Bereits zum wiederholten Mal hat die proiranische Hisbollah-Miliz durch Raketenbeschuss von Zielen in Israel den Libanon – gegen den Willen des Großteils der Bevölkerung – in einen zerstörerischen Krieg mit dem übermächtigen Nachbarn im Süden verwickelt. Es ist rätselhaft, was sich die Hisbollah davon erhofft, zumal sie noch von den Folgen des letzten Waffengangs im Herbst 2024, bei dem die gesamte Führungsspitze der Miliz durch gezielte israelische Angriffe eliminiert wurde, geschwächt ist. Aber vermutlich waren der Schock und die Empörung über die gezielte Ermordung von Ayatollah Ali Khamenei, dem obersten Führer des Iran und geistlichen Oberhaupt der Schiiten, durch einen gezielten israelischen Luftangriff so groß, dass man sich zum Handeln gezwungen sah.
Die Folgen für den Libanon, der sich noch immer in der schlimmsten Wirtschaftskrise seiner Geschichte befindet, sind verheerend. Nach wie vor sind die Schäden des letzten Kriegs im Südlibanon nicht vollständig beseitigt, und viele Bewohner der Dörfer im Grenzgebiet, das damals zum Kampfgebiet wurde, konnten erst vor Kurzem in ihre Häuser zurückkehren. Nun sind sie wieder auf der Flucht und müssen erneut um ihre Existenz fürchten. Erstmals hat die israelische Armee im aktuellen Konflikt nicht nur die Menschen von über 50 Ortschaften im Grenzgebiet sowie jene in der näheren Umgebung potenzieller Angriffsziele zur sofortigen Flucht aufgefordert, sondern zur Evakuierung dicht besiedelter schiitischer Stadtteile im Süden der Hauptstadt Beirut aufgerufen.
Familien schlafen in Parks und auf öffentlichen Plätzen
Das hat zu Panik geführt und die Zahl der Inlandsvertriebenen in kürzester Zeit massiv erhöht. 700 Massenquartiere, zumeist öffentliche Schulen, beherbergen schon mehr als 130.000 Vertriebene, während noch viel mehr bei Verwandten, Bekannten oder Gastfamilien untergekommen sind oder temporär Unterkünfte in als sicher geltenden Landesteilen gemietet haben. Selbst in Parks und auf öffentlichen Plätzen campieren und schlafen ganze Familien, die sonst nirgendwo Unterschlupf finden konnten. Im Gegensatz dazu harren die Bewohner einiger christlicher Ortschaften im Grenzgebiet trotz der prekären Lage nach wie vor in ihren Dörfern aus. Sie fürchten, dass im Fall ihrer Flucht ihre leer stehenden Häuser geplündert oder besetzt werden könnten, sei es von anderen Vertriebenen oder Hisbollah-Kämpfern. Letzteres würde die Gebäude zu potenziellen Angriffszielen machen.
Nach dem verheerenden Krieg von 2024 ist die libanesische Bevölkerung kriegsmüde und hat genug von den ständigen bewaffneten Auseinandersetzungen mit Israel. Die Menschen sind verbittert und wütend auf die Hisbollah, der vorgeworfen wird, dass sie nicht die Interessen des eigenen Landes, sondern nur die ihrer iranischen Schirmherren vertritt. Bemerkenswert ist, dass die libanesische Regierung die militärischen Aktivitäten der Hisbollah nun für illegal erklärt hat, was bedeutet, dass sich ihr Status von einer seit vielen Jahren im Land teils geduldeten Widerstandsbewegung zu einer verbotenen Organisation verändert hat.
Der libanesische Staat ist praktisch bankrott
Erstmals wurden bewaffnete Hisbollah-Mitglieder auf dem Weg von Beirut in den Süden des Landes an einem Kontrollposten der libanesischen Armee verhaftet. Die Regierung steht unter Druck, die auch von den USA geforderte Entwaffnung der Miliz durchzusetzen. Dies würde dem Wunsch vieler Libanesen, vor allem der Christen im Land, entsprechen, birgt aber die Gefahr einer bewaffneten Auseinandersetzung mit der Hisbollah, die zwar massiv geschwächt, jedoch immer noch eine ernst zu nehmende Kraft ist.
Nun gilt es zunächst, Nothilfe für die Vertriebenen und die Kriegsopfer im Land zu leisten. Der libanesische Staat, der praktisch bankrott ist, ist mit dieser Aufgabe heillos überfordert, weshalb der Tätigkeit der Hilfsorganisationen große Bedeutung zukommt. Bereits im Krieg von 2024 hat etwa das Hilfswerk „Initiative Christlicher Orient“ (ICO) über lokale Partner die Vertriebenen unterstützt und will dies auch jetzt wieder tun. So sollen die Bewohner von Massenquartieren, die dort nicht selbst kochen können, mit warmen Mahlzeiten unterstützt und Vertriebene, die bei Gastfamilien Aufnahme gefunden haben, mit Lebensmitteln, Kochmaterialien und Hygieneartikeln versorgt werden.
Der Autor ist Projektkoordinator der „Initiative Christlicher Orient“ (ICO).
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.






