Kirche und Nationalsozialismus

Kardinal Pacelli erwies sich als Gegner der Nazis

Eine „schwarze Legende“ besagt, bereits als Nuntius habe Eugenio Pacelli zum Nationalsozialismus geschwiegen. Die Fakten sagen etwas anderes.
Nuntius Pacelli
Foto: Ullstein (Ullstein) | Erzbischof Eugenio Pacelli, hier im Jahr 1929 als Apostolischer Nuntius in Berlin, intervenierte früh und oft gegen den Nationalsozialismus.

Die schwarze Legende über das angebliche Schweigen von Pius XII. geht auf die Zeit vor dem Pontifikat zurück. Das war, als Eugenio Pacelli Apostolischer Nuntius in Deutschland war, genau in den Jahren des Aufstiegs des Nationalsozialismus. Anstatt, so das Narrativ, gegen eine Diktatur zu protestieren, die sich alseine Diktatur mit all ihrer Brutalität, einschließlich des Antisemitismus, entpuppte, sei Pacelli untätig geblieben. Er soll sogar 1933, als er Kardinalstaatssekretär des Vatikans war, ein Konkordat mit Deutschland gebilligt haben, das fast ein „Freibrief“ für den Nationalsozialismus war. Aber ist das wirklich der Fall?

Lesen Sie auch:

Interventionen Pacellis

Die Fakten sprechen dagegen, und die Nachforschungen von Diakon Dominiek Oversteyns, der sich auf Primärquellen stützt, zeigen, dass Nuntius Pacelli 326 Mal gegen den Nationalsozialismus interveniert hat. Doch eine Rede verdient es besonders, aufmerksam gelesen zu werden: Es handelt sich um eine Rede vom ersten September 1929, vier Jahre vor Hitlers Machtergreifung, in der der damalige Nuntius Pacelli die nationalsozialistische Partei 44 Mal kritisierte.

Das Programm der nationalsozialistischen Partei, die drei Wochen zuvor, vom ersten bis vierten August 1929, ihren vierten Parteitag in Nürnberg abgehalten hatte, wurde in Frage gestellt. Auf diesem Kongress begann Hitlers Popularität zu wachsen, so dass die Partei von da an bis 1933 bei jeder nationalen Wahl durchschnittlich elf Prozent mehr Stimmen erhielt.

Gefahr erkannt

Eugenio Pacelli erkannte die Gefahr sofort und brachte seine Besorgnis in dieser Rede zum Ausdruck, in der er das Wahlprogramm Hitlers scharf kritisierte. Dies war nicht das einzige Mal. Vom vierten August 1929 bis zum zehnten Dezember desselben Jahres prangerte Nuntius Pacelli insgesamt 70 Mal Hitlers Person und sein NSDAP-Programm an. Von 1923 bis 1929, den Jahren seiner Erfahrung als „Botschafter“ des Papstes in Deutschland, intervenierte Pacelli 326 Mal gegen Hitler und das Nazi-Programm. Diese Interventionen finden sich in 40 Reden und acht Dokumenten wieder.

Direkter Widerspruch 

Gehen wir nun kurz auf einige Beispiele für die Kritik an Hitler und seinem Parteiprogramm ein. Schon zu Beginn seiner Rede vom ersten September 1929 kritisierte Pius XII. den Punkt 24 des nationalsozialistischen Programms, in dem Hitler „Freiheit für alle religiösen Bekenntnisse im Staate, soweit sie den Bestand des Staates nicht gefährden und das germanische Empfinden nicht verletzen“, forderte. Nuntius Pacelli kritisierte auf höchst diplomatische Weise. Er begrüßte die Katholiken als: „alle unter ihren bewährten Führern hier versammelten Glaubensgenossen“. Mit der Verwendung von „bewährten Führern“ – Führer im Plural! – widersprach Pacelli Hitler direkt: Da Hitler sich selbst zum „einzigen Führer“ erklärt hatte, weist Pacelli darauf hin, dass es in der katholischen Kirche „viele Führer“ gibt, und stellt damit Hitlers Glaubwürdigkeit direkt in Frage. In seinen 40 öffentlichen Reden kritisierte Nuntius Pacelli 30 Mal Hitler als „Führer“.

