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Gefühlte Transidentität belastet Heranwachsende

Der sich ändernde Körper wird für viele heranwachsende Kinder zur Belastung.
Transperson mit amputierten Brüsten auf einem Pride-Marsch in den USA.
Foto: Robin Rayne Nelson (imago stock&people) | Transperson mit amputierten Brüsten auf einem Pride-Marsch in den USA.

Am Telefon meldet sich ein Vater. Seine Tochter, 16 Jahre alt, ist aufgrund eines Suizidversuchs in der Psychiatrie. Ihr Problem: Sie fühle seit Beginn der Pubertät, dass sie im falschen Körper geboren sei. Schon seit einiger Zeit sei sie in psychotherapeutischer Behandlung, doch nun sei das Leiden daran so unerträglich geworden, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wollte. Mit dieser Situation überfordert fragt der Vater, ob sie als Eltern einer Behandlung mit männlichen Hormonen zustimmen sollen. Der Psychotherapeut, von dem der Vater weiß, dass er sich selbst zur LGBTQ-Bewegung zählt, sieht darin die ultima ratio.

Vorwürfe gegen Eltern

Den Eltern wirft er vor, den Prozess unnötig hinauszuzögern. Ein dreiviertel Jahr später meldet sich der Vater wieder. Die Tochter hätte sich im Rahmen der Psychotherapie nun zu einer Mastektomie (chirurgische Entfernung des Brustgewebes) entschieden. Da sie nicht volljährig sei, braucht es die Unterschrift der Eltern. Aus Angst vor einem neuen Suizidversuch unterschreiben sie. Dann, nach der Brustentfernung, die Wende. Die Tochter findet zum christlichen Glauben und stellt ihre Entscheidung in Frage. Sie habe erkannt, sagt der Vater, dass sie aus einer Situation der Verwirrung entschieden habe. Als Konflikt benennt sie die Unzufriedenheit mit ihrem weiblichen Aussehen und die wachsende Distanz zu den Eltern. Eigentlich hätte sie sich eine größere Nähe gewünscht. Die Geschlechtsdysphorie war eine Möglichkeit, diese Distanz zu überwinden.

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Endlich hätten sich die Eltern zugewandt. Doch nach einem Monat wendet sich das Blatt erneut. Der Vater teilt mit, dass der Psychotherapeut die Entscheidung der Tochter in Frage stellt. Ihren christlichen Glauben versteht er als Versuch der Verdrängung. Die Tochter glaubt dem Therapeuten, der ihr prophezeit, dass ihr Empfinden, im falschen Körper geboren zu sein, nicht einfach so verschwinden werde. Die junge Frau fühlt sich innerlich zerrissen und lässt sich dann, nach ihren eigenen Worten trotz Zweifels, auf die zweite Operation ein: die Adnektomie (Entfernung der Eierstöcke). Nach der Operation wird ihr erst bewusst, dass sie nun lebenslang auf Hormone angewiesen ist. Sie bricht zusammen und stellt den ganzen Weg infrage, fühlt sich vom Therapeuten manipuliert, muss nun aber mit den Konsequenzen der Behandlung leben. Dennoch entscheidet sie sich zur Retransition. Sie will als Frau leben.

Häufiger Verlauf

Geschichten wie diese sind keine Seltenheit. Erzählt wird sie nicht, um das Leiden derjenigen zu schmälern, die von Geschlechtsdysphorie betroffen sind, sondern um Fragen zu stellen. Eine wichtige Frage stellt Sophinette Becker, die ihr Forscherleben der Geschlechtsidentität zugewandt und von 1989 bis 2011 in der Sexualmedizinischen Ambulanz Frankfurt gearbeitet hat. Sie hinterfragt in mehreren Wortmeldungen innerhalb der Sexualwissenschaft das „anything goes“ des Gendermainstreamings und kritisiert offen, dass heute diejenigen als transphob „gebrandmarkt“ werden, die sich in der Behandlung von Geschlechtsdysphorie nicht von den Geschlechtskonzepten der LGBTQ-Bewegung beeinflussen lassen. Sie fragt, warum die ätiologischen Theorien zur Transidentität und vor allem das psychodynamische Verstehen der affirmativen Begleitung als des einzig akzeptablen Behandlungswegs weichen mussten. Sie kritisiert auch, dass heute Begriffe der LGBTQ-Community die differenzierte, psychologische Sprache über Transidentität in den Behandlungsräumen ersetzen würden.

Transperson bei Demo in London
Foto: IMAGO/WIktor Szymanowicz (www.imago-images.de) | Transperson bei Demo in London

Dabei muss, so die Psychotherapeuten Alfred Walter und Ralf Binswanger, zwischen zwei verschiedenen Formen von Transidentität unterschieden werden. Eine, deren Leiden eher durch Transition begegnet werden kann, und eine andere, die Abwehrfunktionen oder Kompensationen von Konflikten beinhaltet. Da das Geschlechtserleben eines Menschen allerdings nicht so einfach in die eine oder andere Variante getrennt werden kann, muss, so Alfred Walter, in der Psychotherapie ein Entwicklungskorridor offen gehalten werden, der dem Jugendlichen ermöglicht, sein Leiden am eigenen Körper aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten.

