Würzburg

Giovanni Battista Tiepolo und seine Kunst

Vor 250 Jahren starb Giovanni Battista Tiepolo. Immer wieder haderte der Venezianer in seinen Bildern mit der Gesellschaft seiner Zeit, wenn auch unter dem Deckmantel des Schönen versteckt.

Tiepolo
In der Würzburger Residenz schuf Tiepolo das größte zusammenhängende Deckenfresko der Welt. Hier ist der Erdteil Asien symbolisiert. Foto: Myriam Thyes, CC BY-SA 3.0

Über eine gewaltige Treppe, die sich in zwei Läufe teilt, erreicht der Betrachter das obere Geschoss. Skulpturen und Amphoren säumen Geländer und Brüstung. Die Wände des Treppenaufgangs sind in schlichtem Weiß gehalten und mit zarten frühklassizistischen Stuckdekorationen versehen, die ihnen etwas sehr Edles verleihen. Doch all dies ist nichts als schmückendes Beiwerk, das dem Hauptakteur der Szenerie seinen verdienten Platz lässt. Denn nichts Geringeres als das größte zusammenhängende Deckenfresko der Welt überwölbt als grandioses Dach dieses architektonische wie malerische Meisterwerk. Man braucht nicht lange zu überlegen, um zu wissen, wo sich Decke und Treppenhaus befinden.

Es handelt sich natürlich um Tiepolos berühmtes Fresko in der Würzburger Residenz, das der Venezianer zwischen 1752 und 1753 gemalt hatte. Über atemberaubende 677 Quadratmeter hinweg überspannt das Deckenfresko den Treppenaufgang und ist thematisch eine Hommage an den Auftraggeber Fürstbischof Carl Philipp Reichsfreiherr von Greiffenclau zu Vollraths. In einem prunkvollen Medaillon hat Tiepolo den Fürstbischof verewigt. Geflügelte Siegesgöttinnen umgeben das auf Wolken im Himmel schwebende Medaillon und scheinen es ins rechte Licht rücken zu wollen. Jeder Betrachter soll den Fürstbischof unverzüglich und ohne Umschweife als den edlen Auftraggeber und Kunstförderer erkennen, der er war. Umgeben ist das Medaillon von vier Frauen, die von ihren typischen Symbol-Tieren begleitet, leicht als die damals anerkannten vier Kontinente Europa, die direkt unterhalb des Medaillons Platz genommen hat, Asien, Amerika und Afrika zu erkennen sind. Die Freude über das Bildwerk war für Auftraggeber Carl Philipp von Greiffenclau allerdings nur von kurzer Dauer. Der Fürstbischof verstarb im November 1754 etwa ein Jahr nach Fertigstellung des Deckenfreskos.

Seine Malerkarriere begann der am 5. März 1696 in Venedig geborene Giovanni Battista in der Lagunenstadt. Nach Lehrjahren bei seinem Onkel machte sich der erst 18-Jährige selbstständig und schaffte es nur drei Jahre später bereits zum Meister. Der Erfolg gab ihm recht und er wurde schnell zum gefeierten Maler, zu dessen Auftraggeber-Kreis neben dem Bischof von Udine – für ihn hatte Tiepolo einige Räume seines Palastes ausgemalt – die feine venezianische Gesellschaft zählte. Für Jahrhunderte hatte die stolze Lagunenstadt ihre Unabhängigkeit und unermesslichen Reichtümer gefeiert. Doch bereits im siebzehnten Jahrhundert begann der Erfolgsstern der Serenissima zu sinken. Die heitere, farbenfrohe und lichtdurchflutete Kunst Tiepolos war für die venezianische High Society genau das richtige, um die Fassade von Luxus und mondänem Leben aufrechtzuerhalten und sich in eine fiktive, theatralische Parallelwelt zu flüchten, in der die Feste und Bälle niemals zu Ende gehen.

