Maximaldistanz im Gottesdienst

Es gibt verständliche Gründe, warum jemand im Gottesdienst die Nähe zum Nachbarn scheut. Doch muss man sich fragen, welchen Eindruck das auf jemanden macht, der neu zum Glauben kommt.

Wie sich Katholiken in der Kirche verteilen
"Als Kind habe ich noch gelernt, dass man sich vor dem Gottesdienst niederkniet und ein paar Minuten in Stille sammelt, statt ein Schwätzchen mit der Nachbarin zu halten", meint Bernhard Meuser Foto: Franziska Kraufmann (dpa)

So ganz viele sind wir ja nicht mehr, die wir uns versammeln, um Eucharistie zu feiern. Vom Orgelbock herab habe ich da eine recht gute Übersicht. Der Geistliche, der heute zelebriert, kommt aus Nigeria, ein kluger, geistbewegter Mann, der das Charisma der Freude mitgebracht hat und damit auch nicht geizt. Gerne erzählt er von den stundenlangen Gottesdiensten in seiner Heimat, bei denen gesungen und getanzt wird. Manchmal unterbricht er seine Predigt, breitet die Hände aus und singt mit gewaltiger Bassstimme einen Gospel; und er scheut sich auch nicht vor rhythmischen Bewegungen, wozu er klatscht und zum Mitklatschen animiert.

Tröpfchenweise sind die Gläubigen über den weiträumigen Kirchenraum verteilt

Ich bewundere den Mut des Priesters, denn auch ihm muss das Missverhältnis zur Gemeinde auffallen, in der es scheinbar geheime körpersprachliche Vereinbarungen gibt, unausgesprochene Gesetze, denen zufolge man sich im Gottesdienst nur nicht zu nahe kommen darf. Tröpfchenweise sind die Gläubigen über den weiträumigen Kirchenraum verteilt. Immer dann, wenn jemand den Kirchenraum betritt unterwirft er sich bestimmten unausgesprochenen choreographischen Anweisungen. Anweisung 1: Geh auf keinen Fall da hin, wo schon einer ist. Anweisung 2: Beweise deine Demut, in der du auf Maximaldistanz zum Altar gehst.

Nun gibt es natürlich verständliche Gründe, warum jemand im Gottesdienst die Nähe zum Nachbarn scheut. Als Kind habe ich noch gelernt, dass man sich vor dem Gottesdienst niederkniet und ein paar Minuten in Stille sammelt, statt ein Schwätzchen mit der Nachbarin zu halten. Ich weiß nicht, warum das heute außer Mode gekommen ist und man vielerorts den Eindruck hat, als warte da ein gutgelaunt plauderndes Publikum auf den Auftritt der Artisten.

Das sind ganz bestimmt Leute, die nichts miteinander zu tun haben wollen

Aber kommen wir wieder zurück auf den kirchlichen Pointillismus, die kleckerliche Verteilung der Gläubigen im Kirchenraum. Sind wir uns bewusst, was das für einen Eindruck auf jemand macht, der neu zum Glauben gekommen ist? Muss er nicht denken: Das sind ganz bestimmt Leute, die nichts miteinander zu tun haben wollen?

Welche Schlüsse Bernhard Meuser aus der Verteilung der Gläubigen im Kirchenraum zieht, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ vom 24. Januar 2019. Kostenlos erhalten Sie diese Ausgabe hier.

DT