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Was Corona mit unseren Schulkindern macht

Was Corona mit unseren Schulkindern macht: Versuch einer Zwischenbilanz in Zeiten der Pandemie.
Coronavirus - Schulen investieren in Infektionsschutz
Foto: Symbolbild: dpa | Lernen im Schatten der sogenannten Co2-Ampel ist für viele Schüler Normalität geworden.

Wenn man den Ausbruch der Covid-19-Pandemie auf Februar 2020 datiert, dann befinden sich Deutschlands Schulen mittlerweile im dritten „Corona“-Schuljahr. Das zweite Halbjahr 2019/2020 war voll betroffen, das komplette Schuljahr 2020/2021 mit saisonalen Schwankungen weitgehend. Jetzt im Spätherbst 2021 deutet sich an, dass „Corona“ zumindest das erste Schulhalbjahr 2021/22 im Griff hat – wenigstens bis zu den Osterferien im April 2022.

Verschärfte Schulprobleme

Was macht das mit der Bildungsnation Deutschland? Was macht das mit einer kompletten Schülergeneration? Nun, es wird nicht sofort wieder alles so sein wie zuvor. Die Bildungsnation, die ja bereits vor „Corona“ nicht eben bestens aufgestellt war, wird weitere Niveaueinbußen in Kauf nehmen müssen. Vor allem die Jüngsten, die Grundschüler, die den Präsenzunterricht brauchen, werden Bildungs- und Lernlücken lange mit sich schleppen – bis hinein in die weiterführenden Schulen. Aber auch bei den älteren Schülern häufen sich die Defizite. Klar, wenn Schüler seit Februar 2020 je nach Altersstufe zwischen 600 und 900 Stunden Präsenzunterricht nicht mehr bekamen, hinterlässt das Spuren. Die trotzdem erneut besser gewordenen Noten mögen ein Trostpflaster dafür sein, aber sie verdecken, dass – wie schon zuvor angebahnt – Zeugnisse, auch die immer besseren Abiturzeugnisse, zu immer mehr ungedeckten Schecks wurden. Die nachfolgenden Bildungseinrichtungen, die Ausbildungsbetriebe, die Beruflichen Schulen und die Hochschulen, werden hier mit Liftkursen einiges aufzuarbeiten haben. Jedenfalls hat sich mit dieser Pandemie so manches Schulproblem noch verschärft.

Fehlendes soziales Lernen

Das gilt zumal für die Kinder sogenannter bildungsferner Elternhäuser, in denen Mama und Papa oft schon mangels sprachlicher Kompetenz kaum mithelfen können. Die Folgen des Wegfalls von Präsenzunterricht – auch durch Klassenhalbierungen – lassen sich auch nicht nur an harten Lockdowns festmachen, sondern sie haben sehr individuelle Ausprägungen, wenn etwa Schüler immer mal wieder für zwei Wochen in Quarantäne müssen. Nein, „Corona“-Schule betrifft viele wichtige Bereiche jenseits des stoffvermittelnden Unterrichts. Schule ist schließlich nicht nur Wissensvermittlung, sondern alltägliches soziales Lernen, Kommunikationstraining, Demokratietraining, Toleranztraining, Konfliktlösungstraining, Austoben, Selbstfindung, Selbstreflexion etcetera.

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Dass Kinder- und Jugendpsychologen, dass Kinder- und Jugendpsychiater sowie Suchtexperten Alarm schlagen, kann da kaum überraschen: Man geht von rund einem Drittel an Heranwachsenden aus, die dringend der therapeutischen Behandlung, auch ihrer zunehmenden Mediensucht und ihrer zunehmenden Adipositas, bedürften.

Digitale Notbehelfe

Noch einmal: Digitalisiertes Lernen, Homeschooling, Distanzunterricht und Co. können das nie und nimmer wettmachen. Es sind Notbehelfe – nicht mehr und nicht weniger. Und selbst wenn wir eine topmoderne Hard- und Software-Ausstattung unserer Schulen und Elternhäuser hätten, wäre kaum mehr drin gewesen. Hier konnten die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Das stellte soeben einer der renommiertesten Medienwissenschaftler, der Offenburger Ralf Lankau, fest. In seinem Sammelband vom Juli 2021 „Autonom und mündig am Touchscreen. Für eine konstruktive Medienarbeit in der Schule“ (Beltz Verlag) kommt er zu dem Ergebnis, dass der Unterricht für die Lern- und Verstehensprozesse des Gespräches und des Diskurses bedarf. Denn Lernen sei ein individueller und sozialer Prozess, der nicht digital kompensiert werden könne, wenn Verstehen und nicht nur Repetition das Ziel sei.