Die Maske verändert nicht die Menschen

Tiepolo, der sich der Wirren seiner Zeit durchaus bewusst war und die Lage Venedigs richtig einzuschätzen wusste, bediente sich eines fast melancholischen Mittels, um diese gesellschaftlichen Missstände in seinen Bildern aufzuzeigen: der Ironie. So hat der im „Urteil des Salomons“ – ein Fresko, das Tiepolo im Jahr 1728 im Auftrag des Bischofs von Udine für dessen Palast anfertigte – dargestellte Hofstaat starke Bezüge zum venezianischen Hofe. Unter die illustre Gesellschaft mischen sich ein Zwerg, und allerlei Getier. Am deutlichsten aber zeigt Tiepolo den Bezug zur Heimatstadt in dem Kopf eines Löwen, der unterhalb des Throns Salomons zu erkennen und nichts anderes als das Symbol der Republik Venedigs schlechthin ist. Salomon selbst gleicht in Kleidung und Haltung mehr einem venezianischen Dogen als dem biblischen König.

Ob in biblischen Szenen oder Darstellungen mythologischen Inhalts: Tiepolos Ironie hält Einzug. So stirbt Hyacinthus nicht wie in der griechischen Sage durch einen von Apoll geworfenen Diskus, sondern allem Anschein nach durch einen Tennisball während einer Partie Tennis. Eine Deutung, die dank des Schlägers, den Tiepolo in die untere rechte Bildecke platzierte, ziemlich einleuchtend erscheint. Durch diesen modernen Bezug innerhalb der mythologischen Szene gelang es Tiepolo, den Bogen zu seiner Heimatstadt zu schlagen, in der die Sportart besonders in der feinen Gesellschaft erste Anhänger gefunden hatte. Noch deutlicher wird Tiepolos ironischer Unterton in seinen Karikaturen, mit denen er nicht eine bestimmte Person treffen möchte, sondern ganz allgemein der gesamten feinen Gesellschaft Venedigs den Spiegel vorhalten will. Nicht selten zeigen seine Karikaturen Figuren mit „tricorno“, dem venezianischen Dreispitz, und „bautta“, eine typische Maske des Venezianischen Karnevals, die das Gesicht ihres Trägers fast vollkommen verdeckt und sich durch eine ausgeprägte Kinn- und Nasenpartie auszeichnet.

Tiepolo kritisierte die venezianische Manier, hinter dem Schutz der Maske versteckt, allerlei Unheil zu treiben, sich in wilde Liebesabenteuer zu stürzen oder Lokalitäten in Gegenden aufzusuchen, in denen man sich unmaskiert niemals blicken ließe. Es ist nicht die Maske selbst, der Tiepolos Kritik gilt, vielmehr möchte er aufzeigen, dass der Mensch hinter der Maske immer derselbe bleibt und die Maskierung ihrem Träger nur dazu dient, die eigenen Schwächen ungenierter auszuleben.

Der Klassizismus war ihm eine fremde Welt

Für Ironie war in der Würzburger Residenz kein Platz. Hier herrschen Theatralik und spätbarockes Pathos. Doch sind es die Fresken aus seiner Würzburger Zeit, die Tiepolo berühmt machten und heute gemeinhin als sein Hauptwerk gelten. Von Würzburg zog es Tiepolo, wenn auch nur für kurze Zeit, in die venezianische Heimat, bis ihn 1761 König Karl III. von Spanien nach Madrid rief. Gemeinsam mit seinen Söhnen Domenico und Lorenzo erreichte er nur ein Jahr später die spanische Hauptstadt. Hier fertige Giovanni Battista mehrere Fresken für den königlichen Palast an. Doch an diese ersten Erfolge konnte Tiepolo nicht anknüpfen und eine Durststrecke folgte auf die andere. Die Aufträge blieben aus und immer stärker drängte die neue Künstlergeneration ins Rampenlicht. Tiepolo war in der spätbarocken Malerei zuhause und fühlte sich dem Stil und den Formen seiner Zeit verpflichtet. Die neue klassizistische Malerei war ihm fremd. Seinen Tiefpunkt erlebte der Maler schließlich, als in Madrid sieben von ihm angefertigte Bildwerke nicht aufgestellt wurden. Von diesem Tiefschlag erholte er sich nicht mehr. Zu schwach, um die Heimreise anzutreten, verstarb Tiepolo am 27. März 1770 in Madrid. Den endgültigen Niedergang und Zerfall seiner Heimatstadt erlebte Giovanni Battista zwar nicht mehr, hatte aber auf seine subtile Art unter dem Deckmantel einer heiteren schönen Malerei deren Ende vielleicht nicht vorhergesehen, aber zumindest erahnt.

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