Bildungspolitik

Bettina Stark-Watzinger: Frei, gerecht, katholisch

Wie die neue Ministerin Bettina Stark-Watzinger Bildung in Deutschland prägen will.
233. Bundestagssitzung und Debatte Aktuell, 10.06.2021, Berlin, Bettina Stark-Watzinger im Portrait bei ihrer Rede zum
Foto: IMAGO / Political-Moments | Als römisch-katholisch gehört Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger zur Minderheit bekennender Christen in der Regierung.

Sie wirkt sympathisch, offen, zugleich nachdenklich, kompetent und durchsetzungsstark. Mit Bettina Stark-Watzinger hat die FDP eine Frau als Leiterin des Ministeriums für Bildung nominiert, die einen klaren Wechsel im Führungsstil dieses wichtigen Ressorts erwarten lässt. Im Gegensatz zu Anja Karliczek, deren bildungsferner Hintergrund ebenso wenig zu überzeugen vermochte, wie ihr hilflos wirkendes Herumlavieren im Amt, vermittelt Bettina Stark-Watzinger einen zielstrebigen Eindruck und hat bereits im Vorfeld mit der Durchsetzung einiger ihrer Kernideen im Koalitionsprogramm dafür gesorgt, dass der Boden für ihr Wirken im Amt bereitet ist.

Ihre Pläne bezeichnet sie ohne falsche Bescheidenheit als Bildungsrevolution. Dabei geht es ihr vor allem um die Digitalisierung, in der Deutschland in schulischer Hinsicht nach wie vor ein Entwicklungsland ist.

Überall Ganztagsunterricht ist keine Lösung

Dass sie die Probleme an der Wurzel packen will, zeigt Stark-Watzinger bei diesem Stichwort auch dadurch, dass sie nicht nur die schon lange notwendige flächendeckende Versorgung der Schule mit brauchbaren Geräten, leistungsstarkem WLAN- und flexiblen Lernmodellen denkt, die in Zeiten der Pandemie unkompliziert im Distanzunterricht weiter genutzt werden können. Sie plant auch die Vermittlung digitaler Kompetenzen an die Lehrenden, bei denen sich in diesem Bereich oft gewaltige Lücken auftun. Dieser Schritt ist umso notwendiger, als es keine Seltenheit ist, dass eine Schule komplett mit Smartbords ausgestattet ist, die dann aber im Zweifelsfall stillliegen oder von Schülern bedient werden, weil dem Lehrer die nötigen Kenntnisse fehlen. Dass Stark-Watzinger, deren Name über Hessen hinaus, wo sie die Landtagsfraktion leitet, kaum jemand kennt, hat vielleicht mit der Persönlichkeit der neuen Bildungsministerin zu tun, der es tatsächlich weniger um sich, als um die Sache zu gehen scheint.

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Ihren Weg ging die heute 53-Jährige über Jahrzehnte hinweg zielstrebig und arbeitete sich aus kleinen Verhältnissen bis ins FDP-Präsidium und die handverlesene Verhandlungsgruppe ihrer Partei für die kommende Regierungsarbeit empor.

Einsatz für Talentschulen

Geboren ist Bettina Stark-Watzinger am 12. Mai 1968 in Frankfurt am Main. In ihrer Vita auf der Seite des Deutschen Bundestages ist außerdem zu lesen, dass sie römisch katholisch ist, mithin also zur zahlenmäßig kleiner werdenden Gruppe bekennender Christen in der neuen Regierung gehört. Stark-Watzinger ist verheiratet, hat zwei Töchter und stammt aus einer Handwerkerfamilie. Ihre Mutter wäre gern Architektin geworden, durfte aber nicht. Diese Geschichte ist für die FDP-Frau Antrieb und Motivation, Bildung für alle zu ermöglichen. Im Gegensatz zu dem von SPD und Grünen präferierten Programm mit dem Schwerpunkt auf Gleichheit, setzt Stark-Watzinger aber auch auf sogenannte Talentschulen mit gezielter Förderung lernschwacher Kinder. Zu Recht. Denn das bisherige Schulsystem zeigt klar, dass die Unterschiede zwischen Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern und solchen, die in Akademikerfamilien heranwachsen, vor allem etwas über die Qualität der Wissensvermittlung aussagen. Denn beide Gruppen verbringen gleich viel Zeit – zu viel – möchte man angesichts langer Nachmittagsunterrichtszeiten ergänzen – in der Schule. Aber nur diejenigen, die Zuhause Hilfe zu erwarten haben, kommen wirklich voran. Genau deshalb ist gezielte Förderung hilfreich, während flächendeckender Ganztagsunterricht keine Lösung verspricht.

