Martin Walser: Sehnsucht eines langen Lebens

Im Gespräch mit seinem Sohn liefert Martin Walser eine Autobiografie zwischen den Zeilen. Von Ilka Scheidgen
Martin Walser, Schriftsteller
Foto: dpa | Der Schriftsteller kann auf ein langes Leben und zahlreiche Publikationen zurückblicken.

Das Leben wortwörtlich“ – der Titel des neuen Walserbuchs – ist eigentlich eine contradictio in adiecto, etwas, was sich selbst widerspricht – und dann doch vielleicht genau das, was beabsichtigt ist. Der bestimmte Artikel will nicht zum Adjektiv passen. Ist nicht Leben etwas, was sich gar nicht wortwörtlich ausloten, beschreiben lässt?

Es handelt sich, wie der Untertitel besagt, um „ein Gespräch“. Die Protagonisten sind auf dem Cover mit Fotos porträtiert: Martin Walser, der neunzigjährige Schriftsteller und Jakob Augstein (51), Verleger, Journalist, Kolumnist und – Sohn. „Wir ertasten, worüber wir sprechen können.“ Und das haben sie getan, Vater und Sohn, über ein Jahr lang. Herausgekommen ist ein sorgfältig geplantes, kunstvoll komponiertes Werk, das die wichtigsten Lebensthemen Martin Walsers in zwölf Kapiteln Revue passieren lässt. Vieles, das meiste, ist Walser-Lesern bekannt aus seinem umfangreichen Oeuvre, seinen Tagebüchern, Essays und Romanen, in denen ja immer auch ihr Schöpfer selbst erkennbar ist.

Wie Walser es immer wieder selbst sagt, „jeder Roman ist ein Sachbuch. Ein Sachbuch der Seele“ oder „Jeder Roman ist eine Autobiographie, ein Selbstporträt des Autors zum Zeitpunkt des Schreibens“. Eine eigentliche Autobiographie hat er aber nie schreiben wollen, denn – so sagt er im ersten Kapitel, dem Einleitungstext „Über dieses Buch“, diese würde „zu einer mir unangenehmen Art von Lüge“ führen, wohingegen die Lüge im Roman „eine Variation der Wahrheit“ sei. Das ist also die Intention dieses Buches, im Gespräch eine Art (Auto)-Biographie zu produzieren, nicht über den Sohn, sondern über den Vater Martin Walser, der von seinem Sohn chronologisch zu seinem Leben und Wirken befragt wird. Und wo immer auch ihrer beider Verhältnis zueinander berührt wird, mahnt Walser: „Es geht dabei einzig und allein um das Gelingen des Ausdrucks. Je weniger der Ausdruck gelingt, desto mehr würde unser Sprechen zur Indiskretion tendieren.“ Und er erklärt gleich zu Anfang, wie er sich den Ablauf der Gespräche vorstellt: „Jedes Buch ist ein Abenteuer. Dieses hier stelle ich mir wie ein Gespräch vor, das wir in einem kleinen Saal miteinander führen… da bin ich jeweils imstande, so zu reagieren, dass die Leute das Gefühl haben, sie erfahren etwas, was sie sonst nicht erfahren… Dann bin ich lebendig“.

