Marienwunder

Boulogne-sur-Mer: Auch Frankreich kann Bologna

Die Hauptstadt der Côte d'Opale nennt sich Boulogne-sur-Mer. Ab dem frühen Mittelalter zog die Stadt Dank eines Marienwunders viele Pilger an. Heute kommen Gläubige und Touristen wegen der Jungfrau von Boulogne und einer der größten Krypten Frankreichs in die Stadt am Ärmelkanal.
Cathédrale de Boulogne sur mer
Foto: fotolia.de | Die Kirche mit ihrer 100 Meter hohen Kuppel ist am Petersdom in Rom orientiert und weithin sichtbar.

Bologna ist die Hauptstadt der Emilia Romagna. Und die bekannte Universitätsstadt am Fuße des Apennins liegt in Italien. Aber auch in Frankreich gibt es Orte, die Boulogne, also übersetzt Bologna, heißen. Bei Wikipedia sind gleich sechs französische Bolognas in verschiedenen französischen Departements zu finden, meist mit einen Zusatz, wie Boulonge sur Seine, also Bologna an der Seine, das mittlerweile Boulogne-Billancourt heißt und ein vornehmer Pariser Vorort südwestlich der Hauptstadt ist. Hier lebten und wohnen bis heute viele Prominente aus Wirtschaft, Kunst und Kultur. Auf den Straßen von Boulogne-Billancourt fuhr im 19. Jahrhundert das erste Automobil von Renault und das Unternehmen hat dort seinen Stammsitz. Aber es gibt noch ein anderes, weniger bekanntes Bologna in Nordfrankreich.

Bologna am Meer

Es ist Boulogne-sur-Mer und liegt nicht, wie die norditalienische Stadt Bologna 60 Kilometer vom Meer entfernt, sondern direkt am Ärmelkanal. Deshalb lautet die Übersetzung der gut 40 000 Einwohnerstadt in der Region Hauts-de-France auch Bologna am Meer. Und wer hat die Stadt gegründet? Die Römer. Sie nannten die Hafenstadt Bononia, die ab dem 4. Jahrhundert im ganzen Römischen Reich bekannt war. Heute gibt es hier den größten Fischereihafen Frankreichs. Julius Caesar und seine Nachfolger nutzten den strategisch ideal gelegenen Hafen, um von dort aus mit ihrer Flotte Britannien zu erobern und die Seewege dorthin zu kontrollieren. Historisch Interessierte kennen die Classis Britannica (britannische Flotte), die vom Hafen Gesoriacum aus in See stach.

Boulogne-sur-Mer hat sich den schönen Titel der Hauptstadt der Côte d'Opale zugelegt - wegen der blau-grünen Wasserfärbung der Küste in dieser Gegend im Norden Frankreichs. Touristen mögen in Boulogne-sur-Mer die Ober- und die Unterstadt, die beide einen sehr unterschiedlichen Charakter haben. In der Oberstadt gab es einst ein Kastell. Heute ist sie von einer beeindruckenden, mittelalterlichen Stadtmauer mit einigen imposanten Zugangstoren umringt. Einst befand sich hier über vier Jahrhunderte lang das militärische Hauptquartier der größten Provinzflotte des römischen Imperiums. Als das weströmische Reich im frühen 5. Jahrhundert zerfiel und sich Rom von der britischen Insel zurückzog, behielt der Hafen von Bononia bis ins hohe Mittelalter seine Funktion für den Schiffsverkehr bei.

Geschichtsträchtiger Ort

Lange nach den Römern bestimmten die Grafen von Flandern die Geschicke der Commune. Als Boulogne das Zentrum der gleichnamigen Grafschaft wurde und man Balduin von Boulogne zur Zeit der Kreuzzüge zum ersten König des Königreichs von Jerusalem inthronisierte – welches knapp zweihundert Jahre von 1099 bis 1291 bestand – begann die zweite Blüte von Boulogne-sur-Mer. Sein Sohn, Balduin II., genannt der Kahle, ließ eine Burg errichten, die bis ins 13. Jahrhundert von seinen Nachfahren zum Château d'Aumont ausgebaut wurde.

Heute gibt es im Schloss ein beeindruckendes Kunst- und Kulturgeschichtliches Museum. Hier finden sich neben historischen Sälen mit Informationen zur Stadtgeschichte auch christlich-religiöse Werke, impressionistische Malereien und Werke von Rodin, Corot oder Courbet. Aber auch römische Schrifttafeln, eine Abteilung mit altägyptischer Kunst samt Mumien, griechische Vasen, afrikanische Masken, Kunstwerke der indigenen Völker Südamerikas, Alaskas und des Pazifischen Raumes werden hier präsentiert. Für den Museumsbesuch sollte man etwas zwei Stunden einplanen.

