Vallendar

Ade Stuhlkreise!

Lesen als interaktives Erlebnis: Eine Alternative zum pastoralen Mainstream aus der Schönstattbewegung.

Schönstatt-Heiligtum in Vallendar
Vom Gnadenort in Schönstatt aus gehen Unzählige mit missionarischem Schwung in die Welt. Foto: Symbolbild: KNA

Zu Beginn der Lektüre wird der Leser gewarnt: „Wenn Sie Tipps für Strukturplanungen suchen, dann stellen Sie dieses Buch gleich wieder ins Regal. Es wird Ihnen nicht helfen.“ Gefragt sei der Glaube daran, dass Gott auch heute noch seine Geschichte mit den Menschen weiterschreibt. Der erforderte Strukturwandel sei gleichzeitig ein geistlicher Prozess, in dem der Glaube aller Akteure gefragt sei.

Das Buch stellt das Zwischenergebnis eines Prozesses von mittlerweile fünfzehn Jahren dar. Es ist aus dem Leben heraus entstanden und soll Impulse für das Leben geben. Die Leser werden aktiv einbezogen. Sie können über eine Website Änderungen vorschlagen, Erfahrungen mitteilen und persönlich Kontakt zu den Verantwortlichen aufnehmen.

Einen geistlichen Weg miteinander gehen

Achtzehn Autoren und Autorinnen, alle in der Seelsorge erfahren, haben „reflektierte Zeugnisse“ beigetragen, die sie nicht als „Expertenwissen“ verstanden haben wollen, sondern als Anregung und Beispiele für ihr Projekt, einen geistlichen Weg miteinander zu gehen und so Zukunftsperspektiven für Gemeinden, Gemeinschaften, Gruppen, Gremien, Familien und Einzelpersonen zu eröffnen. Dabei sind Organisatorisches und Geistliches, Gottes Handeln und menschliches Beten, Denken und Entscheiden, Natur und Gnade eng miteinander verknüpft.

Und genau dieser theologische Ausgangspunkt, der ja auch zu kritischen Nachfragen einlädt, wird gründlich reflektiert. Dabei geben die Autoren auch Rechenschaft über die Herkunft des Projektes aus der Schönstatt-Bewegung, wobei sie betonen, dass es zwar aus deren Spiritualität herausgewachsen ist, sich aber sozusagen verselbstständigt hat und so von dieser Herkunft unabhängig prinzipiell von allen Gruppen weitergeführt werden kann.

In der Tat findet man sehr viele originär schönstättische Gedanken in den theologischen Reflexionen. Es ist erfreulich, wie diese fruchtbar gemacht werden für kirchliche Gruppenprozesse. In einer angenehm normalen Sprache ohne Theologenslang werden zentrale Erkenntnisse Josef Kentenichs wie beispielsweise der Bindungsorganismus oder das Deuten von Zeitstimmen vorgestellt.

Konkrete Beispiele bis hin zu didaktischen Vorschlägen

Die Verfasser greifen daneben auch tief in die Gedankenwelt der verschiedensten spirituellen Ansätze. Ordensgründer wie Ignatius, Theologen aller Couleur und geisteswissenschaftliche Ansätze der Gegenwart kommen zu Wort, in dem Bemühen, ihren jeweiligen Ansatz zu verorten und zu erklären und für die Pastoral am Puls fruchtbar zu machen. Dabei ist der Ausgangspunkt nie eine Theorie, sondern immer das Leben, und die Theorie wird anschließend auf ihre Hilfen zum Leben hin befragt. Es handelt sich also um die induktive Methode, die die Autoren auch in den biblischen Erzählungen wiederfinden.

Der Weg der Kirche wird grundsätzlich als Prozess verstanden. Wie die Apostelgeschichte den Prozess der ersten Christen schildert, so schreiben Menschen den Weg der Christen mit ihrem Leben weiter. Wie das geht, dazu finden sich in dem Buch viele konkrete Beispiele bis hin zu didaktischen Vorschlägen.

„Alle unsere Geschichten sind zutiefst seine (Gottes, A.d.R.) Geschichte mit uns.“

Die Autoren haben gute Erfahrungen mit Medien gemacht, die mit den Händen greifbar sind. Die antike Schriftrolle wird in ihren Prozessen zu neuem Leben erweckt und bekommt eine zentrale Rolle: Sie dient dazu, Erfahrungen aus dem Leben festzuhalten, die dann mit Symbolen gedeutet werden können. Diese Schriftrolle kann über einen längeren Zeitraum einen Prozess begleiten und versinnbildlichen. Dabei zeigt sich der „basisdemokratische“ Ansatz: Jede Äußerung, jedes Wort und jedes Bild auf der Schriftrolle hat das gleiche Gewicht und wird gehört und gesehen. Hintergrund ist die Überzeugung: „Alle unsere Geschichten sind zutiefst seine (Gottes, A.d.R.) Geschichte mit uns.“

Gruppen können dann gemeinsam überlegen: Wo hat Wachstum stattgefunden, wo werden die Herzen berührt, wo geht es weiter und wo auch nicht, was will der Herr jetzt von uns für einen konkreten Schritt auf dem Weg mit ihm? In Klausurtagungen kann diese Schriftrolle zum ständigen Begleiter des Gruppenprozesses werden, die man immer wieder hervorholen kann und weiterschreiben kann.

Der persönliche Glaube der in der Seelsorge Verantwortlichen ist dabei zentral, wenn es um authentische Leitung von Gruppenprozessen und Gemeindeentwicklungen geht.

25 Thesen zum Handeln Gottes

Das Buch ist in acht Teile und 33 Texte gegliedert. Es finden sich sehr unterschiedliche Texte, wobei die Herausgeber nicht alles geglättet haben, sodass sich Wiederholungen und unterschiedliche Stile finden. Es werden die theologischen und spirituellen Hintergründe beleuchtet, Bausteine der Praxis vorgestellt, die Haltungen der Akteure werden bedacht, praktische Hinweise zur Gestaltung einer Schriftrolle und von der Arbeit in den verschiedensten Gruppen werden vorgestellt.

Ein Herzstück des Buches ist der Abschnitt, in dem Kurt Faulhaber 25 Thesen zum Handeln Gottes vorstellt, die die bei den Verantwortlichen der „Pastoral am Puls“ zentralen Gedanken für ihr Projekt darstellen. Auch schwierige Fragen wie die nach dem Zusammengehen von Glauben und Leid werden nicht ausgespart. Die ökumenische Perspektive und der Blick auf Ordenstraditionen weiten den Blickwinkel. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis und der Hinweis auf Mitgestaltungsmöglichkeiten und Kontakte runden dieses Werk ab. Man wünscht dem Projekt einen weiten Wirkungskreis. Die mutigen Thesen wären in der aktuellen Situation der Kirche in Deutschland eine Perspektive für die anstehenden Diskurse.

Michael Gerber/Hubertus Brantzen/Kurt Faulhaber/Bernard J. Schmit (Hg.): Pastoral am Puls. Glaubenswege gehen – geistliche Prozesse leiten. Herder, Freiburg 2019, 192 Seiten, EUR 20,-

www.pastoral-am-puls.de

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