Natürlich ist das Buch nicht irgendein Vater-Sohn-Gesprächsbuch. Es ist nicht unwesentlich, dass diese beiden erst recht spät in ihrem Leben von ihrer beider Verwandtschaft erfahren haben, erst nach dem Tode von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein. 2005 haben sich die beiden zum ersten Mal in einem Münchner Hotel getroffen. Eine schwierige Annäherung. „Ja, Jakob, wir waren beide zu alt.“ Seinen eigenartigen Reiz bezieht das Buch aus der Mischung von Distanz und Nähe, aus dem journalistischen Handwerk des fragenden Jakob Augstein und seinem persönlichen, mehr privatem Wissen-Wollen, hier auch speziell die Sohn-Vater-Fragen der Generation der Nachgeborenen: Wie das war mit dem Nationalsozialismus und dem Krieg und dem „Wissen um Auschwitz“? Jakob Augstein befragt seinen Vater über dessen Kindheit in Wasserburg, über Walsers Mutter, die nach dem frühen Tod des eher geschäftsuntüchtigen Vaters, eines theosophisch und literarisch interessierten Mannes, allein und auch mit Hilfe ihrer Söhne eine Gastwirtschaft und Kohlenhandlung führen musste. Natürlich über das Schreiben, diesen „Entblößungsverbergungsvorgang“. Besonders bei diesem Thema spielen sich die beiden die Bälle zu, dass es eine wahre Leselust bereitet. Augstein kennt sich gut aus in Walsers Werk, füttert ihn mit Zitaten, was diesem sichtlich behagt. Und Walser erzählt über seine Kafka-Begeisterung, seine Schreibanfänge, die Gruppe 47, Freundschaften zu anderen Schriftstellern wie Uwe Johnson und Günter Grass und den Verleger Siegfried Unseld, seine Fehde mit Marcel Reich-Ranicki – „Ich habe mir 25 Jahre lang die Abhängigkeit von Reich-Ranicki gefallen lassen, und dann habe ich Tod eines Kritikers geschrieben“, was ihm bekanntlich den Vorwurf des Antisemitismus eintrug; ebenso seine Paulskirchenrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, die er in dieser Form heute bedauert, weil sie zu Missverständnissen geführt habe, er hätte Auschwitz nicht zu einem essayistischen Thema machen sollen. „Mir ist Antisemitismus fremd“, konstatiert Walser klar und unmissverständlich. Und niemals käme er auf den Gedanken, die Schuld der Deutschen an der Vernichtung der Juden zu leugnen.

Das Kapitel „Über Religion“ bildet quasi den Höhepunkt des ganzen Buches, ist es doch zugleich der Abschluss der, wenn man so will „wortwörtlichen“ Gespräche. Denn das 12. Kapitel „Über uns“ hat als Gespräch gar nicht stattgefunden und heißt deshalb bezeichnenderweise „Was wir verschweigen“. Jakob Augstein hat es allein geschrieben und seinem Vater zur Autorisierung vorgelegt.

Dieses 11. Kapitel ist überschrieben mit einem bekannten Walser-Ausspruch: „Ohne Gott fehlt mir etwas“. Und wie schon an vielen anderen Stellen in seinen vielen, vielen Büchern beschreibt er seine Bedürftigkeit, seine Hoffnung, seine Sehnsucht nach diesem uns letztlich „unbekannten Gott“ und zitiert aus dem Gedächtnis einen Satz von Luther, der ihm gefallen hat, der ganz seinem eigenen Denken und Fühlen entspricht: „Wenn die Sehnsucht groß genug ist, schmeckt sie manchmal nach Erfüllung.“ Und meint dazu: „Jakob, es ist doch beinahe alles, was schön ist in unserer Denkgeschichte, in unserer Gefühlsgeschichte, von der Religion geprägt.“ Für Walser ist es deshalb unverständlich, „wie man gegen den Horizont, auf den hin alles entstanden ist, ausrufen will: Gott gibt es nicht“. G. nämlich, so schreibt Walser an anderer Stelle „wäre das reinste Wort, das es gibt. Die pure Wortwörtlichkeit. Das vollkommene Sprachwesen. Das Sprachliche schlechthin. In G. käme also die Sprache zu sich selbst.“ Kennt man diese Walserschen Gedanken, ahnt man, was mit dem Titel gemeint sein muss.

Martin Walser/Jakob Augstein:
Das Leben wortwörtlich. Ein Gespräch.
Rowohlt Verlag, Reinbek 2017, 352 Seiten, ISBN 978-3-498-00680-8, EUR 19,95

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