Große Aufgabe

In Punkt 20 des nationalsozialistischen Programms heißt es: „Um allen fähigen und fleißigen Deutschen den Zugang zu höherer Bildung und damit zu Führungspositionen zu ermöglichen, muss der Staat für eine grundlegende Umstrukturierung des Schulsystems sorgen. Die Lehrpläne aller Bildungseinrichtungen müssen an die Erfordernisse des praktischen Lebens angepasst werden. Von den ersten Tagen der autonomen intellektuellen Entwicklung an muss das Ziel der Schule sein, einen Sinn für den Staat zu vermitteln (staatsbürgerliche Erziehung).“

Pacelli konnte dem nicht zustimmen. Er rief die Katholiken auf: „Sie kennen die drohenden Gefahren, die sich hier vor Ihrem Volke wie vor fast allen Kulturstaaten türmen, Gefahren, die sich beinahe noch dunkler und unheilvoller auftun als das, was in den letzten Jahrzehnten über die Völker dahingegangen ist. Ich rufe Ihnen zu: Halten Sie sich bereit, dem unwandelbaren Naturgesetz des Schöpfers, so wie die Kirche es kündet, und der Gemeinschaft gegenüber Ihre Pflicht zu tun. In Ihrem Glauben sind die heiligen Quellen gefasst, aus denen Sie Kraft zur Erfüllung des Gottesgebotes, für die natürliche und übernatürliche Funktion des christlichen Familienlebens schöpfen können. Vergessen Sie nicht, dass hier Ihre große Aufgabe liegt.“

Törichte Anschuldigungen

Pacellis Appell war ein Aufruf zur christlichen Mobilisierung gegen den Nationalsozialismus, der bereits antichristlich und heidnisch geprägt war. Pacelli hatte unter anderem miterlebt, wie der Heilige Stuhl seit 1923 von der nationalsozialistischen Partei angegriffen wurde. In einem Schreiben Pacellis an Kardinal Pietro Gasparri, den Staatssekretär, heißt es: „...einige Presseorgane, sowohl deutschnationale als auch sozialistische, haben in letzter Zeit den Heiligen Stuhl angegriffen, als ob er sich an separatistischen Bewegungen in Bayern beteiligt hätte. Die katholische Zeitung Bayerischer Kurier Nr. 86 vom 27. [März] hat die törichten Anschuldigungen energisch zurückgewiesen, und ich habe es meinerseits nicht versäumt, dieser Regierung aus guten Gründen einige mündliche und vertrauliche Auskünfte zu erteilen...“.

Insgesamt protestierte Nuntius Pacelli vom 14. November 1923 bis zum 12. Dezember 1929, seinem letzten Tag in Deutschland, in 40 Reden, acht Dokumenten und einem Artikel 326 Mal gegen Hitler und das Programm der NSDAP.

Sorgfältige Beobachtung

Darüber hinaus hatte Pacelli die Entwicklung der einzelnen Parteien in Deutschland sorgfältig beobachtet, um die Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, ob diese Parteien für das Konkordat stimmen würden, das der Heilige Stuhl mit Bayern abschließen wollte. So wurde Nuntius Pacelli bereits 1922 auf die Existenz der NSDAP aufmerksam, die er als eine Art faschistische Partei unter der Führung Hitlers ansah.

Im Bewusstsein, dass die Ideologie der neuen Partei für die Gesellschaft und die katholische Kirche gefährlich war, reagierte Nuntius Pacelli sehr schnell, mit Interventionen innerhalb weniger Wochen, auf die neuen Entwicklungen Hitlers und seiner Partei, der NSDAP. Für den Zeitraum von 1924 bis 1929 gibt es mindestens 20 Beispiele, die diesen Anti-Nazi-Aktivismus Pacellis dokumentieren. Anstatt Hitlers Papst zu sein, war Pacelli von Anfang an mit der Nazi-Partei verfeindet.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Andrea Gagliarducci Katholikinnen und Katholiken Machtergreifung NSDAP Nationalsozialisten Pietro Gasparri Pius XII. Päpste Päpstlicher Botschafter

Kirche