„Unsere Gesellschaft hat das Lebensrecht von Ungeborenen zum Tabuthema gemacht“

Mutige Menschen, die sich für den Lebensschutz einsetzen, werden dringend gebraucht, sagt Marie Elisabeth Hohenberg, Vorsitzende des Vorstands der STIFTUNG JA ZUM LEBEN. Sie übernahm nach dem unerwarteten Tod ihrer Mutter Johanna Gräfin von Westphalen im Januar 2016 den Vorsitz der Stiftung. Die vierfache Mutter lebt und arbeitet mit ihrem Mann in der Nähe von Wien. Von Theresia Theuke

„Realismus bewahrt mich vor irreführenden Höhenflügen“, meint Marie Elisabeth Hohenberg. Foto: STIFTUNG JA ZUM LEBEN

Frau Hohenberg, was motiviert Sie, sich für einen besseren Lebensschutz in Deutschland und Österreich einzusetzen?

Ich bedauere das auffallende Wissensdefizit über den Lebensbeginn des Menschen. Unsere Gesellschaft hat, so scheint es, den Lebensschutz von Ungeborenen zum Tabuthema gemacht. Obwohl das sehr hohe Bildungsniveau in Deutschland und in Österreich immer zu Recht betont wird, wird hier leider keine fundierte Aufklärungsarbeit geleistet. Gleichzeitig leben wir in einer der reichsten Volkswirtschaften dieser Welt. Da muss es doch möglich sein, dass jede Frau ihr Kind auch zur Welt bringen kann!

Ich wünsche mir und setze mich dafür ein, dass jeder weiß und akzeptiert, dass der Mensch von Beginn seiner Existenz an als das respektiert und geschützt ist, was er ist: ein Mensch. Die STIFTUNG JA ZUM LEBEN hat meine Mutter Johanna Gräfin von Westphalen vor 30 Jahren gegründet, weil sie in gerade dieser Aufklärungsarbeit ihre wichtigste Aufgabe gesehen hat.

Sie haben gerade Ihre Mutter Johanna Gräfin von Westphalen angesprochen. Ist sie ihr Vorbild gewesen, das sie motiviert hat, sich seit ihrem Tod als Vorsitzende der STIFTUNG JA ZUM LEBEN für den Lebensschutz zu engagieren?

Da haben Sie sicherlich Recht. Ich habe das Engagement meiner Mutter und das dabei von ihr an den Tag gelegte Arbeitsethos immer bewundert. Beim Thema Lebensschutz war sie sich für nichts zu schade. In unserem Haus waren Lebensrechtsthematiken immer präsent. Ich bin damit aufgewachsen und habe mich von der positiven Energie meiner Eltern anstecken lassen. Der unermüdliche Einsatz meiner Mutter und die konstante Unterstützung meines Vaters haben mir schon sehr früh gezeigt, dass bei allen Widerständen doch die Freude im Einsatz für das Leben überwiegt.

Haben Sie noch andere Vorbilder, die Sie zum Lebensschutz geführt haben?

Ja. Ich verehre die inzwischen heiliggesprochene Mutter Teresa von Kalkutta, die mit ihrem aufopfernden Dienst für die Kleinsten gezeigt hat, dass uns Christus nirgends näher ist als im Leben jener Kleinsten und Geringsten. Ihr Ausspruch: „Abtreibung ist Krieg gegen unschuldige, ungeborene Kinder“, ist mir immer präsent. Auch das Engagement meines verstorbenen Onkels, Kardinal Graf von Galen, ist ein wahrer Mutmacher für mich und sicherlich für viele Menschen, die sich heute für den Lebensschutz einbringen. Er hat sich selbst hintangestellt und die Wahrheit gepredigt, obwohl er große Angst vor den Nazis hatte. Als letzten möchte ich Erzbischof Dyba nennen, der so unglaublich scharfe Analysen über die Gefahren für das ungeborene Leben gemacht hat.

Was ist Ihre prägendste Erfahrung, die Sie während Ihres Einsatzes für den Lebensschutz gemacht haben?

