Paris

USA: „Sensitivity readers“ sind die neuen Zensoren

Auf Redaktionsebene von US-Verlagshäusern gibt es besorgniserregende Tendenzen: die Einführung von „sensitivity readers“ – Lektoren, die auf die Einhaltung der Regeln der „Political Correctness“ achten sollen.

Political Correctness in den USA
Zerstört die "Political Correctness" in den USA das in der Verfassung verbriefte Recht auf Meinungs- und Redefreiheit? Eine französische Reportage gibt besorgniserregende Einblicke. Foto: Franz-Peter Tschauner (dpa)

Das „First Amendment“, der 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, garantiert den amerikanischen Staatsbürgern das Recht auf Rede- und Pressefreiheit. Auf Redaktionsebene von Verlagshäusern in den USA gibt es indes besorgniserregende Tendenzen: die Einführung von „sensitivity readers“ – Lektoren, die auf die Einhaltung von, durch die Politische Korrektheit vorgegebenen, Regeln achten sollen.

So befasst sich im französischen Monatsmagazin Causeur der Journalist und Literaturkritiker Olivier Maulin mit den neuen „Zensoren, die die „Literatur säubern“. Ausgehend von einer Reportage des französischen Auslandsfernsehsenders France24, bei der es dem Zuschauer laut Maulin „kalt den Rücken runterläuft“, porträtiert er einen neuen Berufszweig, „der im heutigen amerikanischen Verlagswesen für Furore sorgt: der ‚sensitivity reader‘ (übersetzt etwa: Feingefühl- oder Sensibilitäts-Lektor)“.

Schlechtes Gewissen und Scham sind verflogen

Vorgestellt wird in dem Fernsehbeitrag die Afroamerikanerin Patrice William Marks. Die junge Frau, die diesen – so Maulin – „unheilvollen Beruf ausübt“, definiert ihre Tätigkeit folgendermaßen: Man lese ein Manuskript „mit einem besonderen Blick“, um „das Vorhandensein von Stereotypen, verzerrten Darstellungen oder sogar Rassismus“ ausfindig zu machen und diese anschließend entfernen zu lassen, „um keine ‚communauté‘ (Gemeinschaft) zu verletzen“. Es sei noch nicht lange her, stellt Maulin klar, „dass ein derartiges Metier mit seinem wirklichen Namen bezeichnet worden wäre: mit dem des Zensors. Mit dem klaren Vorteil, dass eine solche Bezeichnung ein gewisses Maß an schlechtem Gewissen beinhaltete, vielleicht sogar an Scham.

Dieses schlechte Gewissen und diese Scham sind heute mit dem ‚Sensibilitäts-Lektor‘ verflogen, der zwar zensieren will, das dann aber mit einem guten Gewissen“, kommentiert er weiter. Natürlich sei es „äußerst lobenswert, keine Gemeinschaft zu verletzen, doch das Problem besteht darin, dass der Möglichkeit, dass ‚Gemeinschaften‘ verletzt werden können, keine Grenzen gesetzt sind. Man weiß, wohin uns eine solche Logik führen wird: zu einer Beseitigung aller Ecken und Kanten, um nur noch harmlose Geschichtchen zu veröffentlichen, die tatsächlich niemanden mehr aus dem einfachen Grund schockieren werden, dass sie nichts mehr aussagen“. Doch freilich „müsste man naiv sein um zu meinen, dass ein solches Einvernehmen eines Tages erreicht sein wird“. Denn es werde weitere Bereiche erfassen: „Manche Progressisten werden zweifellos schon bald darauf achten, dass auch Tiere nicht ‚verzerrt‘ dargestellt würden, wie auch Bäume und andere Pflanzen – und warum nicht auch die Mikroben und das Plankton.“

Auch Harry-Potter-Autor des Rassismus beschuldigt

Die TV-Reportage erinnerte daran, dass J. K. Rowling, die Autorin von „Harry Potter“, kürzlich des „Rassismus“ beschuldigt wurde, weil sie sich einer Indianerlegende „bemächtigt“ hatte. Die TV-Journalisten „schlossen daraus naiverweise, dass sie einen ‚sensitivity reader‘ hätte hinzuziehen müssen, anstatt die Grundlage dieses vermeintlichen ‚Rassismus‘ zu hinterfragen“. Denn seit wann „ist es rassistisch, aus dem Legenden-Erbe der Menschheit zu schöpfen? Ein Weißer dürfte sich nicht mehr mit einer Legende eines ‚people of colour‘ befassen? Einem Schwarzen sollte es verboten sein, die Ilias oder Chrétien de Troyes zu zitieren? Die angebliche ‚kulturelle Aneignung‘ ist der direkteste Weg, der uns in die allumfassende Dummheit führen wird“, meint Maulin.

Das Resultat „dieses kollektiven Wahns ist bekannt: Dieses Phänomen wird sich in den kommenden Jahren auch in Frankreich entwickeln. Nachdem man die Gegenwartsromane gesäubert haben wird, wird man sich mit denen der Vergangenheit beschäftigen und Ausgaben vorlegen, in denen alles gelöscht ist, was den heutigen Leser verstimmen könnte. Wir können davon ausgehen, dass die Romane der Vergangenheit, die nach den derzeitigen Kriterien voll von homophoben, frauenfeindlichen, rassistischen, antisemitischen und grossophoben (dickenfeindlichen) Betrachtungen waren (die Liste ist nicht vollständig), uns am Ende der großen Säuberung Platz in unseren Bibliotheken verschaffen werden! Das ist dann der Tod der Literatur, oder bestenfalls ihr Rückzug in kleine rebellische Verlagshäuser“.

DT/ks

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