Im Kontext der Familie

Im beschriebenen Fall gibt es für die perspektivische Beleuchtung zwei Ansatzpunkte: die Familiendynamik und die Unzufriedenheit mit dem weiblichen Körper. Von beidem spricht die junge Frau selbst. Aus familiendynamischer Perspektive muss immer gefragt werden, ob und welche Funktion die Transidentität im Kontext der Familie einnimmt. Aus der eigenen Beratungspraxis sind mir verschiedene mögliche Funktionen bekannt. So wählt ein junger Mann, der sich einer Familiendynamik gegenüber sieht, in der nur diejenigen mit großen Leiden Beachtung finden, den Weg in die Transidentität.

Nach einem zweijährigen Behandlungsweg, der die Familie in Aufruhr versetzt hatte, entscheidet er sich über Nacht wieder für sein biologisches Geschlecht. Eine andere junge Frau glaubt, im falschen Körper zu sein, weil sie sich von ihrem Vater abgelehnt fühlt. Unglücklicherweise kann sie den Konflikt nicht anders lösen als über den Weg einer Transition. Heute leidet sie an dieser Entscheidung. Da es für sie aber beschämend ist, den auslösenden Konflikt vor den Eltern zu offenbaren, sieht sie den Weg zur Retransition für sich versperrt. Und im hier besprochenen Fall erzählt die junge Frau später, dass sie an einer Distanz beziehungsweise an mangelnder Bindung in der Familie gelitten hatte.

Eine zweite Perspektive, die sich im genannten Fall befragen lässt, ist das Leiden am weiblichen Aussehen, was im von der jungen Frau durchlaufenen Behandlungskontext mit Leiden am biologischen Körper übersetzt wurde.

Vor allem die Entwicklungspsychologie und die allgemeine Psychologie, die sich mit der Entstehung des Körperbildes beschäftigt, weisen auf Schwierigkeiten bei der Aneignung des biologischen Körpers hin. Forschungen zeigen, dass bei Mädchen bereits am Ende des Grundschulalters die Vorstellung eines schlanken Körperideals vorherrscht. Mit dieser Hypothek belastet, treten Mädchen in die Adoleszenz ein, die mit der Pubertät, der biologischen Reifung, beginnt.

Leiden am veränderten Körper

Die Entwicklungspsychologie sieht den jungen Menschen nun vor die Aufgabe gestellt, seinen Körper neu zu bewohnen. Das ist für Mädchen schwieriger als für Jungen. Während Jungs nur bis zur mittleren Adoleszenz an ihrem Körperbild leiden, steigert sich das Leiden bei Mädchen bis ins frühe Erwachsenenalter. Der Grund dafür setzt sich aus unterschiedlichen Faktoren zusammen. Ein wesentlicher Faktor ist die starke körperliche Veränderung, die Frauen durchlaufen. Der Körperfettanteil nimmt bei ihnen im Laufe der Pubertät von 16 auf 27 Prozent zu. Allein das widerspricht ihrem schlanken Körperideal.

 

LGTBIQ+ Flagge
Foto: IMAGO/Guillermo Gutierrez Carrascal / SOPA Images (www.imago-images.de) | Ein Kind hält eine LGBT-Flagge bei einer Demo in Madrid.

Ein weiteres Leiden kann sich aus dem Wachstum der Brust ergeben, aus damit verbundenen Schmerzen und ungleich wachsenden Brüsten. Auch empfinden 33 Prozent der Mädchen die Regelblutung als unangenehm. Eine Untersuchung unter 1 100 Frauen weist sogar ein sechzigprozentiges Leiden aus. Neben dem Faktor Körper müssen dann soziale Prozesse benannt werden. Brennpunkt dieser Prozesse ist häufig die Frage der Attraktivität. So sind Mädchen mehr als Jungs körperbezogenen Bewertungsprozessen ausgesetzt. Die Beschämung des Körpers im Umfeld Schule oder der Peer Group führt bei Mädchen nachweisbar zu Depressionen und einem negativen Körperbezug. Mädchen, die sich dann noch aktiv auf Social Media Plattformen zeigen, leiden mehr an ihrem Körperbild, als solche, die das unterlassen. Auch frühe romantische Beziehungen wirken sich bei Mädchen auf das Körperbild aus. Sie werden depressiv und strengen sich mehr als andere an, dem Freund körperlich zu gefallen.

Frage der Begleitung

Das sind nur einige Zahlen und Fakten, die belegen, dass das Leiden am eigenen Körper und seine Aneignung vor allem in der Adoleszenz von Mädchen ein Problem darstellt.

Was, wenn wie Sophinette Becker fordert, die junge Frau nicht affirmativ behandelt, sondern von einem Therapeuten begleitet worden wäre, der diese Fakten in Dynamiken des Erlebens hätte übersetzen können und sie für die Begleitung fruchtbar gemacht hätte? Und: Was hätte im Leben der 16-Jährigen anders laufen können, wenn er den Fokus auf die Rolle der Transidentität im Familiensystem gerichtet hätte?

Info: kurz gefasst

Jugendliche erleben die Annahme ihres biologischen Körpers oft dramatisch. Vom Ringen um die Annahme des eigenen Körpers, von Fehlentscheidungen und Konsequenzen berichtet ein Fall aus der Praxis. Er gibt auch einige wichtige Hinweise aus der Entwicklungspsychologie und den Sexualwissenschaften. Vor allem wird kritisiert, dass Heute Begriffe der LGBTQ-Bewegung psychiatrische Begriffe ersetzen.


Der Autor:

Markus Hoffmann
Foto: T. Bugula | Markus Hoffmann ist praktischer Theologe, Sozialarbeiter und Entwicklungspsychologe. Er leitet den Studiengang „Leib – Bindung – Identität.

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