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Sankt Martin und das Hufeisen

Martinsumzüge, Laternen und Süßigkeiten gehören bei uns zum Fest des heiligen Martin. Aber was möchte uns dieser große Heilige wirklich lehren?
Hufeisen von St. Martin
Foto: Sandra Maul | „Das ist ja ein Hufeisen!“, ruft Pia erstaunt. „Echt? Wahnsinn!“, ruft Viktor begeistert. „Das hat dir bestimmt der heilige Martin hingelegt“, fiebert Lena mit.

Das zweite Schuljahr hat nun schon lange begonnen und langsam wird es herbstlich. Die Bäume färben sich bunt und die Kastanien fallen zu Boden. Pia hat viel tun: Jeden Tag in die Schule gehen und Hausaufgaben machen, am Wochenende schwimmen und natürlich regelmäßig ihre Freundinnen treffen. Auch heute wird sie einige wiedersehen, denn sie sind verabredet. Es ist nämlich Sankt Martin und die Pfarrgemeinde hat einen Laternenumzug organisiert!

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Pünktlich um 17 Uhr treffen alle Kinder am kleinen Marktplatz ein. Ausgerüstet mit ihren hell leuchtenden Laternen und in Begleitung ihrer Eltern oder Großeltern sind sie auf den Umzug gespannt. Da entdeckt Pia auch schon ihre Freundin Lena. Lena ist zum ersten Mal dabei, weil sie erst seit Kurzem in Deutschland wohnt – sie kommt aus der Ukraine. Die Mädchen begrüßen einander voller Freude. „Hast du die selber gemacht?“, fragt Lena und zeigt auf Katharinas Laterne. „Ja, schon im Kindergarten“, antwortet Pia und zeigt der Freundin stolz ihre mit trockenen Nudeln und bunten Knöpfen gestaltete Laterne. „Die ist aber schön! Ich habe leider keine“, gesteht Lena. „Du kannst meine tragen, wenn du willst“, schlägt Pia vor. „Wirklich, Pia? Das ist aber cool. Danke! Wir können sie zusammen tragen“, meint Lena und Pia nickt.

Schöne Stimmen

Als der Umzug losgeht, beginnen die Erwachsenen zu singen und die Kinder stimmen mit ein. Pia dreht sich um und schaut ihre Eltern kritisch an. Ihre Mama kann den Text, singt aber schief, und der Papa singt gut, kennt aber nur eine einzige Strophe. Pia ist nicht begeistert und wünscht sich, die beiden würden aufhören. Sie will schon etwas sagen, da stößt Viktor zu den Mädchen. Er ist auch in ihrer Klasse und kommt aus Russland. Obwohl er erst ein halbes Jahr in Deutschland lebt, spricht er schon ganz gut Deutsch. „Wow, deine Eltern können gut singen!“, lobt er Pia. Pia weiß zuerst nicht, ob das ein Scherz ist, und schaut Viktor erstaunt an. Dann fügt er hinzu: „Meine Eltern können noch gar nicht Deutsch. Und das Lied kennen sie auch nicht.“ Jetzt weiß Pia, dass Viktor das Lob ernst gemeint hat. Sie schaut ihre Eltern noch einmal an, die fröhlich vor sich her singen, und muss lachen.

Der Laternenumzug dauert noch eine ganze Weile, aber den Kindern ist nicht langweilig. Es macht ihnen Spaß, in der Dunkelheit mit ihren Laternen unterwegs zu sein und so viele bekannte Gesichter um sich herum zu entdecken. Besonders toll finden sie es, dass auch ein Reiter dabei ist. Er führt den Zug an und ist in einen roten Umhang gekleidet. „Das soll der heilige Martin sein“, erklärt Pia ihren Freunden. „Der echte hatte auch ein Pferd und hat seinen Umhang mit einem armen Mann geteilt.“

