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Altruistische Leihmutterschaft ist naiv

Die unabhängige, gut gebildete, erfolgreiche Leihmutter ist eine rechtliche Konstruktion und geht an der Realität vorbei, meint Marco Bonacker.
Eine schwangere Frau
Foto: Ute Grabowsky/photothek.net via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Auch hinter der "altruistischen" Leihmutterschaft versteckt sich die Idee von der Schwangerschaft als Dienstleistung und dem Kind als Ware.

Die von der Bundesregierung eingesetzte „Kommission für reproduktive Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin“ hat Mitte April ihren Abschlussbericht vorgelegt. Besorgniserregend sind vor allem die Einlassungen zur weiteren Liberalisierung der Abtreibung.

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Doch auch die Themen von Eizellspende und Leihmutterschaft wurden in einer zweiten Arbeitsgruppe behandelt. Auch wenn die Schlussfolgerungen gerade für die Leihmutterschaft vorsichtiger ausfallen, öffnet die Kommission den Diskurs für eine Aufweichung der in Deutschland bisher verbotenen Praxis.

Einfallstor für wirtschaftliche Interessen

Zwar zeugt der Bericht davon, dass die Gefahren von Menschenrechtsverletzungen und weiterer ethischer Probleme der Kommission auch im sogenannten altruistischen Modell sehr bewusst sind.  Trotzdem sieht die Kommission Möglichkeiten der Zulassung, wenn bestimmte Parameter gegeben sind (bestehendes freundschaft- oder verwandtschaftliches Verhältnis oder in anderen Fällen die Absicht, dass es zu einer über die Geburt des Kindes hinausreichenden Beziehung zwischen den Beteiligten kommt). Gerade letzteres ist offensichtlich Einfallstor für handfeste wirtschaftliche Interessen, wie sie auf dem internationalen Markt der Leihmutterschaft schon heute in bedrängendem Ausmaß bestehen – zulasten benachteiligter Frauen und der entstehenden Kinder gleichermaßen.

Die Kommission zählt elf Bedingungen auf, die im Falle einer gesetzlichen Regelung der altruistischen Leihmutterschaft gelten müssten. Die letzte betrifft „eine angemessene Aufwandsentschädigung für die Leihmutter, die nicht nur die tatsächlichen finanziellen Aufwendungen (ggfs. auch für eine Krankenversicherung) und konkreten Erwerbseinbußen, sondern auch die körperlichen und psychischen Belastungen berücksichtigt“. Auch das altruistische Leihmutterschaftsmodell kommt also nicht ohne finanzielle Festlegungen aus, die, sollte es gesetzlich geregelt werden, konkret beziffert werden müssten. Wie viel ist eine Schwangerschaft und Geburt wohl wert? Altruismus im Sinne eines selbstlosen Aktes ist dies schon nicht mehr. Die Grenzen zwischen echtem Altruismus und kommerziellen, asymmetrischen Motiven, von finanzieller Not und Abhängigkeit sind ohnehin fließend und nicht gesetzlich regelbar.

An der Realität vorbei

Die finanziell und psychosozial unabhängige, gut gebildete, beruflich erfolgreiche Leihmutter ist lediglich eine rechtliche Konstruktion und geht an der bereits gelebten Realität völlig vorbei. Hinzu kommt das in fast allen medizinethischen Debatten einschlägige Dammbruchargument. Denn jede Form von Freigabe vermittelt doch die falsche Grundaussage: „Du hast ein Recht auf ein Kind.“ Die Logik der „reproduktiven Selbstbestimmung“ mit all ihren Widersprüchen erzeugt am Ende einen Kommerzialisierungsdruck und eine Marktsituation, die nicht nur potenziell die Würde des Menschen infrage stellt, sondern ihn tatsächlich zum reinen Mittel der Wunscherfüllung Dritter degradiert. Der Gesetzgeber wäre klug beraten, wenn er allen Formen der Leihmutterschaft in Deutschland auch weiterhin eine klare Absage erteilt.


Der Autor ist Leiter der Abteilung Bildung und Kultur im Bischöflichen Generalvikariat Fulda.

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