Kommentar um "5 vor 12"

Der Vatikan-Prozess gerät zur Farce

Erneut hat der Präsident des Gerichts den Beginn des Verfahrens gegen Kardinal Angelo Becciu verschoben.
Prozess um Finanzskandal im Vatikan
Foto: Gregorio Borgia (AP) | Kardinal Angelo Becciu spricht mit Journalisten während einer Pressekonferenz in Rom.

Es steht viel auf dem Spiel bei dem Prozess gegen Kardinal Angelo Becciu und die neun weiteren Beschuldigten, die die vatikanische Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit der verunglückten Investition des Staatssekretariats in eine Londoner Immobilie angeklagt hat. Die Frage steht im Raum, ob der Vatikan im Inneren für Transparenz und Ordnung sorgen kann.

Doch jetzt hat der Präsident des Tribunals, Richter Giuseppe Pignatone, die eigentliche Eröffnung des Prozesses erneut verschoben. Es geht um Verfahrensfragen: Die Anklage hat einen der Hauptbelastungszeugen, Monsignor Alberto Perlasca, der an einflussreicher Stelle im Staatssekretariat gearbeitet hat, langen Verhören unterzogen, die entsprechenden Videoaufnahmen und Abschriften aber nicht vor dem Gericht auch der Verteidigung der Angeklagten zugänglich gemacht. Daraufhin wurde die Prozesseröffnung zunächst verschoben.

Lückenhafte, unvollständige Unterlagen

Am 3. November schließlich rückte die vatikanische Staatsanwaltschaft die entsprechenden Unterlagen heraus. Aber die erwiesen sich als lückenhaft und unvollständig. Am vergangenen Mittwoch dann trafen die Anklage und die verteidigenden Anwälte dann wieder vor Gericht aufeinander – und die Verteidigung forderte volle Akteneinsicht in die Unterlagen der Staatsanwaltschaft.

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Am Ende dann – nach gut zweieinhalb Stunden Streit – musste Gerichtspräsident Pignatone das Verfahren nochmals auf den 1. Dezember verschieben. „Man kann nicht beginnen, die Fragen dieses Prozesses zu prüfen, wenn die Verteidigung nicht im ganzen Umfang die Akten kennt“, meine er resigniert. Und fügte fast drohend hinzu: „Es braucht noch Zeit bis zum Beginn, wenn wir überhaupt anfangen können.“ Der ganze Prozess, so scheint es, steht auf wackeligen Füßen. Dabei ist es das erste Mal, dass sich ein hochrangiger Kardinal, der einmal der Substitut, das heißt zweite Mann im Staatssekretariat und ein enger Vertrauter des Papstes war, vor dem Vatikangericht verantworten muss.

Vom "Maxi-Prozess" zur Farce

Schon jetzt ist das einst als „Maxi-Prozess“ angekündigte Verfahren zu einer Farce geworden. Papst Franziskus persönlich hat damals, im fernen September 2020, den Kardinal mit schweren Vorwürfen konfrontiert und aus allen Ämtern entlassen. Vorausgegangen waren Medienspekulationen – bei denen es dann aber auch blieb. Becciu hatte sich vor Journalisten nach seiner Entlassung selbst verteidigt, aber eine konkrete Anklage hat der Vatikan nicht veröffentlicht. Ob der Kardinal seine Familie begünstigt, ob er im Zusammenhang mit der Londoner Immobilie wirklich ein Vergehen begangen oder für die geheimnisvolle Dame Cecilia Morgana Gelder des Vatikans veruntreut hat – das alles ist nach wie vor eine offene Frage, auf die der Prozess längst schon hätte Antwort geben müssen. Außerhalb des Vatikans achtet man sehr genau darauf, ob der Kleinstaat des Papstes in der Lage ist, Licht in eine verworrene Angelegenheit zu bringen.

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