Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar zu BDKJ-Initiative

„72-Stunden-Aktion“: Mit Frömmigkeit hat das nichts zu tun

Die Initiative des BDKJ gilt als Erfolgsmodell katholischer Verbandsarbeit. Doch sie unterscheidet sich kaum von nicht-kirchlichen Initiativen.
Die 72-Stunden-Aktion ist eine Sozialaktion des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ)
Foto: IMAGO/Steffen Proessdorf (www.imago-images.de) | Die vom BDKJ benannten inhaltlichen Schwerpunkte der Aktion – „Umweltschutz, globale Gerechtigkeit, Engagement für Demokratie und Zusammenhalt“ – kann man kaum als Alleinstellungsmerkmal für kirchliche Jugendarbeit ...

Zum dritten Mal nach 2013 und 2019 hat der „Bund der Deutschen Katholischen Jugend“ (BDKJ) in diesem Jahr zu einer „72-Stunden-Aktion“ aufgerufen: Vom 18. bis 21. April beteiligten sich nach Angaben der Veranstalter rund 80.000 junge Menschen in 2.720 Gruppen an sozialen, politischen und ökologischen Aktionen mit dem Ziel, „die Welt ein Stück besser zu machen“. Wie die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) berichtet, umfasste die Aktion ein Spektrum an Projekten, das von der „Versorgung von Wohnungslosen bis hin zur Errichtung von Insektenhotels“ reichte.

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„Uns schickt der Himmel“, so lautete das Motto der Aktion. Wenn das nicht bloß eine etwas flapsige Redensart sein soll, dann drückt sich darin ein bemerkenswerter Anspruch der katholischen Jugend an sich selbst aus, mit dem sie sich auch von anderen sozial, politisch und ökologisch engagierten Jugendorganisationen abhebt: Es signalisiert, bei der 72-Stunden-Aktion gehe es nicht um bloßes zivilgesellschaftliches Engagement, sondern um die Erfüllung eines göttlichen Auftrags. Ob dies tatsächlich das Selbstverständnis des BDKJ widerspiegelt, darf indes bezweifelt werden. 

Kann das wirklich „vom Himmel geschickt“ sein?

In innerkirchlichen Debatten wurde die 72-Stunden-Aktion in den vergangenen Jahren immer wieder gern als Vorzeigebeispiel für das Mobilisierungspotential der katholischen Verbandsarbeit angeführt, aber auch sehr bewusst als Gegenentwurf zu Initiativen, die, wie es in einem Kommentar auf „katholisch.de“ hieß, „vermehrt auf Frömmigkeit setzen“. Eine solche Gegenüberstellung, die etwa Nightfever, der „Adoratio“-Kongress oder auch die MEHR-Konferenz auf der einen Seite eines ideologischen Grabens zwischen den innerkirchlichen Lagern verortet und die 72-Stunden-Aktion auf der anderen, wirft die Frage auf, ob eine Initiative, die mit Neuevangelisierung, Anbetung oder überhaupt mit „Frömmigkeit“ dezidiert nichts zu tun haben will, wirklich „vom Himmel geschickt“ sein kann.

Die vom BDKJ benannten inhaltlichen Schwerpunkte der Aktion – „Umweltschutz, globale Gerechtigkeit, Engagement für Demokratie und Zusammenhalt“ – kann man jedenfalls kaum als Alleinstellungsmerkmal für kirchliche Jugendarbeit betrachten. Da ist es auch nicht sonderlich überraschend, dass neben dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Georg Bätzing (Limburg), auch Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Bündnis 90/Die Grünen) als „Schirmpatin“ der Aktion firmiert. 

Probleme mit dem Konzept der "Herrschaft"

Schirmpatin? Ja, allerdings: Anders als noch 2019 ist in den Pressemitteilungen des BDKJ zur 72-Stunden-Aktion 2024 durchweg nicht von „Schirmherren“, sondern von „Schirmpat*innen“ die Rede. Eine sonderbare Wortschöpfung, möchte man meinen: Wäre unter einem „Schirmpaten“ nicht eigentlich jemand zu verstehen, der eine Patenschaft für einen Schirm übernimmt – wie etwa bei der Aktion „Umbrella Sky“, bei der im Sommer 2023 rund 350 bunte Regenschirme in der Mainzer Innenstadt aufgehängt wurden?

Regenschirme kamen zweifellos auch bei der 72-Stunden-Aktion zum Einsatz, aber das ist wohl kaum der Grund für diese Wortwahl: Eher steht zu vermuten, dass der BDKJ die Bezeichnung „Schirmherr“ beziehungsweise „Schirmherrschaft“ vermeiden wollte, weil der Verband Probleme mit dem Begriff und Konzept der „Herrschaft“ hat.

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