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Robert Harris: Realpolitik oder politische Realität

Robert Harris erweist sich mit „München“ einmal mehr als Meister des Thrillers für Gebildete. Von Stefan Meetschen
Neville Chamberlain, London 1938 – er war zuvor am Münchner Abkommen beteiligt
Foto: IN | Neville Chamberlain, London 1938 – er war zuvor am Münchner Abkommen beteiligt, wonach Deutschland das Sudetenland annektieren durfte.

Er hat über Cicero und die römische Antike geschrieben, über die Dreyfus-Affäre und zuletzt sogar mit einem Vatikan-Roman („Konklave“) für Aufsehen gesorgt – mit seinem aktuellen Buch „München“ setzt sich der britische Thriller-Autor Robert Harris fiktiv mit dem bösen Land auseinander, das ihn vor 25 Jahren berühmt gemacht hat: Nazi-Deutschland.

Doch anders als damals, da er in „Vaterland“ ein Europa nach dem Sieg des Nationalsozialismus imaginierte, was besonders in Deutschland die Verlage und Feuilletons verstörte, ist „München“ sehr dicht an der historischen Realität des Jahres 1938 orientiert, was nicht nur die dem Roman angefügte Literaturliste mit größtenteils historischen oder geschichtswissenschaftlichen Werken belegt.

Es geht um das sogenannte Münchener Abkommen, das gemeinhin als Kennzeichen einer falschen, realitätsfremden „Appeasement“-Politik gedeutet wird. Großbritannien und Frankreich akzeptierten im Herbst vor 80 Jahren Hitlers Wunsch, das Sudetenland dem Deutschen Reich hinzuzufügen, in der Hoffnung, damit für Frieden und Ordnung in Europa zu sorgen. Ein trügerischer Irrtum, der Großbritannien aber Zeit schenkte zur militärischen Nachrüstung, die im Zweiten Weltkrieg von Nutzen war.

Robert Harris zeichnet in seinem Roman ein sympathischeres Bild des britischen Premierministers Neville Chamberlain, der gemeinhin als idealistisch und naiv verstanden wird.

„Solange die Chance auf eine friedliche Lösung besteht, werde ich meine Bemühungen natürlich fortsetzen – auch wenn im Augenblick kaum ersichtlich ist, was wir noch tun können. In der Zwischenzeit müssen wir uns wohl auf das Schlimmste vorbereiten.“ Er zeigt den älteren Herrn als agilen Realpolitiker und lebensklugen Gentleman, der genau weiß, mit was für einem unberechenbaren, machtbesessenen Typen er es mit Hitlers Person zu tun hat. Er hat offenbar keine andere Wahl als die, sich auf die Bedingungen des faschistischen Diktators einzulassen.

Der kluge dramaturgische Schachzug in Harris' aktuellem Roman besteht darin, dass der Thriller-Autor nicht die Staatschefs zu Protagonisten macht, sondern die Handlung anhand von Nebenfiguren entwickelt. Ein alter literarischer Trick. Da ist einmal der junge Mitarbeiter von Downing Street Nummer 10, Hugh Legat, der eigentlich seine Ehe retten müsste, aber dann immer stärker in das britische Polit-Management rund um die Sudetenkrise verwickelt wird. Auf deutscher Seite dient Paul von Hartmann als positive Identifikationsfigur für den Leser, denn Hartmann – bei der Konferenz ist er effektvoll als Übersetzer im Einsatz – gehört eigentlich zu einem illustren Widerstandskreis gegen Hitler, der jedoch wenig Aussicht auf Erfolg bietet. Gleich zu Beginn des Romans findet ein beabsichtigtes Attentat auf den Diktator in Berlin nicht statt. Worte und Taten, Pläne und Umsetzung – manchmal liegt dazwischen eine Hürde des Schicksals, die nicht zu erklimmen ist.

Harris lässt von Hartmann in München mit Chamberlain heimlich im Hotel zusammenkommen, um ihn im letzten Moment zu warnen: „Das Schriftstück in Ihren Händen ist der eindeutige Beweis, dass Hitlers Behauptung, keine weiteren territorialen Forderungen in Europa zu haben, eine glatte Lüge ist. Im Gegenteil: Er plant einen Eroberungskrieg, der dem deutschen Volk Lebensraum dazugewinnen soll. Der Krieg soll binnen den nächsten fünf Jahren beginnen, die Eingliederung Österreichs und der Tschechoslowakei ist da bloß ein erster Schritt.“

Chamberlain lässt sich von diesem guten, jungen Deutschen, der in Oxford studiert hat und ein Freund Legats ist, jedoch nicht überreden. Realpolitik oder politische Realität – das ist für ihn nicht die Frage. Jeder, der an dem Abkommen beteiligt ist, muss eine Entscheidung treffen. Die von Chamberlain steht fest. Auch der Verlauf des Treffens mit Hitler in dessen Privatwohnung bestärkt den Premier darin, auf dem richtigen Kurs zu sein. „Mein Ziel ist klar: kurzfristig einen Krieg verhindern und dann versuchen, dauerhaften Frieden für die Zukunft zu schaffen – Stück für Stück, für einen Monat, für einen Tag, wenn nötig.“ Heute, mit dem historischen Abstand, wissen wir, dass dies ein ehrenwertes Ziel war, aber Wunschdenken blieb. Mit katastrophalen Folgen für Europa und die Menschheit.

Robert Harris, der Evelyn Waugh und Graham Greene zu seinen Vorbildern zählt, zeigt mit „München“ erneut, dass er ein Meister des perfekt konstruierten Polit-Thrillers ist. Seine Sprache ist klar und luzide, die Charakterzeichnungen überzeugen genauso wie die Handlungsführung. Verständlich, dass sich seine Bücher auch in den gebildeten Kreisen wachsender Beliebtheit erfreuen.

Er ist ein Meister seines Faches, ein psychologischer Deuter politischer Machtstreitereien und Konflikte in guter Shakespearescher Tradition. Britisch, bodenständig. Zumal die Themen seiner Bücher stets in einem geheimnisvollen Zusammenhang mit der gegenwärtigen Weltpolitik stehen; als hätte der frühere Journalist und Herausgeber ein besonderes Sensorium für die Ängste und Bedrohungen unserer Zeit. Zurückgezogen auf dem Land lebend veranschaulicht Robert Harris sie im Spiegel der Literatur. Tiefenschärfe und Spannung sind garantiert. Bildung und Unterhaltung ebenso.

Robert Harris: München.
Heyne Verlag, München 2017, 431 Seiten, ISBN 978-3-453-27143-2, EUR 22,–

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