Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Schikanen und Einschüchterungen

Das Herz des syrischen Christentums

Das syrische Regime wirft den Christen von Sednaya vor, im Krieg dschihadistische Kämpfer getötet und in Massengräbern verscharrt zu haben. Es nutzt den Vorwand zu Schikanen und Einschüchterungen
Sednaya
Foto: Stephan Baier | Christliche Glaubensburg in zunehmend feindlicher Umgebung: Sednaya mit seinem orthodoxen Kloster ist das Herz des traditionsreichen syrischen Christentums.

Keine drei Monate sind vergangen, seit bewaffnete Gruppen in Syrien die christliche Stadt Suqailabiyya überfielen. In der Nacht vom 27. auf 28. März plünderten sie Geschäfte und Häuser, belästigten Frauen und bedrohten Zivilisten mit Gewalt. Die Sicherheitskräfte griffen nicht ein, sondern beteiligten sich an den pogromartigen Ausschreitungen. Beobachter vermuteten dahinter eine Racheaktion. Im Syrienkrieg hatten sich die Christen erfolgreich gegen die Dschihadisten aus Idlib gewehrt. Ihr Frontmann, Ahmed al-Sharaa, ist seit Dezember 2024 „Übergangspräsident“. Die European Syriac Union (ESU) bezeichnete die bewaffneten Gruppen ausdrücklich als mit al-Sharaa verbündet.

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Nach dem islamistischen Selbstmordanschlag auf die griechisch-orthodoxe Mar-Elias-Kirche am 22. Juni 2025 war dies das zweite Menetekel für die christliche Gemeinschaft, die der jahrelange Krieg dezimiert oder ins Ausland vertrieben hatte. Auch haben Christen unter Diskriminierung, Einschüchterung und Ausschluss zu leiden. Bekanntestes Beispiel ist die Inhaftierung des christlichen Bürgermeisters Suleiman Khalil, der den Dschihadisten im Krieg Widerstand leistete und nach dem Machtwechsel ohne Anklage in ein Militärgefängnis verschleppt wurde. Nach Aussagen lokaler Gesprächspartner werden Christen im „neuen Syrien“ nun Stellen in der Administration versagt.

Weg von religiöser Vielfalt hin zur Islamischen Republik

Damaskus verfolgt den Weg zur Homogenisierung: weg von Pluralismus und religiöser Vielfalt hin zur Islamischen Republik. Das Massaker an den Alawiten im März 2025, die Angriffe auf Drusen im Sommer 2025 und der Überfall auf die kurdisch kontrollierten Gebiete zu Jahresbeginn 2026 bezeugen dies.

In Sednaya kündigt sich jetzt das nächste Kapitel der Unterdrückung an. Die christliche Kleinstadt liegt 30 Kilometer nördlich von Damaskus. Markant erhebt sich der Dschebel Cherubim mit seinen Kirchen, Klöstern und einer monumentalen Christusstatue über dem Ort. Das syrische Regime riegelte Sednaya in den vergangenen Tagen mit Straßensperren ab. Autos und Busse wurden streng kontrolliert. Die Schikanen dauerten mitunter vier Stunden. Beleidigungen gegen den christlichen Glauben begleiteten die Kontrollen. 

Am 13. Juni wurden vier Christen – George Mansour, Rabee Moussa, Boutros al-Sheikh und Shihab Yacoub – ohne Angabe von Gründen verhaftet und nach Damaskus in ein Zentrum der Staatssicherheit gebracht. Dort werden sie immer noch verhört. Beobachter gehen davon aus, dass die vier Männer schwerer Folter ausgesetzt sind. „Christian Solidarity International“ (CSI) liegen Berichte vor, dass die dschihadistischen Sicherheitskräfte anhand einer konkreten Namensliste derzeit mehr als 90 Einwohner Sednayas suchen, um sie festzunehmen.

Verleumderische Artikel gegen die Christen Sednayas

Hintergrund waren mehrere verleumderische Artikel gegen die Christen Sednayas in den sozialen Medien. Zwei Personen wird da eine Schlüsselrolle zugeschrieben: ein Blogger, der die Hetze in den Netzwerken postete, sowie ein früher für die Region Qalamoun zuständiger Kommandeur der al-Nusra-Front. Der Blogger behauptete, die Christen Sednayas hätten im Jahr 2014 während der Kämpfe um den Dschebel Cherubim Kämpfer des IS und der al-Nusra-Front getötet und in Massengräbern verscharrt. Das Innenministerium nutzte diese Gerüchte als Anlass für die eigenen Maßnahmen.

Während die Kontrollpunkte um Sednaya inzwischen entfernt wurden, bleibt die Straße zum Gipfel des Cherubim-Berges und dem Kloster Deir Cherubim geschlossen. Anwohnern wurde durch die Sicherheitskräfte al-Sharaas mitgeteilt, dass dort Munitionsreste gefunden worden seien, die kontrolliert gesprengt werden müssten. In der Bevölkerung bestehen jedoch erhebliche Zweifel an dieser Darstellung. Einige vermuten, dass diese Begründung dazu dienen könnte, die Zerstörung frühchristlicher Stätten und des Klosters auf dem Gipfel des symbolträchtigen Berges zu verschleiern. 

Sednaya gilt mit seinem auf den oströmischen Kaiser Justinian (527–565) zurückgehenden griechisch-orthodoxen Kloster, das eine wundertätige Marienikone birgt, und dem weithin sichtbaren Cherubim-Berg als Herz des syrischen Christentums. Anders als das nahe christliche Dorf Maalula wurde Sednaya während des Syrienkrieges nie von dschihadistischen Terroristen eingenommen. Eine christliche Bürgerwehr verteidigte den Ort erfolgreich.

Übergriffe und Racheaktionen durch dschihadistische Gruppen

Seit dem Sturz des Assad-Regimes ist die Bevölkerung Sednayas Übergriffen und Racheaktionen dschihadistischer Gruppen ausgesetzt. So entfernte im Februar eine Gruppe junger Muslime die syrische Flagge vom Hauptplatz der Stadt und ersetzte sie durch das Banner von al-Qaida, während sie „Allahu Akbar“ skandierte. Anwesende Sicherheitskräfte des Regimes sagten den Christen der Stadt, dass die Fahne der Dschihadisten nicht entfernt werden dürfe. Eine christliche Jugendgruppe erklärte daraufhin am 23. Februar: „Die Glocken von Sednaya werden weiterhin für Frieden und Liebe läuten und sich nicht von Stimmen einschüchtern lassen, die dem Geist dieses Landes fremd sind. Wir bleiben hier, verwurzelt wie seine Olivenbäume, bewahren unsere Geschichte und blicken in eine Zukunft, die von gegenseitigem Respekt und Gleichheit unter dem Dach der Heimat geprägt ist.“


Der Autor ist katholischer Priester und Geschäftsführer von CSI Deutschland.

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