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Glaubwürdig oder nicht?

Sind die biblischen Berichte und sind vor allem die Zeugen des leeren Grabes glaubwürdig? Der Exeget Klaus Berger beantwortet kritische Anfragen
Filmszene: Hollywood-Film „Son of God“
Foto: 20th Century Fox | In der Bibel wie auch im Hollywood-Film „Son of God“ begegnet der Auferstandene den Jüngern. Dem Apostel Thomas zeigt Jesus als Beweis seine Wundmale.

Kann es für Auferstehung überhaupt Zeugen geben, denn Auferweckung Toter ist doch Gottes Eingreifen in die Welt? Konnte überhaupt jemand sehen, wie Jesus im Grab erwachte?

Kein Text des Neuen Testaments schildert den Vorgang der Auferstehung Jesu selbst. Das geschieht erst im außerhalb des Kanons stehenden Petrus-Evangelium um 80 nach Christus. Im Neuen Testament selbst gibt es nur Berichte über das leere Grab oder Erscheinungen des Auferstandenen. Wir zählen da inklusive Paulus rund 20 Texte.

Gibt es persönliche, von den Zeugen selbst aufgeschriebene Berichte, wo jemand sagt: Ich habe Jesus auferstanden gesehen?

Das ist nur bei Paulus der Fall (1 Kor 15).

Und die anderen Texte?

Die sogenannte kritische Forschung hat sie alle vom Tisch gewischt. Bestenfalls noch Petrus hat man eine Erstvision zugestanden. Die anderen Berichte gelten als peinliche, groteske, makabre Legenden, die insgesamt „apologetisch“ seien. Das heißt: Mit ungeeigneten Mitteln habe man die Auferstehung Jesu beweisen wollen, zum Beispiel habe man die leibhaftige Auferstehung Jesu erweisen wollen, indem man Berichte darüber erdichtete, dass er essen und trinken konnte. Ebenso sollte demnach die Legende vom leeren Grab beweisen, dass Jesus physisch auferstanden sei. Dazu gehöre auch der „ungläubige Thomas“ nach Joh 20, der seine Hand in die offene Seite Jesu habe legen sollen. Alles das aber sei reine Erfindung.

Was meint die Auskunft der Forschung bis heute, die Auferstehung Jesu sei kein historisches Ereignis?

Man meint damit: Die Welt ist ein geschlossenes Universum, in dem ein von außen her kommender Gott überhaupt nichts ausrichten kann. Jesus sei nach seinem Tod irgendwie in Gott aufgegangen, aber keineswegs sichtbar auferweckt worden. Das sei nämlich auch gar nicht möglich. Das alles nach dem Motto: Die Bibel ist ein Märchenbuch. Die Jünger hätten sich nach der Kreuzigung Jesu die Sache noch einmal überlegt oder frömmer formuliert: In ihren Herzen sei der Glaube entstanden, Gott habe Jesus auferweckt. Weitere Beweise zu suchen, sei naiv und unanständig, weil der Glaube eben das reine Dennoch sei, und alle Beweise seien wie Krücken und passten zum reinen Glauben so wenig wie gute Werke zur Rechtfertigung. Man sieht hier, wie eine bestimmte Form lutherischer Rechtfertigungslehre nun auch auf die Bedeutung historischer Daten für den Glauben ausgeweitet wurde.

Aber ist der Leichnam Jesu nicht einfach von wohlmeinenden Jüngern Jesu aus dem Grab gestohlen worden?

Diesen Zweifel hat schon Maria Magdalena nach Joh 20. Aber selbst wenn das so wäre, stünde doch auf jeden Fall fest, dass das Grab Jesu leer war. Das wird auch nach Mt 28 vorausgesetzt, wo die Grabeswächter behaupten, während sie schliefen, sei Jesus gestohlen worden. Abgesehen davon, dass ein schlafender Mensch kein glaubwürdiger Zeuge ist, geht es doch auf jeden Fall um einen wenn auch verzweifelten Versuch, das leere Grab zu erklären.

Aber ist Jesus nicht doch in einem Massengrab bestattet worden?

Die Evangelien berichten von zwei Gruppen von Zeuginnen, die das leere Grab Jesu kannten, einmal bei Jesu Begräbnis und zum anderen am Ostermorgen. In beiden Gruppen ist Maria Magdalena dabei.

