Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Film über "Milli Vanilli"

„Girl you know it’s true“: Der vermeintlich größte Schwindel der Popmusik

Simon Verhoevens Film zeigt, wie „Milli Vanilli“ Ende der 80er-Jahre zu Ruhm und Schande gelangten.
Film "Girl you know it's true"
Foto: IMAGO/Supplied by LMK (www.imago-images.de) | Trotz aller Tragik der Figuren und des traurigen Endes von „Milli Vanilli“ ist der Blick hinter die Kulissen des Musikgeschäfts in "Girl you know it's true" durchaus humorvoll und unterhaltsam erzählt.

„Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38): Diese berühmte und viel zitierte Verhör-Frage von Pilatus an Jesus könnte auch gut als Untertitel für das neue Biopic „Girl you know it´s true“ über das Skandal-Pop-Duo „Milli Vanilli“ dienen, welches in den Kinos angelaufen ist. 

Denn die beiden Künstler Robert „Rob“ Pilatus und Fabrice „Fab“ Morvan sorgten 1990 mit ihrem Produzenten Frank Farian für einen der größten Skandale in der Musikgeschichte. Ihre Geschichte kennt wohl jeder, der in den späten 1980er-Jahren gelebt und sich für Popmusik im Allgemeinen interessiert hat: Bei einer Pressekonferenz wurde enthüllt, was viele Musikfreunde schon lange Zeit vermuteten – nämlich dass Pilatus und Morvan nur zu Playback-Einlagen ihre Lippen bewegten, zu einer Musik, zu der sie weder einen Ton noch eine Note selbst beigesteuert hatten.

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Plötzlich standen die Megastars und frische Grammy-Gewinner als Betrüger, Schwindler und Hochstapler da. Dies geschah zu einer Zeit, in der es in der MTV-Generation immer üblicher wurde, eher auf das Aussehen und die mediale Wirkung neuer Bands, als auf deren Gesangsqualitäten zu setzen. 

Nur der Schein zählt

Bezeichnend dafür ist eine Szene in „Girl you know it’s true“, in welcher Rob und Fab hinter das Geheimnis von ikonischen Superstars kommen, indem sie sich an einer Kellerwand Bilder anschauen – unter anderem von Elvis, Bob Marley, den Beatles und Jesus Christus – und dabei feststellen, dass alle etwas verbindet: Es sind ihre Haare, die sie aus der Masse herausstechen lassen! 

Nachdem „Milli Vanilli“ als Fake-Musiker mit Fake-Frisuren aufgeflogen sind, musste sich die Musikindustrie der Frage stellen, wieviel Wahrheit es im Showbusiness geben darf, das bekanntlich davon lebt, dass es Träume und Illusionen verkauft, damit die Menschen ein Stück weit ihrer Realität entfliehen können. Drei Nummer-eins-Hits in Folge, darunter auch der titelgebende Song „Girl you know it´s true“, machten „Milli Vanilli“ von 1988-1990 zum erfolgreichsten deutschen Musik-Export in den USA und auf dem Planeten: Zwei unbekannte Tänzer und Models wurden in einem kometenhaften, märchenhaften Aufstieg, über Nacht zu weltweit gefeierten Popstars, die von ihren Fans hysterisch verehrt und gefeiert wurden, weil sie fantastisch aussahen, tolle Musikvideos mit ausgeklügelten Choreographien machten und sich so gar nicht nach „Made in Germany“ anfühlten. 

Starke Inszenierung, große Authentizität

Nachdem bereits einige Dokus über „Milli Vanilli“ erschienen sind, verfilmte Regisseur Simon Verhoeven („Männerherzen“, „Nightlife“) nun den rasanten und skandalumwitterten Auf- und Abstieg der Band, die mit den Stimmen von anderen Musikern zu Ruhm und Schande kam. Die beiden Himmelsstürmer verloren durch die große Versuchung reich und berühmt zu werden schnell jegliche Bodenhaftung – und aus Überfliegern wurden tragische Gestalten, die letztlich ganz tief gefallen sind. 

Biopics über Stars aus dem Pop-Olymp oder historisch bedeutende Persönlichkeiten wie zuletzt „Elvis“, „Oppenheimer“, „Napoleon“ oder auch „Maestro“ funktionieren vor allem über die Empathie mit dem mehr oder weniger schweren Schicksal der Helden im Zentrum. Und so durchbrechen in Verhoevens Film die beiden Fake-Sänger gleich zu Anfang des Films die sogenannte „vierte Wand“: Ihre direkte Ansprache an die Zuschauer kommt einer Beichte gleich und dient zugleich als erzählerische Klammer des Biopics.

