Robert Spaemann wusste: Es gibt kein gutes Töten!

„Spaemanns Stimme wird fehlen“, höre ich häufig in diesen Tagen. Ganz gewiss wird er der Lebensrechtsbewegung fehlen, an deren Debatten er fast bis zum Ende seines Lebens Anteil nahm. Von Consuelo Gräfin von Ballestrem
Robert Spaemann
Foto: dpa | Der Philosoph und bekennender Katholik Robert Spaemann starb am 10. Dezember 2018 im Alter von 91 Jahren.

Der Philosoph Robert Spaemann ist nach seinem Tod am 10. Dezember 2018 im Alter von 91 Jahren in vielen Nachrufen, so auch in der „Tagespost“, gewürdigt worden. Mit diesem Beitrag darf nun auch ich dankbar an seinen unschätzbaren Dienst als „Rufer in der Wüste“ erinnern, den er für die unzähligen Menschen leistete, die sich seit über 50 Jahren für eine Kultur des Lebens eingesetzt haben und von ihm das Argumentarium dazu bekamen.

Seit den späten 1960er Jahren stellte die Abtreibungsthematik von einem Moment auf den anderen viele Menschen, die das innere Gespür besaßen, dass es „kein gutes Töten gibt“ und dass der Mensch „von Anfang an Mensch“ ist, vor die Herausforderung, ihre Überzeugung in der öffentlichen Diskussion auch argumentativ zu vertreten.

Insbesondere den Nichtphilosophen fiel es schwer, sich im philosophischen Kosmos zurechtzufinden. Robert Spaemann begleitete diese Kontroversen in seinen wissenschaftlichen Arbeiten von Anfang an. Stets allgemeinverständlich – gelegentlich aphoristisch – beantwortete er Fragen zu Vernunft und Glaube, zur Wahrheitsfähigkeit des Menschen, zum Menschen als Person, zu ethischem Handeln, zu einer gerechten Ordnung und vieles mehr.

Warnend schrieb er in der FAZ am 23.10.1999 unter der Überschrift: „Die schlechte Lehre vom guten Zweck“ beispielsweise: „Und eine Absicht, die ein gutes Ziel mithilfe solcher (schlechter: A.d.R.) Handlungen zu erreichen sucht, ist eben keine gute, sondern eine schlechte Absicht. Der gute Zweck heiligt nicht das schlechte Mittel.“ Auch Johanna Gräfin von Westphalen, von Anfang an teilnehmende Beobachterin der harten Auseinandersetzungen um die rechtliche Einordnung der Tötung ungeborener Kinder, war eine dankbare Leserin von Spaemanns Texten, Leserbriefen, Artikeln und Büchern, die sie auf die oft einsam, aber immer tapfer geführten öffentlichen Debatten vorbereiteten. Wir haben uns in diesen Jahren immer wieder miteinander ausgetauscht. Das fremde Leid sehend, gründete sie schließlich die STIFTUNG JA ZUM LEBEN, um wohlfundiert, tatkräftig zu helfen.

Robert Spaemanns Denken inspirierte ebenso viele andere Menschen und Organisationen, die bis heute beratend, lehrend und helfend das Bewusstsein wachhalten, dass „der Mensch niemals etwas, sondern immer jemand ist“ (Personen, Klett Cotta 1996). Viele von ihnen hat Robert Spaemann durch inhaltliche Beiträge für Veranstaltungen oder Spenden persönlich unterstützt und ermutigt. Für ihn lagen Sein und Sollen, Theorie und Praxis greifbar nah beieinander.

Nicht nur was, sondern auch wie er es sagte, eignet sich als Rollenmodell für viele Debattanten. Seine Beiträge schienen selbst in emotional geführten Debatten stets primär von dem Streben nach Erkenntnis und Wahrheitsfindung gekennzeichnet. Er war ein Vorbild ruhiger, sachlicher Argumentation, ein Vorbild von Zivilcourage, mit der er seine, im großen Panorama der meisten deutschen Moraltheologen ungeliebten Thesen vertrat. Er strahlte eine große innere Unabhängigkeit von Kritik oder Applaus der Menge aus – egal ob er sich gegen den Mainstream stellte oder unter Gleichgesinnten sprach.

