Die Rednerliste strotzt einmal mehr vor Polit-Prominenz: Beim 53. „March for Life“, dem amerikanischen Pendant zum Marsch für das Leben, sind US-Vizepräsident J.D. Vance und Mike Johnson, der Sprecher des Repräsentantenhauses, als Redner angekündigt, es soll ein Grußwort von US-Präsident Donald Trump geben, und auch der republikanische Kongressabgeordnete Chris Smith aus New Jersey wird am kommenden Freitag in Washington mit von der Partie sein. Mehrere Zehntausend Teilnehmer werden erwartet, es handelt sich um das größte Lebensschutz-Event des Landes.
Das Motto des Marsches, der beginnend an der National Mall quer durch die US-Hauptstadt bis zum Gebäude des Obersten Gerichtshofs führt, lautet in diesem Jahr: „Life is a gift“, das Leben ist ein Geschenk. Darin komme der Kern der Lebensrechtsbewegung zum Ausdruck, heißt es auf der Website zum „March for Life“: „eine unerschütterliche Überzeugung, dass das Leben sehr gut und es wert ist, unter allen Umständen geschützt zu werden“. Die Veranstalter laden alle dazu ein, „die Schönheit, Güte und Freude des Lebens“ neu zu entdecken.
Abtreibungszahlen steigen immer weiter
Dass es sich auch dreieinhalb Jahre nach dem neuen Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs in der Abtreibungsfrage, „Dobbs v. Jackson Women’s Health Organization“, lohnt, für den Schutz ungeborenen Lebens zu demonstrieren, zeigt ein nüchterner Blick auf die tatsächliche Rechtslage und Alltagspraxis rund um das Thema Abtreibung. Diese bewerten amerikanische Lebensschützer nämlich mit gemischten Gefühlen.
Seitdem „Roe v. Wade“ 2022 gekippt worden war, liegt die Gesetzeshoheit zwar wieder bei den einzelnen Bundesstaaten. Und auch wenn zahlreiche Staaten unter republikanischer Führung zügig striktere Abtreibungsgesetze erließen: Die Abtreibungszahlen sind seit dem neuen Grundsatzurteil nicht gesunken, sondern sogar gestiegen. Das hat einen Grund: die nahezu uneingeschränkte Verfügbarkeit der Abtreibungspille „Mifepriston“. Statistiken zufolge kommt das Präparat inzwischen bei 63 Prozent aller vorgeburtlichen Kindstötungen zum Einsatz. Seit 2021 erlaubt die Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) den Versand der Abtreibungspille per Post, seit 2023 müssen Schwangere nicht einmal mehr persönlich bei einem Arzt vorstellig werden, ehe sie das Mittel verschrieben bekommen.
Zwar gehen die Lockerungen maßgeblich auf die Ära des demokratischen Präsidenten Joe Biden zurück, jedoch wurde auch an Trump, der ganz wesentlich auf die Unterstützung aus dem Pro-Life-Milieu baut, in diesem Zusammenhang in den letzten Monaten immer wieder Kritik geäußert. Denn die Trump-Regierung hatte versprochen, eine gründliche Überprüfung des chemischen Abtreibungspräparats durchzuführen. Zu einer Regulierung kam es jedoch nicht. Im Gegenteil: Im Oktober 2025 erteilte die FDA dem Pharmahersteller „Evita solutions LLC“ die Erlaubnis, eine generische Version der Abtreibungspille auf den Markt zu bringen. Kritiker, unter ihnen auch republikanische Abgeordnete und Senatoren, meldeten erhebliche Bedenken an: Die hohe Zahl medizinischer Zwischenfälle nach der Einnahme zeige, dass das Präparat keinesfalls so wirksam und sicher sei, wie vom Hersteller behauptet. Daher fordern sie, die Abgabe der Pille wieder stärker zu regulieren und das Mittel erneut auf potenziell gesundheitsschädigende Wirkungen zu überprüfen.