Der Traum 

„Danach ist ihm Jesus im Traum erschienen, worauf sich Sankt Martin taufen ließ. Und dann wollte er nur noch Jesus und den Armen dienen, in denen er Jesus erkannte“, ergänzt Pias Mutter. Die Kinder nicken. Da erzählt Pia weiter. „Meine Mama hat für heute Sankt Martins-Hörnchen gebacken.“ Die Kinder verstehen das nicht. Pia erklärt ihnen, dass es etwas zu essen ist und wie ein Croissant aussieht. „Dann hat sie also Croissants gemacht?“, hakt Viktor nach. Pia ist sich nicht sicher, ob sie ja oder nein sagen soll. Deshalb erzählt sie die alte Legende aus der Stadt Posen in Polen, wo ihre Mutter herkommt:

„Damals wollte ein Bäcker etwas Gutes für die Armen tun. So, wie der heilige Martin. Aber er hatte keine Idee, was er machen sollte. Als er einmal geschlafen hat, träumte er von Sankt Martin und dass dieser ihn auf seinem Pferd besuche. Als der Bäcker aufwachte, war er ganz traurig, dass das nur ein Traum war. Und da entdeckte er auf dem Fußboden in seinem Schlafzimmer ein Hufeisen! Er betrachtete das Hufeisen ganz glücklich und war sich sicher, dass er von Sankt Martin nicht nur geträumt hat. Dann kam ihm die Idee, ein Gebäck in der Form eines Hufeisens zu backen. Die Hörnchen verteilte er dann kostenlos an die Armen der Stadt, und zwar am Sankt Martins-Tag.“

Eine schöne Geschichte

„Wow, das ist aber eine schöne Geschichte! Ist die wahr?“ „Ich weiß es nicht“, sagt Pia und kommt ins Grübeln. Die Kinder gehen eine Zeit lang im Stillen weiter und jeder denkt nach. Da sieht Pia ganz kurz etwas aufblitzen, hört ein metallisches Klimpern und ein paar Schritte später tritt sie auf etwas Festes drauf. „Was war das?“, fragt sie sich und bleibt stehen. Auf dem Boden liegt etwas Hartes. Pia bückt sich und Lena leuchtet ihr mit der Laterne hin. „Das ist ja ein Hufeisen!“, ruft sie erstaunt. „Echt? Wahnsinn!“, ruft Viktor begeistert. „Das hat dir bestimmt der heilige Martin hingelegt“, fiebert Lena mit. Pias Backen färben sich rot vor Aufregung und sie zeigt das Hufeisen ihren Eltern. „Das hat das Pferdchen verloren“, stellt ihr Vater nüchtern fest. Pia ist enttäuscht von dieser Bemerkung. Hilfesuchend sieht sie ihre Mutter an. „Vielleicht hat es auch jemand anderes verloren?“, sagt sie lächelnd.

Kein Eisen fehlt 

Auf jeden Fall darf Pia das Hufeisen zunächst einstecken. Den Rest des Umzugs gibt es für die drei Freunde nur ein Thema: Wo kam das Hufeisen her? Als am Ende noch das Martinsfeuer entzündet wird, geht Pia mit ihrem Vater zu dem Reiter und zeigt ihm das Eisen. Der Reiter prüft sein Pferd und zur Überraschung aller stellt er fest, dass seinem Pferd kein Hufeisen fehlt. „Dann darfst du es behalten“, sagt Pias Vater zu seiner Tochter. Pia jubelt und läuft sofort zu ihren Freunden, die schon an den Martinsbrezeln knabbern. Sie freuen sich mit Pia und kommen einstimmig zu dem Schluss, dass das Hufeisen ganz sicher der heilige Martin hingelegt hat.

Als Pia am Abend im Bett liegt, fällt ihr die Geschichte des Bäckers aus Posen wieder ein. „Danke, heiliger Martin! Morgen frage ich Mama, ob ich auch etwas für die Armen tun kann!“, ist ihr letzter Gedanke, bevor sie glücklich einschläft.


Agnieszka Will ist promovierte Übersetzerin und schreibt Kindergeschichten auf Deutsch und Polnisch.

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Agnieszka Will

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