Es gibt zwei sehr prägende Ereignisse. Das eine liegt schon etwas länger zurück, als ich mit Anfang zwanzig mit meiner Mutter eine Beratungsstelle für Frauen in Schwangerschaftskonflikten besucht habe. Dort haben sich Beraterinnen hingebungsvoll um diese Frauen gekümmert und ihnen in ihrer aussichtslos wirkenden Lebenssituation Wege aufgezeigt. Mich hat die Begegnung mit der Leiterin der Beratungsstelle tief beeindruckt und mir klar vor Augen geführt, dass man diesen Frauen in ihrer Not wirklich helfen muss. Das zweite Ereignis liegt nur zwei Jahre zurück, als ich mit meiner Familie in Großbritannien lebte. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe stand ich im Rahmen der 40 days for life vor einer Abtreibungsklinik in London. Dort haben wir stumm Zeugnis für das Leben abgegeben und durch unsere Anwesenheit darauf hingewiesen, dass hinter den Mauern dieses Gebäudes Unrecht geschieht. Wir boten auch Informationsmaterial über Alternativen zur Abtreibung an. Ich stand noch nicht sehr lange dort, als zwei Männer aus dem Gebäude traten. Zwischen sich hielten sie eine junge, vollkommen verstört aussehende Frau. Schweigend wurde die handlungsunfähig wirkende Frau ins Auto gesetzt. Ihr Anblick hat mich tief erschüttert und ich verstand und fühlte mit einem Mal die ganze Dramaturgie des Geschehens.

Denken Sie, dass die Anwesenheit ihrer kleinen Gruppe die Männer irritierte?

Nein, sie ignorierten uns einfach. Auch die Frau sah uns nicht. Sie kämpfte wohl mit dem Schicksal, das ihr gerade widerfahren war.

Ist eine solche Situation für Sie Grund zur Resignation oder können Sie trotzdem optimistisch in die Zukunft der Lebensschutzbewegung blicken?

Es ist natürlich sehr hart mit anzusehen, wie quasi vor den eigenen Augen getötet wird. Ich weiß aber, dass es viele Menschen gibt, die genauso denken wie ich. Die Großzügigkeit unserer Spender beispielsweise zeigt mir, wie sehr den Menschen das Thema am Herzen liegt. Und mich selbst erfüllt es mit großer Dankbarkeit, dass wir als Stiftung durch unsere Arbeit und die Projekte, die wir anrollen und mitfinanzieren, unseren Spendern eine Stimme geben können.

Unsere Spender sind das hoffnungsvolle Zeichen dafür, dass es nicht nur Gegenwind in unserer Gesellschaft gibt. Hunderte, nein Tausende von Menschen wollen in einer Gesellschaft leben, in der jeder Mensch, ob geboren oder ungeboren, gesund oder krank, jung oder alt, die gleichen Rechte hat. Das macht mich sehr froh! Gleichzeitig bewahrt mich aber eine gesunde Portion Realismus vor irreführenden Höhenflügen. Es ist mir klar, wie stark umkämpft der Bereich der Bioethik und des Lebensschutzes ist und wie sehr sich die Menschen buchstäblich bekriegen können, wenn es um Fragen des Lebensschutzes geht.

Schöpfen Sie auch Kraft aus Ihrem Glauben?

Selbstverständlich. Der Glaube an einen Gott, der alle Menschen gleichermaßen liebt, ist fundamental für meine Überzeugungen. Er gibt mir die Kraft dazu, den Gegenwind auszuhalten und stets optimistisch in die Zukunft zu schauen. Aber auch ohne Glauben würde ich mich für den Schutz der Ungeborenen einsetzen. Durch meine vier Kinder weiß ich, wie kostbar das uns anvertraute Leben ist, unabhängig davon, ob man an einen Schöpfergott glaubt oder nicht.

Der Deutsche Bundestag ringt seit ein paar Monaten um den § 219a des deutschen Strafgesetzbuchs (Werbungsverbot für Abtreibung) und den Menschen, die sich für den Schutz des ungeborenen Lebens einsetzen, schlägt bisweilen abgrundtiefes Missfallen entgegen. Denken Sie, dass die STIFTUNG JA ZUM LEBEN in dieser Zeit wirklich etwas verändern kann?

