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Gottheit, tief verborgen

Lässt sich philosophisch etwas zu Jesu Christi Auferstehung aus dem Tod sagen? Von Jörg Splett

Nicht anzusetzen wäre bei der Neubelebung des Lazarus. Dessen Seele wird in den verlassenen Leib zurückgerufen. Jesus stirbt am Kreuz – und aufersteht dann nicht etwa erst am dritten Tage, sondern am Kreuz und von ihm aus in die Arme des Vaters hinein.

Jahrzehntelang war in der Einheitsübersetzung (zu der ich mir jetzt jede Stellungnahme verbiete) über seinen Tod (Joh 19,30) zu lesen: „gab seinen Geist auf“ – wie eine zerfallende Waschmaschine. Eine ganze Kommission hat so wiedergegeben, was im Grundtext hieß: griechisch „parédo-ken“, lateinisch „tradidit“ = übergab: überlieferte. Den Geist. Sollte er nun bei diesem vorpfingstlichen Geschehen den Heiligen Geist aus dem Totenreich (gar aus der Hölle) uns gesandt haben? Dem reuigen Schächer hatte er versprochen (Luk 23,43): „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Paradies hat bei Dante eine doppelte Bedeutung: Einmal ist das irdische Paradies gemeint, auf der Gipfelfläche des Läuterungsberges gelegen. Sodann meint der Ausdruck den Schauplatz von Dantes drittem Buch: die himmlischen Gefilde. – Früher war durchgängig von mittelalterlicher Leibabwertung und -feindschaft die Rede. Nach Dante aber hat die Seele „einen so unbedingten Willen, sich zu verleiben, dass sie für die Zeit, während welcher sie auf die Auferstehung wartet, einen Zwischenleib bildet, ihrer Gesinnung, ihrem individuellen Wesen, ihrem christlich geschichtlichen Schicksal entsprechend; fähig, zu reden, sich zu bewegen, zu leiden. Und zwar verdichten sich die verlorenen und die büßenden Seelen diesen Leib aus Luft; die seligen wohl aus Licht.“

Jesus Christus aber hat es nicht nötig, sich einen Zwischenleib zu bauen; er hat – als Erster der Erstandenen – schon seinen endgültigen Leib erhalten, mit dem er durch Türen und Mauern gehen, blitzartig von hier nach dort wechseln, offenbar sogar an zwei verschiedenen Orten gleichzeitig sein kann. – Philosophisch wäre meines Erachtens sogar zu vertreten, es sei nicht auszuschließen, dass man irgendwann auf Überreste seines alten irdischen Leibes träfe.

Verborgen begegnet uns dieser ewige Leib in der Eucharistie. Dazu wäre ein Gebet zu meditieren, das zu meinen Lieblingsgebeten gehört und das man wohl zu Recht dem heiligen Thomas von Aquin zuschreibt: „Gottheit, tief verborgen“ (im Gotteslob früher 546, jetzt 487). Ich finde es nicht ganz vollkommen: In der fünften Strophe wechselt Thomas aus der Anbetung in eine Meditation über das Geschehen; und in der sechsten Strophe ist von Blutstropfen die Rede, als ob Leid und Schmerz und Blut als solche sühnen würden – anstatt der Liebe, die vor Leid und Schmerz und Tod nicht zurückschreckt.

In der letzten Strophe wird dann wieder Jesus selbst angesprochen, voller Sehnsucht nach seiner Herrlichkeit. Vom Dank für diese ist im Gloria die Rede, während in früheren Fassungen nur von Barmherzigkeit gesprochen wurde. Bei der Barmherzigkeit haben wir vor allem uns selbst im Sinn. Nicht so in der selbstvergessenen Anbetung seiner.

Darauf bezieht sich nochmals Guardini: „Wie kann man so sprechen? Danken kann man doch nur für das, was einer tut – soll man danken für das, was einer ist? Die Worte treffen aber genau, was wir hier meinen. Dass Gott ist, und was er ist, bedeutet keine bloße Notwendigkeit oder Tatsache, sondern eine Huld. Es ist wirklich so: wir dürfen ihm dafür danken, dass es ihn gibt.“

Darum finde ich es schade, dass in der Fastenzeit wie im Advent das Gloria ausfällt.

„Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht, stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht; lass die Schleier fallen einst in deinem Licht, dass ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.“

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Christi Auferstehung Jesus Christus Meditation Thomas von Aquin Tod und Trauer

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