Und dann erst die alarmierenden Zahlen: Die Inzidenzen unter Kindern und Jugendlichen erreichten in Bayern soeben (15. November) ein bundesweit beispielloses Niveau: Die Inzidenz bei Grundschülern und Fünftklässlern liegt bei 1 073, bei den Zwölf- bis 15-Jährigen bei 979. Beide Werte sind in etwa Verdoppelungen im Vergleich zu den Werten der Vorwoche. Auch bei den Sekundarstufe-II-Schülern (16- bis 19 Jahre) ist die Inzidenz mit 777 deutlich überdurchschnittlich.

Mehr Sensibilität

Am ständigen Testen und Impfen führt auch im Alter von 12 bis 17 also kein Weg vorbei. In vielen Klassen wird wöchentlich bis zu dreimal poolgetestet. Von den Lehrern sind nach Aussagen ihrer Verbände bis zu 90 Prozent geimpft, von den Jugendlichen zwischen 12 und 17 sind es derzeit 44 Prozent. Dabei geht es nicht nur darum, das ohnehin stärker ausgeprägte Immunsystem Heranwachsender zu unterstützen, sondern die Infektionsketten Schule-Eltern-Großeltern zu stoppen. Vieles ist im wahrsten Sinn des Wortes ansonsten eine Frage der Erziehung. Schüler und Lehrer müssen die Hygiene-, Abstands- und Gesichtsschutz-Vorschriften einhalten. Gerade die ABC-Schützen, also die Schulanfänger, sollen hier, soweit sie die Regeln nicht schon im Kindergarten verinnerlicht haben, konsequent angeleitet werden. Dass Schule in dieser Hinsicht auch ein Stück autoritärer und disziplinierter werden muss, steht außer Frage. Aber es muss sensibel geschehen. Heranwachsende dürfen nicht zu Hypochondern und Reinlichkeitsneurotikern getrimmt werden.

Maßnahmen gegen Lernrückstände

Wie geht es weiter? Die Lernrückstände lassen sich nur aufholen, wenn auch nachholende Maßnahmen ergriffen werden. Etwa in Form freiwilliger Kürzung von Ferien: Deutschlands Schüler haben pro Schuljahr 75 Werktage Ferien. Unter Einbeziehung diverser Feiertage ergibt das in etwa gut 13 Wochen Ferien. Oder umgekehrt: Deutschlands Schüler sind pro Schuljahr gut 39 Wochen in der Schule, sie haben also – Feiertage wieder eingerechnet – weniger als 190 Schultage. Durch „Corona“ haben sie viele davon versäumt. Eine anteilmäßige Kürzung der insgesamt mindestens fünf Ferien eines Schuljahres ließe wenigstens 15 dieser Tage, also gut drei Schulwochen, zurückgewinnen.

Auch die Wiedereinführung eines freiwilligen Samstagsunterrichts wäre denkbar: Einen solchen gab es in Deutschland-West und Deutschland-Ost bis in die 1980er Jahre hinein: in der DDR flächendeckend, in einigen „alten“ Bundesländern gänzlich oder zweimal im Monat. Allein durch die restlose Abschaffung des Samstagsunterrichts wurde das Unterrichtsvolumen einer beispielsweise zehnjährigen Schullaufbahn um weit mehr als tausend Unterrichtsstunden gekürzt. Das entspricht in etwa dem Unterrichtsvolumen eines kompletten Schuljahres. Mit einem zweiwöchentlich stattfindenden Samstagsunterricht wären insgesamt innerhalb eines Schuljahres gut 20 Schultage beziehungsweise vier Schulwochen gewonnen.

Ergebnisorientierter Unterricht

Dynamischer Unterrichtsstil: „Moderne“ Formen des Unterrichts wie Gruppenarbeit, Freiarbeit und Projektarbeit sind zeitaufwendig und bringen nur den ohnehin fittesten Schülern etwas. Insofern wäre eine Renaissance eines dynamischen, leider zu Unrecht diskreditierten „Frontalunterrichts“ angesagt. Unsere Schüler brauchen gerade jetzt einen ergebnisorientierten, nicht nur erlebnisorientierten Unterricht.

Über den in gewissen Kreisen polemisch diskreditierten „Frontalunterricht“ schreibt der renommierte Gehirn- und Lernforscher Gerhard Roth übrigens: „Der Frontalunterricht eines kompetenten, einfühlsamen und begeisternden Lehrers ist allemal wirksamer als eine wenig strukturierte Gruppenarbeit und ein nicht überwachtes Einzellernen.“ Auch damit kann man Zeit wieder hereinholen. Corona darf jedenfalls nicht noch mehr dazu führen, dass viele Schüler abgehängt werden und die Bildungsnation Deutschland noch weiter zurückfällt. Aber auch hier gilt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.


Der Autor ist Verfasser des Buchs: Der deutsche Untertan. Vom Verlust des eigenen Denkens
(2021, Langen-Mueller). Es wird in diesen Tagen neu aufgelegt.

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