Trump sorgt bei vielen Lebensrechtlern für Unmut
Doch der Unmut über die amtierende US-Regierung beschränkt sich nicht auf die Abtreibungspille. Trumps Pläne, die Kosten für In-Vitro-Fertilisation (IVF) zu senken und den generellen Zugang zu Fruchtbarkeitsbehandlungen in den USA auszuweiten, sehen insbesondere Katholiken kritisch. Die katholische Kirche lehnt das IVF-Verfahren ab, da es nicht mit der kirchlichen Lehre vereinbar sei. Anders verhält es sich im evangelikalen Protestantismus, der künstliche Befruchtung als zulässig ansieht. Anfang Januar sorgte Trump unter vielen US-Lebensrechtlern abermals für Kopfschütteln, als er die Republikaner im Kongress aufforderte, flexibler mit dem sogenannten „Hyde Amendment“ umzugehen, das die staatliche Finanzierung von Abtreibung mit Steuergeldern verbietet. Es handelt sich dabei nicht um ein eigenständiges Gesetz, sondern um einen Zusatzklausel, die im legislativen Prozess stets aufs Neue in potenzielle Gesetze hineinverhandelt werden muss.
Unter diesen Umständen dürften manche Demonstrationsteilnehmer vor dem Marsch 2026 wohl einen etwas nüchterneren Blick auf die Trump-Regierung werfen, als sie es noch vor einem Jahr taten. Damals hatten Trump und sein Vize J.D. Vance die US-Lebensschützer gleich in den ersten Tagen ihrer Amtsperiode und pünktlich zum Marsch für das Leben mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen beglückt. Unter anderem setzte Trump die sogenannte „Mexico City Policy“ wieder ein – ein Gesetz, das es verbietet, ausländische Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die Abtreibungen anbieten oder fördern, mit staatlichen Mitteln zu finanzieren. Trumps Vorgänger Biden hatte diese vom Republikaner Ronald Reagan 1984 erstmals eingeführte Leitlinie zu Beginn seiner Amtszeit ausgesetzt.
Unterm Strich setzen US-Lebensschützer ihre Hoffnungen noch immer auf Trump und seine Regierung. Trotz der gestiegenen Abtreibungszahlen und dem weiterhin ungelösten Streit um die Abtreibungspille: Es ist die beste Option, die sie haben, wenn man bedenkt, für welch radikale Abtreibungsagenda nahezu alle demokratischen Politiker stehen. Und auch wenn Trump das Thema Lebensschutz mit Fortschreiten seiner zweiten Amtszeit mit zunehmender Gleichgültigkeit zu behandeln scheint, heißt das nicht, dass er der Pro-Life-Szene nicht weitere Erfolge verschaffte: Man konnte sich beispielsweise darüber freuen, dass der 79-Jährige im Juli ein Gesetz unterzeichnete, das Organisationen wie „Planned Parenthood“, die geschäftsmäßig Abtreibungen anbieten, von der Finanzierung aus dem „Medicaid“-System ausschließt. In der Folge mussten Dutzende „Planned-Parenthood“-Kliniken schließen.
Abtreibungsfrage bleibt für Trumps Wähler wichtiges Thema
Man darf gespannt sein, welche Schwerpunkte Donald Trump und J.D., die sich derzeit eher auf außenpolitische Unterfangen in Grönland oder Venezuela zu konzentrieren scheinen, diesmal setzen werden. Eine wichtige Wählerklientel bleiben die US-Lebensschützer weiterhin: Auch wenn Trump nicht noch einmal zur Wiederwahl antreten kann, steht bei den Zwischenwahl im November für die Republikaner einiges auf dem Spiel. Verlieren sie die Mehrheit in einer der beiden Kongresskammern, ist es vorbei mit der Dominanz in der Legislative, die es Trump ermöglichte, quasi ungehindert durchzuregieren.
Ein Novum gibt es beim diesjährigen Marsch: Jennie Bradley Lichter wird zum ersten Mal als neue Präsidentin des „March for Life“ eine Ansprache an die versammelten Teilnehmer richten. Während der ersten Amtszeit Trumps war sie als Beraterin im Weißen Haus tätig. Aus Lichters Sicht steht die US-Lebensrechtsbewegung 2026 an einem entscheidenden Punkt, auch aufgrund der flächendeckenden Verfügbarkeit der Abtreibungspille. „Wir arbeiten hart daran, Frauen vor dem rücksichtslosen Verkauf chemischer Abtreibungspillen und vor der räuberischen und eigennützigen Abtreibungsindustrie zu schützen“, erklärte sie im Vorfeld des Marsches. Ob sich auch Trump und Vance zu dem Thema äußern werden, von dem für den Schutz ungeborenen Lebens so viel abhängt, wird sich am Freitag zeigen.
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