Donald Trumps dringendes Interesse, die Baustelle Nahost schnellstmöglich zu schließen, und die Sicherheitsinteressen Israels – sie sind nicht mehr in Einklang zu bringen. Denn während die Regierung von Benjamin Netanjahu die militärische Schlagkraft der schiitischen Hisbollah endgültig brechen will, sieht Trumps „Memorandum of Understanding“ mit dem Iran ein dauerhaftes Ende des Krieges an allen Fronten vor, erklärtermaßen auch im Libanon. Netanjahu weiß nun, dass jede israelische Attacke auf Hisbollah-Strukturen den amerikanisch-iranischen Deal gefährdet und Trump verärgert. Und die Hisbollah weiß das auch. Sie und ihre iranischen Hintermänner können also beliebig an der Eskalationsschraube drehen, denn eines ist gewiss: Israel schlägt immer mit voller Wucht zurück.
Diese Maßlosigkeit im Vorgehen, die seit März mehr als 4.100 Libanesen das Leben gekostet hat, brachte Trump öffentlich in Rage: Jetzt müsse „Bibi“ (wie Freund und Feind Netanjahu nennen) im Libanon „verantwortungsbewusster“ sein. Doch wenn Israel mit der Hisbollah nicht fertig werde, „ohne alle anderen zu töten“, dann müsse eben Syriens Übergangspräsident Al-Sharaa diese Aufgabe übernehmen, orakelte Trump. Ein Horrorszenario, das an die finsteren Jahre des sogenannten Libanesischen Bürgerkriegs erinnert. Will der US-Präsident allen Ernstes, dass neben Israel, das weiter als Besatzungsmacht im Südlibanon agiert, auch noch Syrien neuerlich in dem fragilen Land an der Levante einmarschiert? Will er neben den schiitischen Terroristen der Hisbollah auch die sunnitischen Terroristen aus Syrien hier wirken lassen? Soll der Libanon erneut zum Kampfplatz der verfeindeten Regionalmächte werden?
Wer Frieden will, muss den Libanon stabilisieren
Immerhin hat der Ex-Terrorist Al-Sharaa, der seit seiner Machtübernahme in Damaskus im Dezember 2024 Kreide gefressen hat und sich als Staatsmann gibt, Trumps Ansinnen sogleich zurückgewiesen: Man strebe nach wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Syrien und dem Libanon, nicht nach militärischen. Tragisch jedoch bleibt, dass der Libanon weiterhin als Spielball der Mächte behandelt wird, nicht aber als souveräner Staat. Diese Souveränität zu stärken und den Libanon als Staat zu stabilisieren, wäre ein zentraler Baustein für einen Frieden in Nahost.
Genau darum ringt der libanesische Präsident Joseph Aoun, der als maronitischer Christ das einzige christliche Staatsoberhaupt eines arabischen Landes ist. Er sagt, die libanesische Regierung werde „nichts weniger hinnehmen als ein Ende der israelischen Besatzung und das gleichzeitige Ende der Vormundschaft von außen“. Das ist eine mehrfache Kampfansage, denn damit fordert Aoun nicht nur den militärischen Abzug Israels, sondern auch ein Ende des iranischen Einflusses auf die Schiiten im Libanon. Diesen zu brechen, wird die schwierigste Aufgabe. Und sie ist gewiss nicht durch einen zusätzlichen radikal-sunnitischen Einfluss von außen – aus Syrien nämlich – zu lösen.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









