Würzburg

Die verschlüsselte Seele

Ein fragender Glaube und viel starke Symbolik: Tyler Joseph erschafft in seiner Musik neue Welten – und bleibt mysteriös.

Tyler Joseph
Eigenwillig, bodenständig und extrem kreativ: der US-amerikanische Musiker Tyler Joseph, hier in einem seiner Musikvideos. Dort verkörpert er den fiktiven Charakter „Clancy“auf der Flucht aus der von neun düsteren „Bischöfen“ regierten Stadt „Dema“. Foto: YouTube/ twenty one pilots

Twenty one pilots“ verweigert sich den Kategorien. Weder musikalisch noch inhaltlich lässt sich das erfolgreiche US-amerikanische Musiker-Duo, das mit Liedern wie „Stressed out“, „Heathens“ und „Ride“ bekannt geworden ist, in den Rahmen einer überschaubaren Eindeutigkeit fassen. Und wer einen Blick in das jüngste Album „Trench“ wirft, mag leicht an die Grenzen seiner Verwirrbarkeit kommen. Irgendwo zwischen Indie-Pop, Alternativ-Rock, Electro und Rap hat Tyler Joseph, der Sänger und Song-Writer des Duos, eine neue Welt erschaffen. Eine detailreich ausgearbeitete, mysteriöse, fast beklemmende Welt voller religiöser Symbolik und psychologischer Nervenspannung. In einzelnen Musikvideos bekommt man einen bruchstückhaften Einblick in Josephs fiktives Szenario, ein Blinzeln eher als ein Verstehen. Ein wenig weiter hilft eine seltsame Webseite, über die man auf Umwegen gelangt. Es geht um „Dema“, eine Stadt, die von neun sogenannten „Bischöfen“ regiert wird, und um „Clancy“, der versucht, von dort durch einen großen Graben („Trench“), eine Art Schlucht, zu fliehen und Hilfe von den rebellischen „Banditos“ bekommt. Sie begleiten ihn, kleben gelbe Streifen auf seine Jacke und werfen, als einer der „Bischöfe“ ihn zurückzuholen versucht, gelbe Blüten. Gelb schützt vor der Macht „Demas“. Dennoch bleibt es ein zähes Ringen zwischen der sicheren Welt der sektenartigen Stadt und der, wie Joseph es in einem Interview erklärt, unberechenbareren, wilderen, viel kreativeren, aber auch ein wenig unheimlicheren Welt außerhalb.

 

Wer sich angesichts dieser pseudo-religiösen Fiktionen kopfschüttelnd und berechtigterweise skeptisch abwenden will, sollte noch einmal innehalten. Josephs neue Welt will weder eine blasphemisch-okkulte Gegenrealität entwerfen, noch will sie durch gedankenlose Provokation die Aufmerksamkeit der Künstler- und Medienwelt beschwören. Es ist vielmehr eine klug verschlüsselte Symbolik, die einen außergewöhnlichen Menschen dahinter erahnen lässt.

„Ja, mein Glaube spielt
ständig eine Rolle in meiner Musik“
Tyler Joseph

Tyler Joseph ist – ebenso wie Joshua Dun, der zweite im „twenty one pilots“-Duo – Christ. Das ist bekannt. Alles gesagt ist damit jedoch nicht. Ja, er glaubt, und das spiele ständig eine Rolle in seiner Musik, so Joseph. Doch sein Glaube sei anders als der aller anderen Menschen. Es ist, wie seine Texte zeigen, häufig ein fragender, ein suchender Glaube. Dabei lohnt sich nicht nur ein Blick in die Alben von „twenty ten pilots“, sondern auch in die Lieder, die Joseph noch in seiner College-Zeit als Solo-Künstler aufgenommen hat. „Ich rufe nach meinem Vater; schreie ich zu einem leeren Himmel?“, fragt er in „Blasphemy“. Es sind Verse eines jungen Mannes, der um seine Schwäche und Schuld weiß, und auch um seine blutig-teure Erlösung: „Ich bin wieder vor dir, Herr, und auf dem Boden ist Blut. Ist es mein Blut oder deines?“, singt er. Einige seiner Lieder scheinen sich direkt an Gott zu richten. Am deutlichsten kommt Josephs Glauben vielleicht in „Save“ zum Ausdruck: „Ich werde nicht viel deiner Zeit beanspruchen. Ich will dir nur zeigen, was ich innerhalb meiner Grenzen gemacht habe. Es ist so gut, wie ich sein konnte, es ist alles, was ich sein konnte. Den Kopf geneigt, mit den Knien auf dem Boden, so werde ich fragen: Bitte, rette mich! … Ich verdiene, dass du dich abwendest, ich schäme mich, deinen Namen zu sagen... Jesus, Jesus, bitte, rette mich!“

Mentale Prozesse auslagern und kontrollierbar machen

Joseph wurde 1988 in Columbus, Ohio geboren. Seine Eltern haben, so erzählt er, erst in ihrer College-Zeit zum christlichen Glauben gefunden und in der Erziehung ihrer Kinder viel Wert darauf gelegt, diesen Glauben weiterzugeben. Auch wenn Joseph seine Religiosität als komplett verschieden von der seiner Eltern beschreibt, ist der christliche Glaube eine prägende Konstante in seinem Leben geblieben. Der musikalische Erfolg scheint daran nichts geändert zu haben. Tyler Joseph ist ein Denker, ein Dichter, eine Seele, die allem auf den Grund gehen will und aus dieser Tiefe lebt. Für seine Arbeit braucht der Künstler Isolation, muss abtauchen in den „Untergrund“, in sein ordentlich strukturiertes, fast bunkerartiges Studio. Das „Abtauchen“ hat auch eine symbolische Dimension: Dem Duo ist es sehr wichtig, nicht links und rechts umherzuschauen in der Musikszene, sondern das zu tun, was sie für gut und richtig halten. Die Ansprüche an die eigene Kunst sind hoch. Josephs Selbstkritik geht oft so weit, dass sein Freund und Schlagzeuger Dun ihn vor den Auftritten motivieren muss. Tatsächlich wirkt der mittlerweile 31-Jährige manchmal fast unsicher, eher still, ernst und überraschend nüchtern und bodenständig. Auch wenn die poetisch-phantastische Verschleierung seiner Seelenwelt auf den ersten Blick Anderes vermuten lässt. Mit „Blurryface“, dem vorhergehenden Album, hatte Joseph bereits einen fiktiven Charakter erschaffen, in „Trench“ nun eine eigene Welt. Beide Male ging es darum, mentale Prozesse auszulagern, zu spiegeln und kontrollierbar zu machen. Die Musik ist ein „Fenster“ in sein Inneres, erklärt Joseph. „Aber ich glaube nicht, dass es gesund für mich ist, euch die Schlüssel zum Haus zu geben.“

Mehr als Fragmente wird man also nicht zu Gesicht bekommen, es bleibt geheimnisvoll um Tyler Joseph. Bald wird der Künstler, der seit 2015 mit Jenna Black verheiratet ist, zum ersten Mal Vater. Und im Juni dann wird er mit Josh Dun als „twenty one pilots“ auch wieder auf deutschen Bühnen stehen.

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