Aber das waren in beiden Fällen Frauen, deren Zeugnis ja nicht viel galt „wegen der Leichtgläubigkeit ihres Geschlechts“, wie der jüdische Historiker Flavius Josephus (1. Jh. n. Chr.) berichtet. Wie konnte sich die Gemeinde nur auf ein so wackeliges Zeugnis stützen?

Die Forschung glaubt hier nur der chauvinistischen Privatmeinung des Josephus. Biblisch ist sie nicht. Denn in der Bibel heißt es, dass zwei oder drei Zeugen nötig sind, von Männern oder Frauen steht in 5 Mose 19 nichts. In den beiden Berichten über das leere Grab Jesu werden je Zeuginnen genannt. Um ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören, müssen wir uns nicht an Josephus klammern. Außerdem gibt es nach dem Johannesevangelium den Lieblingsjünger, der unter dem Kreuz stand und am Ostermorgen mit Petrus zum Grab eilt. Dass er ausgerechnet beim Begräbnis Jesu „wegen anderer Verpflichtungen“ weggegangen sei, ist nicht glaubhaft, es sei denn, man bezweifelt auch seine historische Existenz überhaupt. Auch dafür gibt es genügend zahlreiche Fachkollegen, weil er namenlos ist. Aber die Wiedergabe „der Jünger, den der Herr liebte“, ist doch nur eine Übersetzung von Johannes. Die Frage ist aber hauptsächlich, ob wir dem bei Flavius Josephus ideologisch begründeten Misstrauen gegenüber dem Zeugnis von Frauen ebenso misstrauen wie er und seine gläubigen Nachahmer unter den Exegeten.

Was ist von den „500 Brüdern auf einmal“ zu halten?

Sonst kennen wir so große Menschenmengen von Speisungsberichten. Geht es um eine sehr frühe nachösterliche Messfeier im Freien mit visionärer Realpräsenz des Herrn?

Gibt es sonst keine Spuren außer den Worten der Zeugen?

Später werden vor allem das Turiner Grabtuch und das Schweißtuch von Manoppello als authentische Reliquien verehrt. – Sie sind Zeugnisse für die Auferstehung, weil sich der Auferstandene von ihnen getrennt haben muss. Ganz gleich, wie es um die Echtheit im Einzelnen steht, die schlichte Tatsache der Verehrung dieser Zeugnisse sagt etwas über die Eigenart des Glaubens an den Auferstandenen: Er ist wahrhaft, und das heißt: leibhaftig, auferstanden

Und die in Joh 20 erwähnten Tücher werden schon in HebrEv K.4 genannt: Nachdem der Herr sein Schweißtuch dem Sklaven des Hohenpriesters gegeben hatte, ging er zu Jakobus und erschien ihm. Denn Jakobus hatte geschworen: „Von dem Tage an, seit ich von dem Kelch des Herrn getrunken habe, esse ich kein Stück Brot, bis ich sehe, dass er von den Toten auferstanden ist“ (Hieronymus, Vir Illustr 2). Dass der Herr nach der Auferstehung einem jedenfalls wohl nicht-christlichen (und damit neutralen oder sogar feindlichen) Zeugen das Schweißtuch aushändigte, ist hier offenbar der Tatsachenbeweis für die Auferstehung. Was auch immer davon historisch ist, der Text zeigt jedenfalls die Rolle dieses Tuches als Beweisstück für die Auferstehung Jesu. Und das ist auch die vornehmste Funktion dieses Tuches oder ähnlicher Tücher in der Geschichte der Kirche.

Kann man bei aller gebotenen Zurückhaltung nicht doch etwas sagen über die Leiblichkeit des Auferstandenen?