Wichtige Eigeninitiative

Dass Stark-Watzinger auch auf Eigeninitiative setzt, erhellt aus ihrem Lebenslauf. Nach dem Abitur studierte sie zunächst Volkswirtschaftslehre und machte dann eine Traineeausbildung an der BHF Bank AG Frankfurt, an der sie auch als Regional Managerin tätig war. Eine in England verbrachte Familienzeit nutzte sie zu einem Psychologiestudium in London, wirkte anschließend an einer Business School und ist seit 2008 Geschäftsführerin einer Forschungseinrichtung. In die FDP trat sie während ihrer Zeit in London 2004 ein. Sie ist seit 2011 Mitglied des Kreistags des Main-Taunus-Kreises.

Die Trennung von Bund und Ländern sei ein Fehler

Ihre Karriere verlief ruhig und zugleich zielstrebig. Von 2014 bis 2015 war sie stellvertretende Vorsitzende ihrer Partei in Hessen, bis 2018 Generalsekretärin. Dass sie den Schritt in die zweite Reihe nicht scheut, zeigt eine erneute Periode als stellvertretende Vorsitzende der Hessen FDP von 2018 bis 2021. Seitdem ist Stark-Watzinger Landesvorsitzende. Für die Hessen FDP ist ihre Nominierung natürlich ein Ansehensgewinn, zumal die Kandidatin im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin im Amt als zweifelsfrei befähigt gilt.

Ihre Schwerpunkte hat Stark-Watzinger in ersten Stellungnahmen so zusammengefasst: Die Kompetenzen des Bundes müssen aus ihrer Sicht au dem Gebiet der im Bildung gestärkt werden. Dieser Vorstoß dient einer stärkeren Vergleichbarkeit der in Deutschland immer noch sehr uneinheitlichen Schulabschlüsse. Die Bürokratisierung und die langwierigen Verfahren, die sich durch die Arbeit der Kultusministerkonferenz ergeben, will sie deutlich beschleunigen. Dies betrifft ganz praktische Aspekte wie die Finanzierung von Luftfiltern, die in Pandemiezeiten maßgeblich dazu beitragen, dass Schulen länger geöffnet bleiben können. Vorgezogene Weihnachtsferien, wie Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus sie vorschlug, lehnt Stark-Watzinger vorerst ab. „Wir können durch Masken, Hygienevorschriften, konsequentes Impfen und vor allen Dingen Boostern in den Schulen verhindern, dass eben solche Maßnahmen getroffen werden müssen“, sagt die Bildungsministerin.

Schulschließungen als „ultima ratio“

Schulschließungen „dürfen nicht das Erste, sondern müssen das Letzte sein“, betont sie, wobei sie notwendige Maßnahmen angesichts der Omikron-Variante natürlich nicht ausschließen kann. Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern von 2006 bei der Bildung nennt Stark-Watzinger einen historischen Fehler, den sie schnellst möglichst korrigieren will, denn er bremst gerade den Digitalpakt, der ihr besonders am Herzen liegt, bislang aus. Wichtig ist der FDP-Frau auch das von ihr in den Koalitionsvertrag geschriebene Chancen-Budget, das den Schulen vor Ort erlaubt, selbstständig zu entscheiden, wie sie die finanziellen Mittel zur Förderung ihrer Schüler einsetzen wollen. Dieser dezentralisierte und an den Menschen vor Ort orientierte Ansatz unterscheidet sich wohltuend von den eher auf Gleichmachen als auf Chancengleichheit beruhenden Ideen von SPD und Grünen.

Dass die über Jahre im Finanzbereich tätige Politikerin sich mit den Schwierigkeiten auskennt, die nötigen Geldmittel für ihre guten Ideen zu beschaffen, zeigt sich an ihren Tätigkeiten im Finanz- und Haushaltsausschuss, wo sie für den Etat des Bundesbildungs- und Forschungsministeriums zuständig war, und dort schnell herausfand, warum die Mittel aus dem Digitalpakt so zäh in die Länder abfließen. Dieser praktische Blick fürs Detail könnte prägend für die Arbeit der künftigen Bildungsministerin werden. Dass ihr Parteikollege Volker Wissing demnächst für Verkehr und Digitales zuständig sein wird, ist für Stark-Watzinger sicherlich ein nützlicher Nebeneffekt.

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