beiden Ordos Missae wären somit Teil des einzigen Römischen Messbuchs. „Statt zu trennen oder auszugrenzen, könnte eine solche Lösung die Gläubigen, die dem alten Messbuch verbunden sind, aufnehmen und einbeziehen, ohne jene zu verärgern oder zu entfremden, die dem erneuerten Ordo verbunden sind.“
An diesem Punkt setzt jedoch die Kritik an, die das französische Portal „Tribune Chrétienne“ aufgreift. Das Portal würdigt zwar Kemlins Friedenswillen und seine erkennbare Treue zur Kirche, stellt aber die Tragfähigkeit seines Modells infrage. Der Abt selbst halte fest, dass beide Ordnungen von deutlich verschiedenen liturgischen Akzenten und sogar von der „ihnen jeweils zugrunde liegenden Anthropologie“ geprägt seien. Deshalb bleibe offen, ob ihre Koexistenz in einem einzigen Messbuch tatsächlich Einheit schaffe oder nicht vielmehr „eine dauerhafte Unklarheit“ festschreibe.
Kein Modell für die Weltkirche?
Einige Beobachter seien der Ansicht, dass dieser Vorschlag „den liturgischen Krieg verschärfen könnte“, nicht absichtlich, sondern durch seine Folgen. Er könnte „die Kluft, die er überwinden will, noch deutlicher sichtbar machen“.
Dom Kemlin beziehe sich auf die Erfahrung in seiner benediktinischen Kongregation. Die Frage sei, ob das, was „mit klösterlicher Disziplin und gewachsener gegenseitiger Achtung“ gelinge, sich ohne Weiteres auf die Weltkirche übertragen lasse. „Tribune Chrétienne“ sieht deshalb die Gefahr, dass eine als inklusiv gedachte Lösung neue Verwirrung stiften und eine nie wirklich entschiedene Debatte erneut verschärfen könnte.
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