Schon allein deshalb, weil für das Judentum Geist ohne Leib nicht vorstellbar ist, sollte man öfter über diese Frage nachdenken. Das unerträglich Schlimmste ist für jüdische Auffassung von Mensch und Welt ein Totengeist, ein Gespenst ohne Substanz, das andere in seine Nichtigkeit hineinzieht. Alles liegt daran, dass der erscheinende Jesus so ein Totengeist nicht ist. Damit das sichergestellt ist, muss er essen können, einen Leib haben, der verwundbar war (Thomas sieht deshalb die Wundmale), denn ein bloßer Geist ist unverletzlich. Dass diese Züge betont werden, ist daher nicht irgendeine billige Apologetik, sondern die sehr wesentliche Unterscheidung von Leben und Tod. Andererseits ist der Leib des Auferstandenen nicht an Grenzen und Beschränkungen von Raum und Zeit gebunden. Er kann durch Türen gehen und plötzlich gewissermaßen ohne Abschied verschwinden. Denn auch der Leib Jesu vor Ostern war durch den Heiligen Geist entstanden. Mit diesem Leib kann er Wunder wirken und verklärt werden. Und da er durch den Heiligen Geist geworden ist, kann er Dämonen bezwingen und ist selbst immun gegen sie; und wer das Gegenteil behauptet, dass nämlich Jesus selbst von einem bösen Geist besessen sei, der begeht eine Sünde gegen den Heiligen Geist. Er teilt mit dem Leib schon des vorösterlichen Jesus, dass er über Böses hinweggehen kann und dass Engel ihm dienen. Der Auferstandene kann als Auferstandener mit seinem Leib bei den Jüngern sein bis ans Ende der Welt. Vieles davon würde man heute „Ausstrahlung“ (Wirkung charismatischer Kraft) nennen, anderes aber die siegreiche Präsenz Gottes. Auch die wirkliche leibhaftige unteilbare Gegenwart Jesu in der Eucharistie gehört dazu.

Fazit: Nicht nur die Auferstehung gibt es nur leiblich. Auch schon die Menschwerdung gibt es nie ohne die geistgewirkte Verwandlung der Leiblichkeit. Die Auferstehung vollendet nur das leibhaftige Ergriffenwerden durch Gottes Reich und Geist.

Papst Benedikt XVI. war nicht der einzige, der den Berichten des JohEv über Passion und Auferstehung Jesu eine höchstmögliche Glaubwürdigkeit zuschrieb. Welche Gründe gibt es dafür?

Johannes hat die besondere Rolle des Petrus in seinem Bericht bewahrt, die sich so ausdrücklich in dem sehr frühen Text 1 Kor 15,5 und in Lk 14,12 findet. Auch die Rolle der hl. Maria Magdalena tritt in Joh 20 klar hervor. Die anderen Frauen sind (noch) nicht in ihrer Begleitung. Dass sie im Johannes-Evangelium sekundär entfallen wären, kann man sich nicht vorstellen.

Schließlich hat Johannes den Zusammenhang zwischen Ostervision und Amt in Kapitel 21 ausführlich dargestellt. Dadurch werden andere Berichte überhaupt erst verständlich.

Schon Paulus behauptet, Jesu Auferstehung am dritten Tag sei „gemäß der Schrift“. Doch nirgendwo im Alten Testament steht geschrieben, das der Messias oder Sohn Gottes leiden, sterben und auferstehen wird. Klafft da nicht eine große und unnötige Lücke in der Glaubwürdigkeit? Hätte die frühe Gemeinde derlei Aussagen nicht lieber fallen lassen sollen?

Die Bindung des Frühjudentums an die Offenbarung geschieht nachweislich nicht als Kollektion aufgespießter Bibelzitate, so wie man früher Insekten sammelte. Vor dem 1. Jahrhundert v. Chr. geht es kaum um Einzelzitate, sondern um ein Gesamtverständnis, das immer wieder beschworen wird: Auf Sünde, Ungehorsam und Prophetenmord folgen Leiden, Strafe, Exil. Oder etwas anders: Die Abfolge von Strafe und Herrlichkeit, das Böse am Ende, Einzelfiguren wie Elias, Messias, „der Prophet“, Erlösung Israels (neuer Tempel). Aber nach Leiden und Strafe wird sich Gott mit seinem Volk versöhnen. Im Geschick Jesu, des Menschensohnes nach Dan 7, findet sich das nur konzentriert auf eine Person, in einem einzigen gesegneten Kreuzweg.

Welchen methodischen Sinn kann man in dem hier vorgeführten Spiel von Frage und Antwort sehen?

Viele Zweifel entstehen dadurch, dass wir die Fremdheit der biblischen Weise, Wirklichkeit zu erleben, nicht wahrhaben wollen. Da geht es dann aber nicht mehr nur um Einzelfragen, sondern um die grundsätzliche Bereitschaft, unseren Verstand weit werden zu lassen (Benedikt XVI.) für die Wirklichkeit Gottes, des Himmels und des Heiligen.

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