Würzburg

Corona-Exerzitien: Enthüllung

Das Kreuz ist ein Mysterium. Es ist nicht erklärbar. Es gibt keine andere Chance, sich seinem Geheimnis zu nähern, als es staunend zur Kenntnis zu nehmen.

Kirche vor Ostern
Die Wartezeit dieses Jahres hat auf besondere Weise unseren Sinn auf das Kreuz gewendet, ohne das wir nicht Ostern feiern können. Im Bild: das verhüllte Kreuz in der St. Michael Kirche in München. Foto: Sven Hoppe (dpa)

Wenn sich eine der wenigen Höflichkeitsformen in unseren Breiten erhalten hat, dann ist es das Einpacken von Geschenken. Nur die stumpfesten Gemüter überreichen ein Geschenk nackt und bloß. Sie berauben es damit eines wichtigen Charakterzuges. Denn ein Geschenk trägt an sich das Moment der Hingabe des Schenkenden und will nicht bloß den Besitzer wechseln.

Gott verblutet hinter diesen Tüchern

Wenn in der morgigen Liturgie des Karfreitags verhüllte Kreuze enthüllt werden,  dann liegt diesem Ritus ein ähnlicher Gedanke zugrunde. Es soll der Blick freigemacht werden für das, was Skandal und Heilstat in einem ist, dass Gott hinter diesen Tüchern verblutet.  

Die Verhüllung der Passionszeit war wie das Einpacken eines kostbaren Geschenkes, das ich noch nicht gleich ungestüm aufreißen durfte, sondern das mich in den zwei Wochen der Passionszeit beschäftigen sollte. Die Wartezeit dieses Jahres hat auf besondere Weise unseren Sinn auf das Kreuz gewendet, ohne das wir nicht Ostern feiern können - auf den Herrn, der durch Sein Sterben für uns den Tod besiegt hat.

„Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“

Das Kreuz ist ein Mysterium. Es ist nicht erklärbar. Christus sagt nicht, weshalb es so ist, wie es ist. Ja sogar seine eigene Frage als Sterbender: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ bleibt an dieser Stelle unbeantwortet. Es gibt keine andere Chance, sich dem Geheimnis des Kreuzes zu nähern, als es staunend zur Kenntnis zu nehmen. Im Schweigen und in der betroffenen Distanz. Es wird uns niemals eine griffige Antwort gegeben werden, weshalb und warum Gott so leiden muss. Es gilt einfach, es gewahr zu werden und Ihn dafür zu lieben. Das ist es, was uns die Inszenierung von Verhüllung und Enthüllung lehren kann: dass nicht in der in der geschäftigen und umtriebigen Erklärung und Analyse die höchste Erkenntnis der blutenden Liebe Gottes besteht, sondern in der schweigenden Betrachtung.

So wie es dem heidnischen Hauptmann unter dem Kreuz des Herrn erging, dem niemand etwas erklären musste, der einfach nur in Offenheit und Distanz zugeschaut hatte und der deswegen am Ende als erster begriff, was geschehen  war. Die heilige Schrift hat dafür gesorgt, dass ausgerechnet das Wort dieses staunenden und vorbehaltlosen Heiden die Sache auf den Punkt bringt: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“

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