„Spaemanns Stimme wird fehlen“, höre ich häufig in diesen Tagen. Ganz gewiss wird er der Lebensrechtsbewegung fehlen, an deren Debatten er fast bis zum Ende seines Lebens Anteil nahm. Er gab ihr die Begriffe und das Fundament, die sie brauchte, um im Kontext von Abtreibungsgesetzgebung und Schwangerenkonfliktberatung, aber auch vielen anderen, öffentlich diskutierten Themen, die philosophischen Grundlagen des Nachdenkens über den Menschen zu verstehen und verständlich zu machen.

Wie sehr Spaemanns Stimme in den zukünftigen Debatten um den Schutz des Lebens fehlen wird – zumal sein Denken keine Halbwertzeit hat und er viele der Entwicklungen bereits vorausgesagt hat –, hängt auch davon ab, wie viele junge Akademiker seine Denktradition aufgreifen und in die Zukunft tragen, wie viele sich an seinem unerschrockenen, widerständigen und lebensbejahenden Vorbild orientieren werden. Ich bin sehr dankbar für unsere langjährige, herzliche Freundschaft, in der ich ihn mit seiner liebenswürdigen, von umfassender Bildung geprägten, bescheidenen und humorvollen Präsenz kennenlernen durfte.

Auch wenn Robert Spaemann schmerzlich vermisst wird, sein Denken wird uns in zahlreichen Publikationen erhalten bleiben. Eine besondere Kostbarkeit seines Werkes sind die Psalmenbücher „Meditationen eines Christen“, die er über viele Jahre geschrieben und erst am Ende seines Lebens bei Klett Cotta veröffentlicht hat. Die Lektüre seiner Reflexionen über die Psalmen ist die beste Weise, mit ihm auch nach seinem Tod über Gott und die Welt nachzudenken.

 

Engagierte Mitarbeiter

Nach mehr als 25 Jahre als Verlagsangestellter in Medizin-Verlagen und fünf Jahre als Lehrer am Gymnasium ist Rainer Klawki (62) seit Herbst 2018 Geschäftsführer bei der STIFTUNG JA ZUM LEBEN. Es ist ihm ein wichtiges Anliegen, das durch die Gräfin von Westphalen aufgebaute Netzwerk im Lebensschutz weiter auszubauen und Initiativen zu identifizieren, die an das Menschenrecht auf Leben für alle erinnern, besonders für die, die rechtlich ohne Stimme sind.

Seit 15 Jahren arbeitet Beate Ruhland (53) für die STIFTUNG JA ZUM LEBEN. In der eigenen Familie hat sie erfahren müssen, wie ungnädig die Gesellschaft mit behinderten und kranken Menschen umgeht. Sie weiß, wie wertvoll die Stimme der Stiftung ist, wenn sie für all diejenigen spricht, die ihre Stimme nicht erheben können. Ohne sie würde die Spendenabwicklung in der Geschäftsstelle der Stiftung im Haus Laer bei Meschede stillstehen.

Die promovierte Historikerin und fünffache Mutter Theresia Theuke (31) wurde zu Beginn ihrer dritten Schwangerschaft von ihrem Frauenarzt gefragt, ob sie das Kind nicht abtreiben lassen wollte. Dieses Erlebnis führte ihr brutal vor Augen, was in einer Gesellschaft geschieht, die Bewertungsunterschiede zwischen Geborenen und Ungeborenen zulässt. Seit Januar 2019 widmet sie sich mit Leidenschaft der Stiftungskommunikation.

Beate Westdickenberg (54) ist die gute Seele in der Geschäftsstelle der STIFTUNG JA ZUM LEBEN im Haus Laer in Meschede. Sie kümmert sich seit vielen Jahren um den Stiftungsalltag und sorgt dafür, dass die Freunde und Förderer der Stiftung zu jeder Zeit Informationsmaterialien über das Menschenrecht auf Leben bestellen können.

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