Freude der Hoffnung: 20 Jahre Fazenda in Deutschland

Aus einer Ruine wurde ein Rekuperationszentrum, aus einer Müllhalde eine blühende Landwirtschaft. Und aus Menschen am Boden wurden Hoffnungsträger. Die Fazenda „Gut Neuhof“ blickt auf 20 Jahre zurück. Von Josef Bordat

Fazenda
Ehemalige und Verantwortliche der Fazenda "Gut Neuhof" vor der Kapelle. Getroffen haben sie sich anlässlich des Franziskusfestes am 6. Oktober zur Feier des 20-jährigen Bestehens der Fazenda. Foto: Josef Bordat

„Mich hatten damals alle aufgegeben, auch meine Eltern.“ Der junge Mann, den alle nur „Icke“ nennen, ist ein „Ehemaliger“, der auf der Fazenda „Gut Neuhof“ sein Rekuperationsjahr absolvierte und dadurch vom Alkohol loskam. Heute ist er „trocken“ und hat alles, was damals so unerreichbar schien: eine Arbeit, eine Lebensgefährtin, ein kleines Kind. „Rekuperation“, das bedeutet, einen radikalen Schnitt zu machen. Auf „Gut Neuhof“ gibt es keine Ersatz- oder Übergangsdrogen. Es gibt keinen Alkohol, keine Zigaretten, kein Fernsehen, kein Telefon, kein Internet. Der Kontakt zur Außenwelt soll auf ein Minimum reduziert werden. Hier geht es um den Weg zu sich selbst.

Fazenda: Arbeit, Gemeinschaft und Gebet

Wer auf die Fazenda kommt, muss bereit sein, sich auf die Säulen des Alltagslebens dort einzulassen – Arbeit, Gemeinschaft und Spiritualität. Jeden Morgen gibt es das Rosenkranzgebet und die Betrachtung eines Wortes aus dem Evangelium. Daran muss man teilnehmen, auch wenn es dem einen oder der anderen aus den Reihen der nicht immer kirchennahen jungen Erwachsenen schwer fällt. Denn das Wort soll im Laufe das Tages in die Tat umgesetzt, es soll „gelebt“ werden. Dazu muss man es hören, verstehen und verinnerlichen. Deshalb sind Betrachtung und Gebet zu Tagesbeginn Pflicht. „Ick hatte mit Kirche nüscht am Hut,“ meint „Icke“ in der Rückschau. Zum Glauben sei er auch in seinem Rekuperationsjahr nicht gelangt. Aber Respekt vor Religion, das habe er von der Fazenda mitgenommen.

Die Idee der Fazenda da Esperança, des „Hof der Hoffnung“, stammt aus Brasilien. 1979, an einer Straßenecke in einer brasilianischen Stadt, einem bekannten Drogenumschlagplatz, nimmt ein 17jähriger Junge namens Nelson mit den Süchtigen Kontakt auf. Nicht um zu belehren oder zu missionieren, sondern um ihnen seine Freundschaft anzubieten. Der deutsche Franziskaner Hans Stapel war damals in der Stadt Seelsorger und hatte die Gläubigen zur tätigen Nächstenliebe ermutigt. Und dazu, sich mit dem Nächsten in empathischer Absicht eins zu machen, getreu dem Wort „Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette“ (1 Kor 9, 22).

Ein Fahrrad wird verliehen, eine Idee wird geboren

Die Botschaft war bei Nelson angekommen. Er schafft es, eine Verbindung zu den Drogenabhängigen herzustellen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Eines Tages leiht Nelson einem der Junkies sein Fahrrad. Innerlich mag er es abgeschrieben haben, Jahre später erfuhr er, dass sein neuer Freund tatsächlich überlegt hatte, das Fahrrad zu „Stoff“ zu machen. Doch tatsächlich bringt er es Nelson zurück, geputzt und repariert. Ein unübersehbares Hoffnungszeichen. Nelson spürt: Hier geht was. Bruder Hans ist der gleichen Ansicht. Die Fazendaidee war geboren.

1998 kam die Bewegung nach Deutschland. Was binnen 20 Jahren in der Nähe der brandenburgischen Stadt Nauen bei Berlin geschah, kann in der Tat als Wunder bezeichnet werden: Aus dem völlig verwahrlosten Gelände des heruntergekommenen Gutes, aus den maroden Gebäuden und einer riesigen Halde aus Schrott und Müll entsteht eine gepflegte Anlage mit mehreren Wohnhäusern und Gemeinschaftseinrichtungen, Landwirtschaft und Kunsthandwerk, Fleischerei und Café. Und mit einer schönen Kapelle. Die Vision, zur Jahrtausendwende ein „neues Bethlehem“ geschaffen zu haben, „in dem Gott zu den Menschen kommt“, ist Realität geworden. Diese neue Wirklichkeit wurde auf dem Franziskusfest am vergangenen Samstag gebührend gefeiert – Motto: „Du machst alles neu“ (nach Offb 21, 5).

Papst Benedikt XVI. kennt und schätzt die Fazenda

Einer breiteren Öffentlichkeit wurden die Fazendas durch den Brasilienbesuch Papst Benedikts im Mai 2007 bekannt. Auf der Fazenda in Guaratingueta traf sich der Papst mit Bruder Hans und war von den Erfahrungen der Rekuperanten sehr beeindruckt, so sehr, dass er seitdem mehrmals bei unterschiedlichen Gelegenheiten auf die Glaubenskraft und die gelebte Liebe, die die Höfe und ihre Bewohner prägt, Bezug genommen hat. Mittlerweile gibt es weltweit 140 Höfe (der jüngste wir am nächsten Samstag in Belgien eröffnet), sieben davon in Deutschland – fünf für Männer, zwei für Frauen. Die Trennung der Geschlechter gehört zum Programm der Rekuperation – nichts soll ablenken.

Das schöne Franziskusfest bei bestem Herbstwetter („Bruder Sonne“ schien ohne Unterbrechung), endete mit einer feierlichen Messe, in der eine Frau nach erfolgreicher Rekuperation ihr Diplom überreicht bekam. Ein Jahr hat sie auf der Frauen-Fazenda im benachbarten Riewend gelebt und ihre Alkoholsucht überwunden. „Ich wollte wieder zu mir finden“, sagt sie. „Aber ich habe nicht wieder zu mir gefunden. Ich habe mich neu gefunden.“ Es sind bewegende Zeugnisse wie dieses, die den „Hof der Hoffnung“ längst zu weit mehr gemacht haben als zu einem Rekuperationszentrum für Suchtkranke.

Die Fazenda hat sich zu einem wichtigen Missionsprojekt entwickelt

„Gut Neuhof“ ist ein wichtiges Missionsprojekt im Rahmen der Neuevangelisierung einer weitgehend entchristlichten Region, weil es dieser den engen Zusammenhang von Freude und Freiheit, Liebe und Hoffnung vermitteln kann. Es gibt Beispiel dafür, wie es eine vom Evangelium inspirierte Gemeinschaft höchst unterschiedlicher Menschen schafft, Grenzen zu überwinden und zu neuem Leben zu gelangen. Die Fazenda ist ein Fanal für die Kirche heute.

DT

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