Anfangs wirkt dieses Stilmittel noch gewöhnungsbedürftig und reißt den Zuschauer immer wieder aus der linearen Filmhandlung heraus - doch die beiden Newcomer Tijan Njie und Elan Ben Ali, die in die Rollen von Rob und Fab schlüpfen, punkten schließlich, durch die teilweise augenzwinkernden Unterbrechungen, als schlitzohrige Sympathieträger, denen der Erfolg zu Kopf steigt und die den „Originalen“ wirklich zum Verwechseln ähnlich sehen. Mit ihrer glaubhaften Performance und einer Mischung aus Archivaufnahmen, bekannten Videoclips und Konzert-Szenen werden die viel zitierten 1980er-Jahre wieder lebendig. 

Ein Blick hinter die Kulissen

Trotz aller Tragik der Figuren und des traurigen Endes von „Milli Vanilli“ ist der Blick hinter die Kulissen des Musikgeschäfts auch durchaus humorvoll und unterhaltsam erzählt. So sieht man in einigen Szenen zum Beispiel auch die „Real Milli Vanilli“ und wie diese unbekannten – und wenig charismatischen - Studiomusiker Ray Horton und Brad Howell den Welthit „Girl you know it's true“ einspielten. Der Film würdigt in dem Zusammenhang auch die Hip-Hop-Band „Numarx“, deren Mitglieder erst durch das Fernsehen mitbekommen haben, wie eine Coverversion des von ihnen zuerst komponierten, aber erfolglosen Songs plötzlich die Charts stürmte. 

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Für Kontroversen sorgen dürfte die Darstellung jener Schlüsselfigur im Hintergrund, die das „Erfolg-Monster“ Milli Vanilli erschaffen hat: Frank Farian (Matthias Schweighöfer), musikalisches Genie und Teufel zugleich, der hier, als Mastermind hinter dem ganzen Betrug, eigentlich viel zu gut wegkommt. Die Musik des Sound-Tüftlers, dem schon vorher mit der Band „Boney M.“ zahlreiche Welthits und Ohrwürmer gelangen und der bis heute weltweit mehr als 850 Millionen Platten verkauft hat, war nicht zufällig erfolgreich: Farian hatte ein Ohr für schwarze Musik und hat es leider verstanden, Künstler durch schlechte Verträge an sich zu binden. Die Künstler waren für ihn als Musikproduzenten oft nicht mehr als Marionetten, denen er eine schillernde Karriere versprach und sie fallen ließ, wenn er sie nicht mehr brauchte. Dabei wird Frank Farian von Matthias Schweighöfer als hysterischer Clown dargestellt, was dem tatsächlichen Musikproduzenten Farian wohl nicht ganz gerecht wird. 

Waren „Milli Vanilli“ Vorboten der Generation Instagram?

Der Film enthüllt eindrücklich die Abgründe und Machtkämpfe im Showbusiness und bringt schockierende Wahrheiten ans Licht, über die Scheinheiligkeit der Musikbranche, die nachdenklich machen. Er beschreibt die Selbstzweifel der beiden Tänzer, die zwei Jahre lang durch einen Teufelspakt mit einer Lüge lebten – und sie einerseits genossen und sich andererseits zunehmend unwohl in ihrer Haut und dem Damoklesschwert über sich fühlten: 1998 verstarb Robert Pilatus mit nur 33 Jahren an einer Überdosis Drogen. 

Trifft Fans nicht auch eine gewisse Mitschuld, wenn sie an Illusionen glauben wollen und ihre Stars so sehr auf ein Götterpodest heben, dass diese nur abstürzen können? Wie lang würde man selbst weitermachen, wenn man als Nobody so eine einmalige Chance auf großen Ruhm bekommen würde wie Rob und Fab? Und ist auf Instagram und Tik Tok nicht jeder Nutzer ein bisschen wie „Milli Vanilli“: Perfekte Fake-Bilder um den Preis der Wahrheit, ein bestimmtes Image für möglichst viele Likes? Rob und Fab haben beide Unrecht getan, aber auch ihnen wurde Unrecht getan – denn die eigentlichen Drahtzieher rund um Frank Farian wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Und so heißt es weiterhin: The Show must go on!

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