Die Existenz der STIFTUNG JA ZUM LEBEN zeigt doch, dass es eine Notwendigkeit, aber auch ein Bedürfnis gibt, dass sich Menschen zusammentun und die Stimme für die Schwachen und Sprachlosen in der Gesellschaft erheben. Natürlich ist es manchmal, als würde man gegen Windmühlen anlaufen – das ist einfach die Realität. Doch ich versuche immer, optimistisch zu bleiben und nicht zu resignieren. Wenn ich nicht an eine Verbesserung glauben würde, dann hätte ich nach dem Tod meiner Mutter niemals den Stiftungsvorsitz übernommen. Ich bin überzeugt davon, dass man auch die kleinen Veränderungen nicht übersehen und unterschätzen sollte.

Wo passieren Ihrer Meinung nach am ehesten diese kleinen Veränderungen?

Die Familie ist meines Erachtens der wichtigste Ort, an dem Lebensschutz praktiziert werden kann. Deshalb plädiere ich so dafür, dass wir gemeinsam die Familien stärken. Wenn wir das Image von Familien verbessern, dann entsteht eine kinderfreundliche Kultur, in der auch zunächst ungewollten Kindern leichter das Leben geschenkt werden kann. Aber nicht nur die Familie ist ein Ort, in dem das Fundament für eine Kultur des Lebens gelegt wird. Auch in den vielen kirchlichen und außerkirchlichen Organisationen, in den Schulen, in den Medien und besonders in den ganz alltäglichen Beziehungen kann eine Kultur entstehen, die vorbehaltlos „Ja“ zu jedem Mensch sagen kann.

Meinen Sie, dass im Lebensschutz etwas erreicht werden kann, wenn wir die Dinge klar beim Namen nennen?

Leider scheinen derzeit zumindest in Westeuropa generell gesetzliche Veränderungen zugunsten der Ungeborenen politisch sehr schwer durchführbar zu sein. Es ist aber meine Überzeugung, dass durch das Vermitteln von klaren und objektiven Informationen zu dem Thema Lebensschutz eine Änderung des Bewusstseins erzielt werden kann. Um das zu erreichen, müssen jedoch zweifellos dicke Bretter gebohrt werden.

Was möchten Sie den Menschen mitgeben, die sich gerne für den Lebensschutz engagieren wollen?

Zunächst einmal würde ich ihnen empfehlen, sich umfassend über das vorgeburtliche Leben zu bilden. Dazu gehört auch, dass sie sich mit den Gefahren auseinandersetzen, die das ungeborene Leben bedrohen. Abtreibung wird leider oft als „alternativlos“ dargestellt. Entsprechendes Wissen hilft meiner festen Überzeugung nach Betroffenen sehr, eine immer bessere Alternative dazu zu finden.

Doch Bildung ist nur eine Facette. Es braucht auch mutige Menschen, die in der Öffentlichkeit, in der Politik, aber auch im Privaten die Themen des Lebensschutzes ansprechen und ihre Mitmenschen so weiterbilden.

Natürlich ist es auch eine wertvolle Hilfe, wenn viele großzügige Menschen die STIFTUNG JA ZUM LEBEN finanziell und ideell unterstützen. Auch freuen wir uns, wenn im Lebensschutz Involvierte mit konkreten Projekten an die Stiftung herantreten. Wir müssen uns in diesen Zeiten sehr gut miteinander vernetzten und gegenseitig unterstützen. Gemeinsam können wir viel erreichen. Davon bin ich überzeugt!

 

Gloria Fürstin von Thurn und Taxis Mitglied im Stiftungsrat

„Der Lebensschutz ist sehr wichtig, weil jährlich etwa 40 Millionen Kinder im Mutterleib auf brutalste Weise umgebracht werden. Der Embryo wird bei lebendigem Leib auseinandergeschnitten und die einzelnen Körperteile werden dann abgesaugt. Die Abtreibung steht als Todesursache des Menschen weltweit an erster Stelle noch weit vor jeder bösen Krankheit. Es geht um Aufklärung und Hilfe! Viele Frauen ahnen ob ihrer Not gar nicht, wie schwerwiegend das Trauma nach einer Abtreibung ins eigene Leben wirkt. Auch diese Frauen brauchen seelischen Beistand. Um das alles kümmert sich die STIFTUNG JA ZUM LEBEN.“

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