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In der historischen Altstadt mit dem schicken Rathaus, seinen kleinen Geschäften sowie Cafés ist alles gut fußläufig erreichbar. Für Kinder gibt es auf den heute begrünten Wallanlagen Spielplätze. Und wer mit dem Auto anreist, kann auf einen der Parkplätze jenseits der hohen, grauen Stadtmauern bequem und kostenfrei parken.

Am Petersdom orientiert

Aus der Zeit des Schloss-Ausbaus stammt auch der historische Belfried aus dem 12. Jahrhundert im Zentrum der Oberstadt sowie der Ursprungsbau der Basilika Notre-Dame, die der Gottesmutter geweiht ist und unter dem Namen „Unserer Lieben Frau der Unbefleckten-Empfängnis“, firmiert. Die Kirche mit ihrer 100 Meter hohen Kuppel ist am Petersdom in Rom orientiert und weithin sichtbar. Ihre heutige Gestalt verdankt sie dem Priester und Architekten Benoît-Agathon Haffreingue, der sie auf den alten Fundamenten ab 1827 neu zu errichteten begann. Aber das Besondere des unter Denkmalschutz stehenden Gotteshauses befindet sich unter der Erde: die Krypta aus dem 14. Jahrhundert, mit 1.400 Quadratmetern Fläche eine der größten Krypten Frankreichs. Sie wurde erst beim Umbau wiederentdeckt und besteht aus einem Labyrinth von mit mittelalterlichen Wandmalereien ausgestatteten Galerien und Räumen. Darin befindet sich der Kirchenschatz mit seiner hochwertigen Sammlung sakraler Kunst. In Grisaille-Manier sind auf den Gängen zudem 160 Figuren zu sehen, welche die Geschichte des Christentums und die Legende von Notre-Dame de Boulogne aufgreifen.

Eine Besonderheit in der Krypta bildet eine Kapelle für José Francisco de San Martín y Matorras. Der Südamerikaner gilt als „Vater Argentiniens“. General José de San Martín befreite Peru (1812) sein Land Argentinien (1816) und ein Jahr später Chile (1817) von der spanischen Herrschaft. Von 1848 bis zu seinem Tod in Boulogne-sur-Mer im Jahr 1850 lebte der Volksheld in der Casa San Martin in der Grande Rue Nr. 113 (heute Museum). Sein Leichnam wurde in der Krypta der Basilika Notre Dame beigesetzt. Später wurden seine sterblichen Überreste nach Argentinien überführt und in einem Mausoleum in Buenos Aires beigesetzt.

Bis 1801 Bischofssitz

Von 1567 bis 1801 war Boulogne Bischofssitz. Das kam nicht von ungefähr, denn durch ein Wunder soll im 7. Jahrhundert ein von Engeln getragenes Bild der Jungfrau Maria über das Meer die Stadt erreicht haben. Das Original der „Jungfrau des Meeres von Boulogne“ soll von den antichristlichen französischen Revolutionären um 1800 verbrannt worden sein, die eine Verehrung der Muttergottes unter Strafe stellten. Aber es gibt einige Nachbildungen und bis heute finden sich davor viele Pilger ein. Zur Ehre der Gottesmutter findet jährliche eine kleine Straßenprozession in Boulogne statt.

Eine weitere Sehenswürdigkeit der Stadt ist mit Napoleon Bonaparte verbunden. Im Vorort Wimille erinnert die seit 1804 errichtete Säule „Colonne de la Grande Armée“ (Säule der großen Armee) an die von Napoleon geplante Invasion Englands. Hier verlieh der Kaiser mit viel Pomp die Ehrenlegion an seine Soldaten. Bis heute ist der „Stern der Ehrenlegion“ die höchste Auszeichnung in Frankreich. Trotz einiger coronabedingter Einschränkungen (man sollte sich vorher anmelden) ist ein Aufstieg auf die über 50 Meter hohe Aussichtsplattform der Säule, die an die Trajanssäule in Rom erinnert, für Touristen möglich. Oben schaut Kaiser Napoleon mit dem Rücken England zugekehrt gen Paris. Von oben hat man bei gutem Wetter einen grandiosen Blick bis auf die weiß leuchtenden Kreidefelsen um Dover jenseits des Kanals.

Die Unterstadt bietet neben Geschäften und Restaurants sowie der St.-Nicholas-Kirche, einer ehemaligen Klosterkirche auch eine einmalige Open Air Galerie, die sich Parcours Urbaine Street Art nennt, wo sich internationale Künstler mit riesigen Wandgemälden an 33 verschiedenen Orten mit Fresken ganz unterschiedlicher Motive verewigten. Wer dann noch Zeit und Kraft hat sollte am schönen Plage gleich hinter dem Meeresaquarium mit seinem weißen Sand entspannen und natürlich auf die Zeiten von Ebbe und Flut achten, die hier das Freizeitleben bestimmen.

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